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Gesundheit

Menschen in Deutschland leiden zunehmend an Herzschwäche

Was leistet die Herzmedizin gegen die Volkskrankheit Herzinsuffizienz?

Deutscher Herzbericht: Weiterhin hohe Sterblichkeit durch Herzinsuffizienz
und andere Herzkrankheiten. Spitzenvertreter der deutschen Herzmedizin
fordern frühzeitigere Prävention der Risikofaktoren von Herz-Kreislauf-
Erkrankungen und effizientere Vernetzung der Fachgebiete in der Versorgung
herzkranker Kinder und Erwachsener

Atemnot bei Belastung, generelle Leistungseinschränkung,
Wassereinlagerungen im Körper sowie eine schlechtere Lebensqualität und
deutlich reduzierte Überlebensprognose: die Herzschwäche
(Herzinsuffizienz) markiert einen starken Einschnitt in das Leben der
Patient:innen. Die Herzinsuffizienz ist nicht nur die häufigste
Einzeldiagnose für eine stationäre Krankenhausbehandlung in Deutschland.
Sie zählt zugleich zu den zehn häufigsten Todesursachen und ist ein
Hauptfaktor für den Plötzlichen Herztod (über 65.000 Todesfälle pro Jahr).
Während zwar die Sterblichkeit durch Herzschwäche seit mehreren Jahren
kontinuierlich abnimmt und mit 35.131 Gestorbenen im Jahr 2021 ihren
niedrigsten Wert erreicht, zeichnet sich seit 2022 eine Trendwende in der
Mortalität mit einer Zunahme auf 37.570 Gestorbene ab. Außerdem bewegt
sich die Zahl der vollstationären Krankenhausaufnahmen mit 446.814
Hospitalisierungen weiterhin auf hohem Niveau (2021: 438.589, 2020:
429.104). „Diese Entwicklung und ihre Ursachen bedürfen einer genaueren
Beobachtung. Die Herzinsuffizienz – ein Syndrom durch verschiedene
Herzkrankheiten mit Auswirkungen auf weitere Organe wie Hirn, Lunge und
Niere – stellt unser Gesundheitssystem und unsere Gesellschaft vor eine
enorme Herausforderung, der sich alle an der Patientenversorgung
beteiligten Fachgebiete mit hoher Intensität widmen müssen“, betont Prof.
Dr. Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung,
bei der Vorstellung des aktuellen Deutschen Herzberichts – Update 2024
gemeinsam mit den wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften für
Kardiologie (DGK), für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG), für
Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen (DGPR) sowie
für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler (DGPK)
(<www.herzstiftung.de/herzbericht>).
Die chronische Herzinsuffizienz ist in den meisten Fällen das Endstadium
von Herzkrankheiten wie koronare Herzkrankheit (KHK),
Herzklappenerkrankungen, Herzrhythmusstörungen und angeborene Herzfehler.
Auch bei diesen Herzkrankheiten dokumentiert der Herzbericht eine
Sterblichkeitszunahme für das Jahr 2022:

-       Koronare Herzkrankheit (Ischämische Herzkrankheiten): 125.984
Verstorbene (2021:
121.172) davon akuter Herzinfarkt: 46.608 Gestorbene (2021: 45.181)
-       Herzklappenerkrankungen: 22.087 Gestorbene (2021: 20.453)
-       Herzrhythmusstörungen: 30.618 Gestorbene (2021: 28.219)
-       Angeborene Herzfehler: 685 Gestorbene (2021: 606)

„Wir müssen in der medizinischen Versorgung der Herzschwäche mit bis zu
vier Millionen Betroffenen in Deutschland interdisziplinär,
multiprofessionell und noch stärker vernetzt vorgehen. Im Vordergrund
stehen neben differenzierten Therapien vor allem auch die Maßnahmen der
Prävention. Dadurch können die Hauptursachen für eine Herzinsuffizienz –
koronare Herzkrankheit und Bluthochdruck – wirksam angegangen werden“,
betont der Herzstiftungs-Vorsitzende Prof. Voigtländer. „Darüber hinaus
müssen wir noch effizienter medizinische Innovationen der Diagnostik,
Therapie und Rehabilitation für eine präzise und individuelle Behandlung
der Herz-Kreislauf-Erkrankungen nutzen, die den Boden für eine
Herzinsuffizienz bereiten.“ Die weiterhin hohe Krankheitslast und
Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit über 348.000
Todesfällen pro Jahr zeigen, dass sich weite Teile der Bevölkerung
Deutschlands nicht in ausreichender therapeutischer Versorgung befinden
oder gar nicht versorgt sind. Anreize für eine Verbesserung der Situation
sehen die Herzstiftung und alle Mitglieder der Nationalen Herz-Allianz
(NHA) im Gesundes-Herz-Gesetz (GHG). „Dieses Gesetz ist ein möglicher
effektiver Beitrag, die Herzgesundheit in der Bevölkerung zu verbessern
und die Krankheitslast und Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen
zu senken. Das erfordert gemeinsame Anstrengungen aller beteiligten
Fachgebiete: der Kardiologie, Herzchirurgie, Kinderkardiologie und Herz-
Kreislauf- Rehabilitation“, so Voigtländer.
Der Deutsche Herzbericht – Update 2024 wird herausgegeben von der
Deutschen Herzstiftung in Zusammenarbeit mit den wissenschaftlich-
medizinischen Fachgesellschaften DGK, DGTHG, DGPR und DGPK und kann unter
<www.herzstiftung.de/herzbericht> kostenfrei abgerufen werden.

Wachsende Zahl der Herzschwäche-Fälle auch wegen Altersentwicklung trotz
medizinischer Innovationen
Wegen des demografischen Wandels wird die Gesellschaft immer älter und in
der Folge nimmt der Anteil der herzinsuffizienten Patient:innen noch
weiter zu. Besonders ab 65 Jahren steigt die Zahl der
Krankenhauseinweisungen steil an: 13-mal mehr Patient:innen im Vergleich
zur Gruppe der 45- bis unter 65-Jährigen. Herzinsuffiziente Patient:innen
über 85 Jahren repräsentieren die größte Gruppe der vollstationären
Hospitalisierungen. „Zum einen wurden die Diagnose- und
Behandlungsmöglichkeiten bei Herzkrankheiten wie der KHK, die eine
wesentliche Ursache des Herzinfarkts ist, aber auch bei
Herzrhythmusstörungen, Herzklappenerkrankungen und angeborenen Herzfehlern
deutlich verbessert, so dass diese Patient:innen länger leben und häufig
eine Herzschwäche erst im höheren Lebensalter ausbilden“, erklärt der
Kardiologe Prof. Dr. Holger Thiele, Präsident der Deutschen Gesellschaft
für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK).
„Aber auch durch die modernen Therapieverfahren der Herzschwäche erreichen
diese Patient:innen ein zunehmend höheres Lebensalter. Entscheidende
Fortschritte konnten durch die neuen, sehr effektiven medikamentösen
Behandlungsmöglichkeiten erreicht werden. Aber auch die Weiterentwicklung
interventioneller und chirurgischer Therapien verbessert die
Lebensqualität und Prognose dieser Patient:innen.“ Thiele und Falk nennen
beispielhaft die katheterbasierte Ablation bei Vorhofflimmern, die
kathetergestützte Behandlung der Mitralklappeninsuffizienz und der
Aortenklappenstenose (TAVI) sowie die modernen operativen Verfahren bei
diesen Herzklappenfehlern. Häufig kann ein begleitendes Vorhofflimmern
auch im Rahmen der operativen Eingriffe mitbehandelt werden. All diese
Verfahren tragen zur Verbesserung der Herzleistung bei Herzschwäche bei.

Pandemiejahr 2022: Patient:innen mieden wegen Covid Krankenhäuser –
rückläufige Zahlen der herzmedizinischen Versorgung
Die bereits für die Pandemiejahre 2020 und 2021 dokumentierte
Covid-19-bedingte Rückläufigkeit in der kardiologischen und
herzchirurgischen Versorgung von Erwachsenen und Kindern, insbesondere bei
den sogenannten elektiven, d. h. planbaren Eingriffen und in der
kardiologischen Reha, setzte sich 2022 fort. Von 2018 zu 2022 kam es zu
einer deutlichen Abnahme bei herzchirurgischen und kardiologischen
Eingriffen wie Koronarangiographien, PCIs, Schrittmacher-/ICD-
Implantationen beziehungsweise isolierten Koronaroperationen. Ebenso
weisen mit Ausnahme der Herzklappenerkrankungen (+1,8 Prozent) im Jahr
2022 die Häufigkeiten der diagnostizierten Herzerkrankungen wie KHK (-16,6
Prozent), Herzinsuffizienz (-8,0 Prozent) oder Angeborene Herzfehler (-7,9
Prozent) eine relative Abnahme auf, wie der Deutsche Herzbericht zeigt.
„Wir sehen auch diese Zahlen mit Besorgnis unter anderem mit Blick auf
mögliche Auswirkungen auf die Sterblichkeit. Die Zahlen lassen darauf
schließen, dass entweder Patient:innen aus Angst vor einer Infektion einen
Krankenhausaufenthalt vermieden oder umgekehrt Kliniken ihre Aufnahmen
zweitweise auf Notfälle beschränkt haben und selbst für diese nicht immer
ausreichende Kapazitäten vorhalten konnten“, berichtet der Herzstiftungs-
Vorsitzende und Kardiologe Voigtländer. „Für die Zukunft muss auch die
Resilienz der herzmedizinischen Versorgung in Ausnahmesituationen wie der
Covid-Pandemie im Fokus der Herzmedizin bleiben“, so sein Fazit.

Diagnose Herzschwäche: Was leisten Medikamente und Schrittmacher-
Therapien?
Herzinsuffizienz ist nach wie vor nicht heilbar. Nur in einzelnen Fällen
wie einer ausgeheilten Herzmuskelentzündung (Myokarditis) oder einem
behobenen Herzklappenfehler kann ein Herz wieder gesund werden. „Mit
Medikamenten können wir die Sterblichkeit senken und bei Patient:innen mit
einer chronischen Herzschwäche zu einer besseren Lebensqualität verhelfen
sowie das Fortschreiten der Herzinsuffizienz verlangsamen“, berichtet der
Kardiologe und DGK-Präsident Prof. Thiele. Heute empfehlen Leitlinien eine
Therapiestrategie mit vier Medikamentengruppen: Betablocker, ACE-
Hemmer/Sartane oder ARNIs (Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitor), MRA
(Mineralkortikoid-Rezeptorantagonisten) und SGLT-2-Hemmer.
Herzschwäche-Patient:innen mit Wassereinlagerungen im Körper (Ödeme)
erhalten Diuretika. „Diese Medikamente verbessern bei konsequenter
Einnahme die Prognose, indem sie den Herzmuskel stabilisieren und dadurch
unter anderem auch lebensgefährliche Rhythmusstörungen reduzieren“,
erklärt Thiele. Laut Herzbericht zählen Herzinsuffizienzmedikamente zu den
verordnungsstärksten Arzneimitteln, zum Beispiel Angiotensinhemmstoffe
(Rang 1 mit 10,8 Mrd. Tagesdosen) und Betarezeptorenblockern (Rang 3 mit
2,1 Mrd. Tagesdosen).
Bringen Medikamente keine ausreichende Verbesserung der Herzschwäche,
kommen vielen Patient:innen in fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung
implantierbare medizinische Geräte (CIED) zu Hilfe: beispielsweise durch
die Implantation eines Herzschrittmachers (bei zu langsamem/schwachem
Herzschlag) oder eines Defibrillators (bei gefährlich unregelmäßigem
Herzschlag). Ein sogenanntes CRT-System zur kardialen
Resynchronisationstherapie dient dazu, die Kontraktion der Herzkammern zu
synchronisieren und damit die Pumpfähigkeit des Herzens zu verbessern.
„Die CRT-Therapie kann die Prognose der Patient:innen verbessern und bei
mindestens der Hälfte der Patient:innen auch die Lebensqualität“,
berichtet Thiele. 2022 wurden insgesamt 12.849 Neuimplantationen von CRT-
Geräten in Deutschland vorgenommen. Eine telemedizinische Überwachung
durch ein spezielles Herzschwäche-Team kann die Kontrolle der Geräte und
der Herzleistung verbessern, indem verschiedene Fachgebiete
zusammenarbeiten. Die Kommunikation zwischen stationärer und ambulanter
Patientenversorgung wie in den sogenannten Heart Failure Units (HFUs) –
eine Initiative der DGK, DGTHG und des Bundesverbands Niedergelassener
Kardiologen - könnte an Bedeutung in der Versorgung von Herzschwäche-
Patient:innen hinzugewinnen. In Deutschland gibt es rund 235
erstzertifizierte HFU-Zentren, -Kliniken und -Praxen. „Zusammen mit den
HFUs dürfte das vom Gemeinsamen Bundesausschuss etablierte Telemonitoring
der Herzinsuffizienz im vertragsärztlichen Bereich die
Versorgungssituation in Deutschland verbessern helfen“, betonen DGK-
Präsident Prof. Thiele und DGTHG-Präsident Prof. Falk.

Herzschwäche durch Vorhofflimmern: Herzmedizin setzt auf Ablationstechnik
Vorhofflimmern und Vorhofflattern zählen nach Erhebungen im hausärztlichen
und stationären Bereich zu den zehn häufigsten Begleitdiagnosen von
Herzschwäche- und KHK-Patient:innen, wie der aktuelle Herzbericht zeigt.
Dauerhaftes Vorhofflimmern hat einen sehr negativen Einfluss auf eine
Herzinsuffizienz. Auch erhöht Vorhofflimmern die Sterblichkeit und
Schlaganfallrate. „Vorhofflimmern zu beseitigen, hat immer positive
Effekte auf eine Herzschwäche, bei jedem Schweregrad“, betont Prof.
Voigtländer. 2022 wurden 107.886 Katheterablationen durchgeführt (2021:
102.737). „Für ein hohes Maß an Qualität spricht, dass mehr als die Hälfte
der abladierenden Zentren über 200 Ablationen pro Jahr durchführen“,
betont DGK-Präsident Thiele. Gemäß einer Empfehlung der US-amerikanischen
und europäischen Fachgesellschaften für Elektrophysiologie (HRS/EHRA) in
einem Consensus-Statement (2024) wird bei etwa fünf Prozent der
herzchirurgischen Eingriffe Vorhofflimmern mittherapiert. Die führende
Grunderkrankung dieser Patient:innen sind Mitralklappenfehler, bei etwa
einem Drittel die KHK.

Gefäßstützen retten Herzmuskel: Akutversorgung von Herzinfarkt-
Patient:innen durch Stents
Die KHK mit 538.277 vollstationären Klinikeinweisungen 2022 ist die
wesentliche Ursache des Herzinfarkts und nach wie vor bei rund Zweidrittel
aller Patient:innen Hauptursache der Herzinsuffizienz. Bei der
Akutversorgung des Herzinfarkts trägt insbesondere die kathetergestützte
Aufdehnung des verengten Herzkranzgefäßes beziehungsweise die
Rekanalisation eines verschlossenen Koronargefäßes mit einem Stent/Ballon
(Perkutane Intervention, PCI) dazu bei, die Durchblutung des betroffenen
Herzmuskelareals zu verbessern oder wiederherzustellen. „Große
Herzinfarkte können heute frühzeitiger und effektiver behandelt werden.
Somit lassen sich vor allem Todesfälle verhindern. In der Folge gibt es
aber mehr Patient:innen mit Herzschwäche oder eine schon bestehende
Herzschwäche wird durch einen Herzinfarkt sogar noch verschlechtert“,
betont DGK-Präsident Prof. Thiele. 295.429 PCI (IQTIG-Daten) wurden im
Jahr 2022 ambulant und stationär durchgeführt. „Die Zahlen der PCI-
Eingriffe bewegen sich weiterhin auf einem hohen Niveau, was auch dem
Anstieg des Durchschnittsalters der Bevölkerung aufgrund der
Altersverteilung geschuldet ist“, interpretiert der Leipziger Kardiologe
Thiele die Zahlen. Allerdings sei neben der PCI immer eine
„leitliniengerechte medikamentöse Therapie der kardiovaskulären
Risikofaktoren Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes
mellitus sowie durch Lebensstilmaßnahmen wie Rauchstopp, regelmäßige
Bewegung und gesunde Ernährung besonders wichtig“, betont Thiele.

Herzmuskel retten mit der koronaren Bypass-OP: häufigste Herzoperation
Die häufigste Herzoperation überhaupt – von insgesamt 89.523
herzchirurgischen OPs - ist die aorto-koronare Bypassoperation (ACB) mit
bundesweit 36.167 Eingriffen (2022) (Männer: 28.729; Frauen: 7.438). Die
ACB-Operation kommt bei KHK-Patient:innen bei der interventionell schwer
zu behandelnden Hauptstammstenose (bei ca. 30 Prozent der Operationen) und
der 3-Gefäßerkrankung (bei ca. 30 Prozent der OPs) zum Einsatz. Denn hier
reicht eine Aufdehnung hochgradig verengter oder verschlossener Herzgefäße
durch einen Ballon oder Stent nicht aus. Das Gefäß kann nur noch durch
einen Bypass „umgangen“ werden, der die Durchblutung des Herzmuskels
sichert. „Die Bypassoperation ist vor allem aufgrund der hervorragenden
Langzeitergebnisse für Patient:innen mit komplexer koronarer
Mehrgefäßerkrankung und mit komplexen Verengungen (Stenosen) die Therapie
der ersten Wahl“, betont der Herzchirurg Prof. Dr. Volkmar Falk, Präsident
der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG)
mit Verweis auf die Leitlinien. Insbesondere Patient:innen mit Diabetes
mellitus und bereits eingeschränkter Herzleistung profitierten von dem
herzchirurgischen Eingriff. Von den 36.167 Bypass-OPs waren 27.994
isoliert und weitere 8.173 erfolgten zumeist in Kombination mit
Herzklappenoperationen. „Das Heart-Team aus Kardiologen, Herzchirurgen,
und Anästhesisten gibt Patient:innen mit KHK eine individuelle Empfehlung
für eine medikamentöse oder invasive – kathetergeführte oder
herzchirurgische – Therapie, wenn es die Konstellation der
Gefäßproblematik erfordert“, erklärt DGTHG-Präsident Prof. Falk.
Die Altersentwicklung zeigt sich auch hier: Allein auf die über
80-Jährigen entfallen 9,3 Prozent der Bypass-Operationen, die über
70-Jährigen machen 40,7 Prozent aus. Aber auch die Jüngeren unter
50-Jährigen haben seit Jahren einen festen Anteil um die 4 Prozent.
„Jüngere Patient:innen profitieren vor allem von der Nachhaltigkeit der
koronaren Bypassoperation“, so DGTHG-Präsident Falk.

Chest-Pain-Unit (CPU): Wichtiger Baustein der Infarktversorgung –
ausbaufähig in östlichen Bundesländern
Ein ebenso wichtiger Baustein der Notfallversorgung von Patient:innen mit
akutem Koronarsyndrom (ACS:  Herzinfarkt, instabile Angina pectoris) sind
die bundesweiten rund 370 von der DGK zertifizierten Chest-Pain-Units
(CPU). Eine CPU ist eine spezialisierte Abteilung in einem Krankenhaus,
die sich auf die schnelle Diagnose und Behandlung von Patient:innen mit
akuten Brustschmerzen und Verdacht auf ACS konzentriert. Sie ist mit
modernen Geräten für die Notfallversorgung ausgerüstet und rund um die Uhr
erreichbar. „Das macht die CPU zu einer wichtigen Notfall-Einheit in der
Versorgung schwerwiegender Erkrankungen wie dem ACS, aber auch anderer
lebensbedrohlicher kardialer Ereignisse wie der hochgradigen
Aortenklappenstenose, der dekompensierten Herzschwäche oder krisenhaft
erhöhten Bluthochdruckwerten“, betont der Herzstiftungs-Vorsitzende Prof.
Voigtländer. „Wir müssen darauf hinwirken, dass die Verbreitung der CPUs
voranschreitet, vor allem in den östlichen Bundesländern, wo es noch viele
Gebiete mit geringer CPU-Dichte gibt.“

Herzschwäche, weil die Ventile versagen: Therapie von
Herzklappenerkrankungen
Neben der KHK können auch Klappenerkrankungen zur Herzinsuffizienz führen.
„Bei den häufigsten Herzklappenerkrankungen, der hochgradigen
Aortenklappenstenose und Mitralklappeninsuffizienz, wird die Prognose der
Herzinsuffizienz wiederum verbessert, wenn rechtzeitig eine
interventionelle oder herzchirurgische Therapie durchgeführt wird“,
betonen Prof. Thiele und DGTHG-Präsident Prof. Falk. Im Jahr 2022
erreichte die Sterblichkeit an Herzklappenerkrankungen die höchste
Todesrate mit 21,9 von 100.000 Einwohnern seit Erfassung und es kam zu
103.894 vollstationären Krankenhausaufnahmen wegen einer
Herzklappenerkrankung, in den meisten Fällen an der Aorten- und der
Mitralklappe. „Beim Ersatz der Aortenklappe hat sich die kathetergestützte
Aortenklappenimplantation (TAVI) als Standardverfahren für Patient:innen
ab dem 75. Lebensjahr oder einem hohen operativen Risiko etabliert“,
berichtet DGK-Präsident Thiele. Eine Zunahme von TAVI bei jüngeren
Patient:innen zeige sich bislang noch nicht, ergänzt Prof. Falk. TAVI
wurde 23.991-mal im Jahr 2022 durchgeführt. Die kathetergeführte
Mitralklappentherapie erfolgte 7.434-mal. Die behandelten Patient:innen
waren im Mittel 78 Jahre alt.
2022 erhielten 7.778 Patient:innen einen isolierten Aortenklappenersatz
(2021: 7.502) und 6.353 isolierte Mitralklappen-Operationen wurden
durchgeführt (2021: 6.052); in 64,7 Prozent der Fälle konnte die
Mitralklappe mittels Rekonstruktion erhalten werden. „Bei fast 60 Prozent
der Patient:innen erfolgte die Operation durch einen minimal-invasiven
Zugang“, betont Prof. Falk.

Herzinsuffizienz im Endstadium: Herzunterstützungssystem als Option
Für Patient:innen mit schwerer Herzinsuffizienz im Endstadium ist die
Herztransplantation eines Spenderorgans unangefochten der Goldstandard.
Allerdings standen 2023 in Deutschland 1.094 (2022: 699) Herzpatienten auf
der Warteliste nur 330 Herztransplantationen (2022: 358) gegenüber. Für
diese Patient:innen der Spenderherz-Warteliste gibt es bis zur sehr
seltenen Erholung des Herzmuskels oder zur Überbrückung bis zur
Transplantation die Option eines Herzunterstützungssystems. Am häufigsten
kommt das Linksherzunterstützungssystem (LVAD) zum Einsatz, 2022 mit 655
Implantationen (2021: 731). „Gerade bei der Versorgung von Patient:innen
mit schwerer Herzinsuffizienz im Endstadium stellt die LVAD-Therapie einen
wichtigen Therapiebaustein dar, der auch von den Kardiolog:innen vermehrt
berücksichtigt werden sollte“, so der Herzstiftungs-Vorsitzende Prof.
Voigtländer. Es sind auch ventrikuläre Assist-Systeme für den rechten
Ventrikel oder für beide Herzkammern (RVAD, BVAD) verfügbar. Die meisten
der permanent implantierbaren Systeme, vorrangig LVAD, werden meist in
herzchirurgischen Fachabteilungen implantiert, die auch gleichzeitig über
ein Transplantationsprogramm verfügen.

Prävention: Risikofaktoren von KHK und Herzschwäche konsequenter behandeln
Für den kontinuierlichen Rückgang der Sterblichkeitsrate der KHK in
vergangenen Jahrzehnten (2000: 167.681, Gestorbene, 2022: 125.948
Gestorbene) haben neben Fortschritten in Diagnostik und Therapie nicht
zuletzt auch verstärkte Präventionsaktivitäten gesorgt – insbesondere
gegen die Risikofaktoren Rauchen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen
(hohes LDL-Cholesterin), Diabetes mellitus, Übergewicht sowie
psychosozialer Stress. Allerdings zeigen Studiendaten (1) auch, dass
Deutschland bei der durchschnittlichen Lebenserwartung im Vergleich mit
anderen westeuropäischen Ländern weit hinten steht. Die Gründe hierfür
sehen die Studienautoren u.a. in Defiziten bei der Vorbeugung von Herz-
Kreislauf-Erkrankungen. Neben Alter und Genetik sind durch einen
ungesunden Lebensstil verursachte Risikofaktoren wesentlich am Entstehen
von KHK und anderen Herzkrankheiten wie Herzschwäche beteiligt. „Die
Vermeidbarkeit der Herzschwäche durch Lebensstiländerungen – zusätzlich
zur medizinischen Therapie – müssen wir mit gezielten
Präventionsprogrammen noch mehr in den Fokus nehmen“, so Prof.
Voigtländer.
Dies gelte genauso für die kardiologische Rehabilitation, wie Dr. Eike
Langheim, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Prävention und
Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen (DGPR), unterstreicht:
„Herzschwäche entsteht überwiegend durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und
die genannten Risikofaktoren, die alle einer primären, sekundären und
tertiären Prävention zugänglich sind.“ Die kardiologische Rehabilitation
unterliege hohen Qualitätsstandards und biete einen multimodalen und bio-
psycho-sozialen Behandlungsansatz der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Dieser berücksichtige neben Krankheitsmechanismen auch psychische und
soziale Faktoren sowie die Möglichkeit präventiv wirksame
Lebensstilmaßnahmen umzusetzen, so der Reha-Spezialist: „Dieser Ansatz ist
auch sinnvoll bei Menschen mit einem hohen Risikoprofil, ohne dass bereits
Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufgetreten sind.“

Kardiologische Reha viel zu selten genutzt
Trotz der durch Studien belegten Wirksamkeit für herzkranke Patient:innen
nimmt nur etwa die Hälfte der Anspruchsberechtigten eine kardiologische
Reha (KardReha) wahr – und davon noch einmal deutlich weniger Frauen als
Männer. Das geht erneut aus den Daten von 92.859 Patient:innen aus 72
Reha-Einrichtungen im Rahmen einer DGPR-Umfrage hervor, die der
Herzbericht vorstellt. „Wieder zeigen die Zahlen, dass kardiologische
Rehabilitation – obwohl sie die Mortalität und Rehospitalisierungen senkt
sowie Lebensqualität, depressive Symptome, soziale und berufliche Teilhabe
verbessert – nicht ausreichend genutzt wird“, berichtet Rehaspezialist und
DGPR-Präsident Dr. Langheim und fügt hinzu: „Angesichts der Diskrepanz
zwischen der Zahl der vollstationären Krankheitsfälle von 1.574.352 im
Jahr 2022 und den nur ungefähr zur Hälfte erfassten Patientenzahlen der
ambulanten und stationären kardiologischen Rehabilitation von rund 93.000
Patient:innen schätzt die DGPR, dass selbst bei Annahme einer
,Dunkelziffer' von weiteren 90.000 im Herzbericht nicht dokumentierten
Rehabilitationsfällen, nur jede/r neunte bis zehnte Herzpatient:in eine
kardiologische Rehabehandlung erreicht.“
Im Jahr 2022 wiesen etwas weniger als 50 Prozent der KardReha-
Patient:innen eine KHK und über zehn Prozent eine dekompensierte
Herzschwäche oder Herzmuskelkrankheit (Kardiomyopathie) auf. Bei den
kardiovaskulären Risikofaktoren überwogen der Bluthochdruck (46,7 Prozent)
und Fettstoffwechselstörungen (44,7 Prozent). Studiendaten zeigen, dass
die Teilnahme an einer Reha-Maßnahme nicht nur die Therapietreue
hinsichtlich Medikamenteneinnahme, körperlicher Bewegung, Nikotinverzicht,
gesunder Ernährung und Lebensstil fördert sowie die Lebensqualität
deutlich verbessert. Auch kommt es zu weniger Krankenhausaufenthalten
aufgrund der Herzerkrankung. „Jede Dekompensation bei Herzinsuffizienz
verringert die Überlebenschance des Betroffenen, daher stellt gerade die
KardReha eine unverzichtbare Maßnahme dar, eine Dekompensation zu
vermeiden und so die Prognose der Patient:innen zu verbessern“, betont Dr.
Langheim.
Die Basis der KardReha sind Bewegungstherapie und körperliches Ausdauer-
und Krafttraining. Die psychosoziale Unterstützung spielt ebenfalls eine
große Rolle, weil Angst und Depressionen oft einer gesundheitlichen
Verbesserung im Weg stehen. Dieser multimodale Therapieansatz, ergänzt um
patientenspezifische Herzinsuffizienz-Schulungen für ein verbessertes
Krankheits-verständnis und um die sehr gute und überwachte Möglichkeit zur
Einstellung und Ergänzung der medikamentösen Behandlung der Herzschwäche,
verringert zukünftige Rehospitalisierungen.

Herzschwäche bei angeborenem Herzfehler: Therapiestandards fehlen (noch)
Von den jährlich mehr als 8.500 Kindern, die mit Herzfehlern in
Deutschland geboren werden, erreichen heute dank verbesserter Diagnostik,
medikamentöser, operativer und interventioneller Therapieverfahren mehr
als 90 Prozent das Erwachsenenalter. In der Folge leben
Expertenschätzungen zufolge in Deutschland bis zu 360.000 Erwachsene mit
angeborenem Herzfehler (EMAH). Ihre Zahl ist inzwischen größer als die
Zahl der Kinder mit angeborenem Herzfehler (AHF) und ihre Präsenz als
stetig wachsendes Patientenkollektiv zeigt sich auch bei medizinischen
Eingriffen. Laut Deutschem Herzbericht entfallen von den 8.131
Herzkatheteruntersuchungen bei AHF-Patient:innen im Jahr 2022 24 Prozent
auf Erwachsene. 938 Operationen mit/ohne Herz-Lungen-Maschine von
insgesamt 5.283 wurden bei EMAH-Patient:innen durchgeführt.
Die stetig steigende Zahl der Gruppe der EMAH-Patient:innen führt auch zu
einem erheblichen Anstieg der EMAH, die eine Herzinsuffizienz entwickeln.
Bis zu 40 Prozent der AHF-Patient:innen entwickeln eine Herzschwäche
innerhalb von 20 Jahren nach einer AHF-Operation. Bis zu 20 Prozent der
AHF-Patient:innen (12 Prozent mit einfachem, 40 Prozent mit komplexem
Herzfehler) benötigen eine medikamentöse Herzinsuffizienztherapie während
der Nachsorge. Während in der
Normalbevölkerung die Herzinsuffizienz die dritthäufigste Todesursache
ist, stellt sie bei AHF-Patient:innen die Nummer 1 dar (bei 25-40 Prozent
der EMAH-Patient:innen) (3, 4).

Das Risiko einer Herzinsuffizienz ist bei EMAH-Patient:innen besonders
hoch bei komplexen Herzfehlern wie sogenannte Einkammerherzen (nach
Fontan-Operation) und sogenannten systemischen rechten Ventrikeln (zum
Beispiel Transposition der großen Arterien [TGA] nach
Vorhofumkehroperation). Bei EMAH kommt es daher seltener zur „klassischen“
systolischen Herzinsuffizienz der linken Herzkammer. Vielmehr stehen bei
ihnen ein Pumpversagen der rechten Herzkammer, Herzklappeninsuffizienzen,
Lungenhochdruck (pulmonale Hypertonie) und eine diastolische
Funktionsstörung der Herzkammern im Vordergrund. Die medizinische
Nachsorge für EMAH-Patient:innen mit Herzinsuffizienz unterscheidet sich
deutlich von den Therapiestandards für Patient:innen mit erworbenen
Herzerkrankungen. „Angesichts der Komplexität und Variabilität angeborener
Herzfehler haben wir eine sehr heterogene Patient:innengruppe, auf die wir
eine Herzinsuffizienztherapie ausrichten müssen“, betont die
Kinderkardiologin und EMAH-Spezialistin Prof. Dr. Ulrike Herberg,
Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und
Angeborene Herzfehler (DGPK).

Anbindung der Herzinsuffizienztherapie an EMAH-Fachexpertise nötig
Komplexe angeborene Herzfehler sind heterogen und wurden nur in kleinen
Patientenkollektiven untersucht. So fehlen für viele Therapiemaßnahmen bei
AHF und Herzschwäche noch ausreichende Daten aus kontrollierten Studien
und größeren Registern. „Deshalb erfordert die Therapie einer
Herzinsuffizienz bei diesen Patient:innen besondere Fachkenntnisse in der
klinischen, laborchemischen und apparativen Diagnostik und Therapie“,
berichtet Prof. Herberg, selbst Leiterin einer EMAH-Ambulanz in Aachen.
Die Patient:innen profitierten von einer Anbindung an entsprechende
spezialisierte Zentren mit EMAH-Expertise und Möglichkeiten der
spezialisierten Herzinsuffizienzbehandlung. Der Deutsche Herzbericht
stellt die EMAH-Versorgungsstruktur mit einem bewährten dreistufigen
System aus den folgenden drei Bereichen vor, die eine EMAH- spezifische
medizinische Basisversorgung gewährleisten:

-       hausärztliche Versorgung (Allgemeinmediziner:innen, hausärztliche
Internist:innen, Kinder- und Jugendärzt:innen) in Kooperation mit EMAH-
Schwerpunktpraxen,
-       regionalen EMAH-Schwerpunktpraxen und -Kliniken,
-       überregionalen EMAH-Zentren.

Für mehr valide Daten zur Herzschwäche bei EMAH fördert die Deutsche
Herzstiftung das „Pathfinder-AHF-Register“ (Fördervolumen: 83.000 Euro)
mit sieben teilnehmenden universitären Herzzentren bzw.
Universitätskliniken und die Studie „Epidemiologie, Behandlung und Verlauf
von Herzinsuffizienz bei EMAH“ und einer Auswertung der Daten des
Nationalen Registers für angeborene Herzfehler (NR-AHF)“ (Fördervolumen:
67.720 Euro). „Solche Register helfen uns unter anderem dabei,
Risikokonstellationen frühzeitig zu erkennen und die therapeutischen
Möglichkeiten besser zu bewerten“, erklärt DGPK-Präsidentin Prof. Herberg.

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Herzbericht: Sterbefälle wegen Herzkrankheiten steigen

Alle Herzkrankheiten verzeichnen – teilweise leichte – Anstiege. Regionale
Unterschiede in Sterblichkeit bei Herzinfarkt und anderen Herzleiden
bestehen fort. Herzstiftung mahnt „mehr Resilienz“ der medizinischen
Versorgung in Krisenphasen an.

Nach einer Phase leichter Rückläufigkeit, steigt die Sterblichkeit durch
Herzkrankheiten wieder an. Nach den Zahlen des aktuellen Deutschen
Herzberichts – Update 2024 starben im Jahr 2022 insgesamt 216.944 Menschen
an den Folgen einer Herzkrankheit (2021: 205.581). Die Sterberate lag
damit bei 224,2 an einer Herzkrankheit Gestorbenen pro 100.000 Einwohner
(2021: 215,2). Die Herzkrankheit mit den meisten Sterbefällen sind
weiterhin Durchblutungsstörungen durch Herzkranzgefäßverengungen, die
koronare Herzkrankheit (KHK), mit 125.984 Sterbefällen (2021: 121.172) –
davon am akuten Herzinfarkt 46.608 Sterbefälle – und einer Sterberate von
133,3 an KHK-Gestorbenen pro 100.000 Einwohner (EW) (2021: 129,7)
(Herzinfarkt 2022: 49 Gestorbene pro 100.000 EW). „Diese Anstiege
gegenüber dem Vorjahr bedürfen der genaueren Analyse, sie stellen jedoch
in der Gesamtschau noch keine Trendwende dar. Ganz klar muss allerdings
das Ziel aller für die herzmedizinische Versorgung verantwortlichen
Institutionen sein, die Sterblichkeit durch Verbesserungen in Prävention,
Therapie und Rehabilitation von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken“,
betont der Kardiologe Prof. Dr. Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender
Deutschen Herzstiftung, bei der Vorstellung des neuen Deutschen
Herzberichts – Update 2024. Dieser kann unter
<www.herzstiftung.de/herzbericht> kostenfrei als ePaper abgerufen werden.
Besonders fällt bei den Anstiegen die erhöhte Todesrate der Herzschwäche
(Herzinsuffizienz) ins Auge. „Bei der Sterblichkeit der Herzschwäche
könnte sich nach mehreren Jahren der Rückläufigkeit eine Trendwende
abzeichnen, die wir genauer beobachten müssen“, so Voigtländer. Erstmalig
steigt nämlich die Sterberate der Herzschwäche nach einer Phase der
kontinuierlichen Abnahme von 2015 (51,9 Gestorbene pro 100.000 EW) bis
2021 (auf 35,8) wieder an auf 37,7 Gestorbene pro 100.000 EW. Die
chronische Herzschwäche ist in den meisten Fällen das Endstadium von
verschiedenen anderen Herzkrankheiten wie KHK/Herzinfarkt,
Herzklappenerkrankungen, Herzrhythmusstörungen und angeborenen
Herzfehlern. Zugleich stellt diese Volkskrankheit die häufigste
Einzeldiagnose für vollstationäre Krankenhausaufnahmen mit 446.814
vollstationären Fällen (2022) dar. Nicht umsonst hat die Deutsche
Herzstiftung den Fokus ihrer Bemühungen um eine verstärkte
Patientenaufklärung und intensive Herz-Forschung auf die Herzinsuffizienz
mit den bundesweiten Herzwochen im November beziehungsweise einer
umfangreichen Sonderforschungsförderung „Herzinsuffizienz“ in Höhe von
einer Million Euro gesetzt.

Zusätzliche Krankheitslast durch Bluthochdruck und hohes Cholesterin
Die koronare Herzkrankheit, die Grunderkrankung des Herzinfarkts, und die
Herzschwäche sind immer noch die häufigsten Todesursachen und maßgeblich
für den Plötzlichen Herztod verantwortlich. Beide Herzkrankheiten gehen in
aller Regel mit Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck,
Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus, Vorhofflimmern und
Vorhofflattern, aber auch chronischer Nierenschwäche einher. Dies
dokumentiert der aktuelle Herzbericht anhand von Zahlen aus der
stationären und hausärztlichen Versorgung. „Die konsequente Behandlung von
Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen durch zu viel LDL-Cholesterin
im Blut mit gesundem Lebensstil und Medikamenten ist der entscheidende
Hebel zum Eindämmen der KHK und Herzschwäche“, betont der Herzstiftungs-
Vorsitzende Prof. Voigtländer. Hoher Blutdruck ist laut Herzbericht sowohl
in der hausärztlichen als auch in der stationären Versorgung die häufigste
Begleitdiagnose von Herzinsuffizienz (hausärztlich: 74,2/stationär: 74,6
Prozent) und von KHK (hausärztlich: 74,1/stationär: 75,3 Prozent), gefolgt
von Fettstoffwechselstörungen, Diabetes und Vorhofflimmern/Vorhofflattern.
„All diese Begleiterkrankungen sind mit einem hohen Schadenspotenzial für
Herz und Gefäße durch die Gefahr von Schlaganfällen und Herzinfarkten
verbunden – besonders dann, wenn sie unbehandelt bleiben“, betont
Voigtländer.

Auch Herzkrankheiten früh erkennen, bevor es zum Eingriff kommt
In der Summe sind auch die vollstationären Krankenhausaufnahmen wegen
Herzkrankheiten 2022 leicht angestiegen. In absoluten Zahlen von 1.560.441
(2021) Krankenhausaufnahmen auf 1.574.352 im Jahr 2022. „Die
vollstationären Krankenhausaufnahmen bewegen sich weiterhin auf einem
hohen Niveau, allen voran bei der KHK, den Herzrhythmusstörungen und der
Herzinsuffizienz, die zusammengenommen rund 1,4 Millionen vollstationäre
Fälle ausmachen“, betont Prof. Voigtländer. Allein die KHK führte 2022 zu
538.277 Krankenhausaufnahmen, Herzrhythmusstörungen zu 460.962
Klinikeinweisungen. Bei Männern setzt der Anstieg der Krankenhausaufnahmen
wegen KHK früh ein: mit dem 45. bis 50. Lebensjahr. Bei den
Herzrhythmusstörungen setzt ein Anstieg ab dem 50. bis 55. Lebensjahr ein.
„Umso wichtiger ist eine frühzeitige Erkennung und Behandlung dieser
Herzkrankheiten, bevor es zur Notwendigkeit von Eingriffen kommt“, so
Herzspezialist Prof. Voigtländer. „Dank wesentlicher Weiterentwicklungen
in der Herz-Diagnostik durch neue bildgebende Verfahren wie beispielsweise
dem Kardio-MRT und der nicht-invasiven Koronaren CT-Angiographie, kurz:
CCTA, haben wir sehr zuverlässige Verfahren für eine bessere Versorgung
von Menschen mit einer KHK und einem Risko für Herzinfarkt und plötzlichen
Herztod“, berichtet der Ärztliche Direktor des Agaplesion Bethanien-
Krankenhauses in Frankfurt am Main. Kardio-MRT und die CCTA, die 2024 nach
einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) in den
Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen aufgenommen wurde, können
Veränderungen der Herzkranzgefäße (Plaques, Verengungen) und deren
Auswirkung auf die Durchblutung des Herzmuskels frühzeitig erfassen.
„Dadurch reduzieren wir invasive Herzkatheterdiagnostik und stationäre
Aufenthalte“, erklärt Voigtländer.

Pandemiejahr 2022: Stationäre Versorgung rückläufig – „Resilienz der
medizinischen Versorgung im Fokus behalten“
Die bereits für die Pandemiejahre 2020 und 2021 dokumentierte
Covid-19-bedingte Rückläufigkeit in der kardiologischen und
herzchirurgischen Versorgung von Erwachsenen und Kindern, insbesondere bei
den sogenannten elektiven, d. h. planbaren Eingriffen und in der
kardiologischen Reha, setzte sich 2022 fort. Von 2018 zu 2022 kam es
teilweise zu einer moderaten, aber teilweise auch zu einer deutlichen
Abnahme bei herzchirurgischen und kardiologischen Eingriffen wie
Koronarangiographien (-4,1 Prozent), PCIs (Herzgefäßaufdehnung durch
Stent/Ballon) (-1 Prozent), Schrittmacher-/ICD-Implantationen (-3/-15,7
Prozent) beziehungsweise isolierten Koronaroperationen (-25,9 Prozent).
„Diese rückläufigen Zahlen lassen darauf schließen, dass auch noch in 2022
Patienten entweder aus Angst vor einer Infektion einen
Krankenhausaufenthalt vermieden oder umgekehrt Kliniken ihre Aufnahmen
zweitweise auf Notfälle beschränkt haben und selbst für diese nicht immer
ausreichende Kapazitäten vorhalten konnten. Welche Effekte diese
vermeintliche Nichtinanspruchnahme der Krankenhausversorgung auf
kardiovaskuläre Sterblichkeit haben wird, bedarf der Analysen“, so der
Herzstiftungs-Vorsitzende und Kardiologe Voigtländer. „Für die Zukunft
muss auch die Resilienz der herzmedizinischen Versorgung in
Ausnahmesituationen wie der Covid-Pandemie im Fokus der Herzmedizin
bleiben“, so sein Fazit.

Ungenutztes Therapie- und Innovationspotenzial?
Dass die Sterblichkeit bei KHK/Herzinfarkt und Herzschwäche in den
vergangenen Jahrzehnten gesunken ist, hingegen die Zahlen der Patienten
mit Herzinsuffizienz und damit verbunden auch die vollstationären
Krankenhausaufnahmen kontinuierlich steigen, führen Experten unter anderem
auf verbesserte medikamentöse, interventionelle und chirurgische Therapien
zurück. „Auch dank dieser Verfahren können Menschen mit ihren zwar
behandelten, aber chronisch bleibenden Rhythmusstörungen, Klappen- und
Koronarerkrankungen sowie angeborenen Herzfehlern eine bessere Prognose
erhalten, so dass ihnen eine Herzschwäche erspart oder zumindest um Jahre
hinausgezögert werden kann“, erklärt Prof. Voigtländer. Zu nennen seien
hier vor allem:

-       Akutversorgung des Akuten Koronarsyndroms (ACS) (Herzinfarkt,
instabile Angina pectoris) mittels PCI (Gefäßaufdehnung durch
Stent/Ballon); bei bestimmten komplexen Mehrgefäßerkrankungen und
komplexen Stenosen des linken Hauptstamms die koronare Bypassoperation
-       kathetergestützter Aortenklappenersatz (TAVI) oder operativ zur
Behandlung der Aortenklappenstenose
-       kathetergestützte/chirurgische Therapie der
Mitralklappeninsuffizienz
-       katheterbasierte Vorhofflimmer-Ablation – seltener auch
chirurgisch als kombinierter Eingriff mit anderen herzchirurgischen
Eingriffen
-       Schrittmacher- und Defibrillator-(ICD)-Therapien zur Prävention
lebensgefährlicher Herzrhythmusstörungen nach einem großen Herzinfarkt,
bei Herzmuskelerkrankungen (Kardiomyopathien, Myokarditis)

„All diese Verfahren verbessern die Durchblutung des Herzmuskels,
stabilisieren diesen oder verhindern wie im Fall der Stenttherapie oder
Bypass-Chirurgie Todesfälle. Bei Nicht-Behandlung erhöhen sie die Gefahr
für Herzinsuffizienz und Komplikationen wie Herzinfarkt, plötzlicher
Herztod oder Schlaganfall wie im Fall des Vorhofflimmerns“, betont
Voigtländer. Es müsse aber in Deutschland gewährleistet sein, dass auch
außerhalb der Ballungsgebiete herzkranke Menschen Zugang zu Kliniken mit
einer entsprechenden kardiologischen Ausstattung hätten, so Voigtländer.
Etwa zu den Chest-Pain-Units (CPU), ausgestattet mit einem Katheterlabor
bei einer 24/7-Erreichbarkeit. CPUs sind eine wichtige Notfall-Einheit in
der Versorgung schwerwiegender Erkrankungen wie dem ACS, aber auch anderer
lebensbedrohlicher kardialer Ereignisse wie Lungenembolie, dekompensierte
Herzschwäche oder krisenhaft erhöhten Bluthochdruckwerten.

Regionale Unterschiede in der Versorgung von Herzpatienten bestehen fort
Die in Deutschland weiterhin unterschiedliche Versorgungsdichte mit
Kliniken, die ein Katheterlabor oder eine CPU vorhalten, hat zur Folge,
dass in Regionen mit einer niedrigeren Versorgungsdichte
behandlungsbedürftige Erkrankungen zu spät oder schlimmstenfalls gar nicht
behandelt werden. „Rund 47.000 Herzinfarkte pro Jahr und 65.000 plötzliche
Herztodesfälle, darunter eine Vielzahl aufgrund unentdeckter und nicht
oder zu spät behandelter Herzkrankheiten, sind das beste Beispiel dafür“,
so der Frankfurter Kardiologe und Intensivmediziner. So bestehen auch
heute regionale Unterschiede in der Verbreitung beispielsweise von
Kinderherzzentren, EMAH-Ambulanzen und überregionaler EMAH-Zentren, ebenso
in der Verbreitung von CPUs und in der Kardiologendichte. Kommen
beispielsweise in Hamburg auf einen Kardiologen 12.872 Einwohner, sind es
im Saarland 49.633 Einwohner pro Kardiologe.
Regionale Unterschiede zeigen sich darüber hinaus in der Sterblichkeit und
den Krankenhausaufnahmen wegen Herzkrankheiten, wie der aktuelle Deutsche
Herzbericht dokumentiert.  Östliche Bundesländer haben weiterhin die
höchste Sterblichkeit durch KHK und Herzinfarkt. So haben 2022 die höchste
Sterbeziffer (altersbereinigt) Sachsen-Anhalt mit 181 KHK- und 65
Herzinfarkt-Sterbefällen pro 100.000 EW, gefolgt von Mecklenburg-
Vorpommern mit 180 KHK- und 68 Herzinfarkt-Gestorbenen und Sachsen mit 157
KHK- und 56 Herzinfarkt-Gestorbenen pro 100.000 EW. Am niedrigsten sind
die Sterbeziffern für KHK und Herzinfarkt in Hamburg (KHK: 91/Herzinfarkt:
34), Nordrhein-Westfalen (111/33) und in Baden-Württemberg (121/50).
Bei der Herzinsuffizienz sind die höchsten Sterbeziffern in Sachsen-Anhalt
mit 53 und Thüringen mit 50 Gestorbenen pro 100.000 EW, in Niedersachsen
mit 48 und in Bremen 43 mit Gestorbenen pro 100.000 EW. „Die genauen
Ursachen für diese teils ausgeprägten regionalen Gefälle bedürfen der
Analyse. Mögliche Einflussfaktoren neben Alter und Geschlecht, die
berücksichtigt werden müssen, sind Raucheranteil, Erwerbsstatus,
Arbeitslosenquote und die Häufigkeit von Begleiterkrankungen“, so
Voigtländer.

Effekte von Präventionsprogrammen im Kindesalter nutzen
Die Diskussion um das Gesunde-Herz-Gesetz hat die öffentliche
Aufmerksamkeit insbesondere auf Defizite in den Präventionsbemühungen
Deutschlands zur Vermeidung von kardiovaskulären Erkrankungen gelenkt.
Zwar haben neben Fortschritten in Diagnostik, Therapie und nicht zuletzt
auch verstärkte Präventionsaktivitäten – insbesondere gegen die
Risikofaktoren Rauchen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen (hohes
LDL-Cholesterin), Diabetes mellitus, Übergewicht sowie psychosozialer
Stress – zur Senkung der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit durch die KHK und
Herzinsuffizienz in den vergangenen Jahrzehnten gesorgt. Allerdings zeigen
Studiendaten (1) auch, dass Deutschland bei der durchschnittlichen
Lebenserwartung im Vergleich mit anderen westeuropäischen Ländern weit
hinten steht. Die Gründe hierfür sehen die Studienautoren u.a. in
Defiziten bei der Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Neben Alter
und Genetik sind durch einen ungesunden Lebensstil verursachte
Risikofaktoren wesentlich am Entstehen von KHK und anderen Herzkrankheiten
wie Herzschwäche beteiligt. „Wir müssen für eine Verbesserung der
Herzgesundheit in der Bevölkerung neben bestehenden Instrumenten der
medizinischen Therapie, Screenings und Vorsorge-Check-Ups verstärkt die
Effekte von frühzeitigen Präventionsprogrammen im Kindesalter für mehr
Bewegung, gesunde Ernährung und Wissen über die Herzgesundheit  nutzen“,
fordert der Vorsitzende der Deutschen Herzstiftung.
(wi)

Hinweis – Bei Abdruck/Nutzung der Presse-Information bitten wir um
folgende Angabe: Der Deutsche Herzbericht – Update 2024 wird von der
Deutschen Herzstiftung zusammen mit den wissenschaftlich-medizinischen
Fachgesellschaften für Kardiologie (DGK), für Thorax-, Herz- und
Gefäßchirurgie (DGTHG), für Kinderkardiologie und Angeborene Herzfehler
(DGPK)
und für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen
(DGPR) alljährlich herausgegeben. Infos und ePaper:
<www.herzstiftung.de/herzbericht>

Service
Der Deutsche Herzbericht – Update 2024 ist kostenfrei als ePaper mit
vielen weiteren Infos abrufbar unter: <www.herzstiftung.de/herzbericht>
Infos für Patient:innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen bietet die
Herzstiftung kostenfrei unter <www.herzstiftung.de> an.

Tipp
Podcast: Was der Herzbericht - Update 24 über Herzschwäche verrät
Der Herzbericht fasst die aktuellen Daten zu den wichtigsten
Herzerkrankungen zusammen. Bei der Herzschwäche etwa zeigt sich
Handlungsbedarf. Dies ist Thema der aktuellen Podcastfolge mit
Expert:innen aus allen Bereichen der Herzmedizin und der Herzpatientin
Tamara Schwab.
<www.herzstiftung.de/podcast-herzbericht-2024>

Herzinfarkt-Risikotest: Die Herzstiftung bietet unter
www.herzstiftung.de/risiko einen kostenfreien Herzinfarkt-Risikotest an.

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Bewegung senkt das Krebsrisiko – Nationale Krebspräventionswoche 2024: „Gemeinsam bewegen – Krebsrisiko senken“

Viele Menschen bewegen sich
hierzulande zu wenig – und damit steigt ihr Risiko für zahlreiche
Krankheiten, darunter auch Krebs. Schätzungsweise sechs Prozent aller
Krebsneuerkrankungen in Deutschland entstehen als Folge von
Bewegungsmangel. In der Nationalen Krebspräventionswoche vom 9. bis 15.
September informieren die Deutsche Krebshilfe, das Deutsche
Krebsforschungszentrum und die Deutsche Krebsgesellschaft über den
Zusammenhang von körperlicher Aktivität und Krebs und fordern täglichen,
unbenoteten Schulsport, um Kindern frühzeitig den Spaß an Bewegung zu
vermitteln, sowie niedrigschwellige Bewegungsangebote über alle
Altersstufen hinweg.

Wer sich täglich bewegt, kann das individuelle Krebsrisiko senken.
Insbesondere das Risiko für einige häufige Krebsarten wie Brustkrebs (nach
den Wechseljahren) und Darmkrebs kann durch körperliche Aktivität um 20
bis 30 Prozent reduziert werden. Auch für weitere Tumorarten, darunter
Krebs der Blase und der Nieren, des Magens und der Speiseröhre, gibt es
Hinweise, dass Bewegung das Erkrankungsrisiko verringern kann.

Bundesministerin für Bildung und Forschung Bettina Stark-Watzinger:
„Wandern, Spazierengehen, Schwimmen – so einfach können wir etwas Gutes
für unsere Gesundheit tun. Denn regelmäßige Bewegung kann das Risiko, an
Krebs zu erkranken, signifikant verringern. Als Bundesministerium für
Bildung und Forschung setzen wir deshalb mit der Nationalen Dekade gegen
Krebs sowohl auf die Stärkung der Krebsforschung als auch auf die Stärkung
der Krebsprävention. Jeder sollte wissen, dass man mit wortwörtlich
wenigen Schritten einen Unterschied machen kann.“

Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach: „Bewegungsmangel ist
nicht nur ein individuelles Problem, sondern ein wachsender Risikofaktor
für unsere gesamte Gesellschaft. Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und
Diabetes sind nur einige der Herausforderungen, die uns vor Augen führen,
wie wichtig regelmäßige Bewegung ist. Sportliche Aktivität kann das
Risiko, an Krebs zu erkranken, im Durchschnitt um 20 bis 30 Prozent senken
– ein  überzeugender Grund, Bewegung fest in unseren Alltag zu
integrieren. Der Bewegungsgipfel und die Ergebnisse des „Runden Tisches
Bewegung und Gesundheit“ waren bereits vielversprechende Schritte in die
richtige Richtung. Doch es ist entscheidend, dass wir als Politik und
Gesellschaft weiter an einem Strang ziehen, um präventive Maßnahmen zu
fördern.“

Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen
Krebsforschungszentrums: „Regelmäßige Bewegung muss kein Leistungssport
sein. Auch Alltagsbewegungen wie spazieren gehen oder Treppen steigen
statt Aufzug fahren wirken sich positiv auf die körperliche Gesundheit
aus. Studien deuten darauf hin, dass bereits sehr kurze Einheiten einen
positiven Effekt auf die Gesundheit haben. Daher ist jede kurze Aktivität
besser als keine Bewegung. Wichtig ist, dass regelmäßige Bewegung zu einer
Gewohnheit wird.“

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 150 bis 300 Minuten moderate
oder 75 bis 150 Minuten intensive Bewegung pro Woche. Diese Dauer
erreichen jedoch nur ein Drittel der Frauen und etwa die Hälfte der
Männer. Deutsches Krebsforschungszentrum, Deutsche Krebshilfe und Deutsche
Krebsgesellschaft fordern daher niedrigschwellige Bewegungsangebote, die
es allen Menschen leichter machen, sich ausreichend zu bewegen.
Beispielsweise sollen Städte und Kommunen den öffentlichen Raum
bewegungsförderlich gestalten, etwa mit einem sicheren Fahrradwegenetz und
beleuchteten Laufstrecken.

Besonders wichtig ist, Menschen schon im Kindesalter für körperliche
Aktivität zu begeistern. „Die Freude an Bewegung ist uns eigentlich in die
Wiege gelegt. Doch viele Kinder verlernen aus verschiedenen Gründen den
Spaß an körperlicher Aktivität und wachsen zu Bewegungsmuffeln heran“,
sagt Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe. „Wir
fordern daher an allen Schulen eine tägliche, unbenotete Schulsportstunde,
damit Kinder mit Freude in Bewegung bleiben.“

Auch für Krebspatient*innen ist es von Vorteil, regelmäßige Bewegung in
den Alltag zu integrieren oder gezielt Sport zu treiben. „Auch wer an
Krebs erkrankt ist, profitiert von sportlicher Betätigung. Eine
Bewegungstherapie kann Betroffenen während und nach der Krebsbehandlung
dabei helfen, die Erkrankung besser zu bewältigen sowie
Therapienebenwirkungen wie etwa Fatigue – eine chronische Erschöpfung –
abzumildern“, so Prof. Dr. Michael Ghadimi, Präsident der Deutschen
Krebsgesellschaft. Expert*innen empfehlen Krebsbetroffenen nach einer
Eingewöhnungsphase pro Woche 150 Minuten mäßig oder 75 Minuten körperlich-
anstrengend aktiv zu sein.

Online-Kampagne: #MitMirGehen
Anlässlich der Nationalen Krebspräventionswoche 2024 initiieren die drei
Organisationen eine Social Media-Kampagne unter dem Motto „Willst du mit
mir gehen?“. Ziel ist es, dass sich Menschen gegenseitig zu gemeinsamer
Bewegung motivieren und das gemeinsame Erlebnis unter dem Hashtag
#MitMirGehen auf Instagram, Facebook, X oder LinkedIn teilen.

Über die Nationale Krebspräventionswoche
Die Nationale Krebspräventionswoche ist eine gemeinsame Initiative der
Deutschen Krebshilfe, des Deutschen Krebsforschungszentrums und der
Deutschen Krebsgesellschaft. Die drei Organisationen machen damit auf das
große Potenzial der Prävention aufmerksam. Die Vision: Krebs soll gar
nicht erst entstehen. Die Krebspräventionswoche findet jährlich im Monat
September statt. Im Fokus steht jedes Jahr ein anderer Lebensstil-Faktor,
der das Krebsrisiko beeinflusst.

Weitere Informationen zur Krebspräventionswoche unter:
https://krebsgesellschaft.de/krebspraeventionswoche_2024.html
https://dkfz.de/krebspraeventionswoche
https://krebshilfe.de/krebspraeventionswoche

Weitere Quellen:
https://wcrf.org/diet-activity-and-cancer/risk-factors/physical-activity-
and-cancer-risk/

https://leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/komplementaermedizin
Leitzmann et al., 2015: European Code against Cancer 4th Edition: Physical
activity and cancer (iarc.fr)
Behrens et al., 2018: Cancers Due to Excess Weight, Low Physical Activity,
and Unhealthy Diet - PMC (nih.gov)

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Neue Leitlinie zur Gicht veröffentlicht Gicht besser behandeln: die neue S3-Leitlinie im Überblick

Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e.
V. (DGRh) veröffentlicht erstmals eine evidenzbasierte S3-Leitlinie zur
Diagnostik und Therapie der Gicht. Die weitverbreitete
Stoffwechselerkrankung zeigt sich vor allem durch Entzündung in Gelenken.
Unbehandelt drohen schwere Gelenkschäden und ein erhöhtes Herz-Kreislauf-
Risiko. Was sich in der Behandlungspraxis sowohl in der allgemeinmedi-
zinischen als auch in der fachärztlichen Versorgung ändern wird, ist Thema
der digitalen Vorab-Pressekonferenz anlässlich des Rheumatologiekongresses
am 12. September 2024. Die neue Leitlinie setze Standards, um Gichtanfälle
und Gelenkschäden durch die Volkskrankheit zu vermeiden.

Korrekte Diagnose und schnelle Entzündungshemmung
„Trotz ihrer Häufigkeit wird die Gicht oft nicht angemessen diagnostiziert
und behandelt. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer Leitlinie, an
der insgesamt sieben wissenschaftliche Fachgesellschaften beteiligt wa-
ren“, sagt Privatdozentin Dr. med. Uta Kiltz, Oberärztin am Rheuma-zentrum
Ruhrgebiet in Herne, die zusammen mit Privatdozentin Dr. med. Anne-Kathrin
Tausche, Dresden, die Leitlinienentwicklung koordi-niert hat. Entscheidend
sei die frühzeitige Diagnose der Gicht, um rasch mit einer wirksamen
Therapie beginnen zu können. Im akuten Gichtan-fall empfiehlt die aktuelle
Leitlinie den Einsatz von entzündungshem-menden Medikamenten wie
Colchicin, Glukokortikoiden oder nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR).
„Gerade hier sehen wir noch Defizi-te in der Versorgung. Denn eine rasche
Symptomkontrolle ist von ent-scheidender Bedeutung, um den Schaden am
Gelenk zu minimieren und die Schmerzbelastung der Patienten schnell zu
lindern“, betont Dr. Kiltz.

Am Zielwert der Serumharnsäure orientieren
Ursache für wiederkehrende Anfälle und schwere Gelenkschäden sind
chronisch erhöhte Harnsäurewerte im Blut der Betroffenen. Um dies zu
vermeiden, empfiehlt die Leitlinie eine sogenannte „Treat-to-
Target“-Strategie, bei der eine medikamentöse Senkung der Serumharnsäure
auf Werte unter 6 Milligramm pro Deziliter (mg/dl) Blut angestrebt wird.
„Die Senkung der Serumharnsäure muss zielgerichtet erfolgen, um
langfristige Gelenkschäden zu verhindern und damit entscheidend zur
Lebensqualität der Patient:innen beizutragen“, erklärt Professor Dr. med.
Christof Specker, Präsident der DGRh aus Essen. Dafür müssen allerdings
die Ärztin/der Arzt für jede einzelne Patientin oder Patienten individuell
den optimalen Zielwert ermitteln und die Medikation daran anpassen. Auf
diese Weise lassen sich therapeutischer Nutzen und me-dikamentöse
Belastung durch Medikamente ins Gleichgewicht bringen.

Einbeziehung der Patient:innen und interdisziplinäre Zusammen-arbeit
Ein wesentlicher Fortschritt bei der Erstellung dieser Leitlinie ist die
enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Fachgesell-
schaften und die aktive Beteiligung von Patientenvertreter:innen. Haus-
ärzt:innen übernehmen eine zentrale Rolle, da sie meist Menschen mit
akuten Gichtanfällen behandeln und gleichzeitig mit den Patient:innen die
langfristigen Behandlungsziele erörtern und die Therapie beginnen. In
schwereren Fällen ist die Überweisung an eine:n Fachärzt:in für
Rheumatologie wichtig. Die neue Leitlinie empfiehlt, bereits beim ersten
Gichtanfall alle Therapieoptionen mit den Patient:innen zu besprechen, um
die Akzeptanz der Behandlung zu verbessern.

Prävention und Aufklärung
Das Risiko, eine Gicht zu entwickeln, steigt mit dem Alter an und ist bei
Männern dreimal höher als bei Frauen. „Die Therapie der Gicht als chro-
nischer Erkrankung erfordert eine zuverlässige Mitarbeit der Betroffe-nen.
Dies gilt umso mehr für die begleitenden präventiven Maßnahmen.
Patient:innen sollten darüber aufgeklärt werden, dass unter anderem
Risiken wie Übergewicht und übermäßiger Alkoholkonsum das Risiko für
Gichtanfälle erhöhen“, so Privatdozentin Dr. Kiltz. Den Harnsäurespiegel
erhöhende Medikamente, wie etwa Mittel zur Entwässerung, seien nur zu
verwenden, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Bedeutung für die Praxis
Die neue S3-Leitlinie ist ein entscheidender Schritt hin zu einer verbes-
serten Versorgung von Gichtpatient:innen, so auch die Einschätzung von
Professor Specker. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die aktive
Einbindung der Patient:innen würde dazu beitragen, die Lebens-qualität der
Betroffenen nachhaltig zu steigern. „Mit dieser Leitlinie set-zen wir neue
Standards in der Behandlung der Gicht. Unser Ziel ist es, Gichtanfälle zu
verhindern, Gelenkschäden zu minimieren und die Le-bensqualität unserer
Patient:innen langfristig zu verbessern“, so das Fazit der Rheumatologin
Kiltz.

Zur Leitlinie: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/060-005

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