Zum Hauptinhalt springen

Eisenmangel bei Frailty-Therapie: Preis zur Förderung der interdisziplinären Altersforschung geht an Miroslava Valentova

Der mit 2.000 Euro dotierte Preis zur Förderung der interdisziplinären
Altersforschung geht in diesem Jahr an die Kardiologin und Geriaterin in
Ausbildung Dr. Dr. Miroslava Valentova (links im Foto) aus Göttingen. Sie
erhält den Preis in ihrer Funktion als Koordinatorin der kardiologisch-
geriatrischen Studie „Eisenmangel ist ein unabhängiger Prädiktor für
Gebrechlichkeit bei Patienten mit Herzinsuffizienz”. Die Studie
untersuchte erstmals den Zusammenhang zwischen Eisenmangel und Frailty,
also Gebrechlichkeit, bei Menschen mit Herzinsuffizienz.

Das interdisziplinäre Team mit Forscherinnen und Forschern der
Universitätsmedizin Göttingen sowie der Charité – Universitätsmedizin
Berlin konnte insgesamt nachweisen, dass Eisenmangel ein unabhängiger
Prädiktor für Gebrechlichkeit bei der untersuchten Zielgruppe ist.
Verliehen wurde der Förderpreis im Rahmen des Jahreskongresses der
Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG), der heute mit 650
Teilnehmenden in Frankfurt am Main gestartet ist.

„Der kausal-pathophysiologische Zusammenhang von zwei in der Altersmedizin
hochfrequenten Syndromen – in diesem Fall Frailty und Anämie – erfährt
durch die vorliegende Untersuchung Zuwachs an Evidenz“, sagt Laudator und
Jurysprecher Professor Gerald Kolb (rechts im Foto) im Rahmen der
Preisverleihung. Die Auszeichnung wird alle zwei Jahre verliehen und wird
gestiftet aus dem Vermögen des früheren Dachverbandes der Gerontologischen
und Geriatrischen Wissenschaftlichen Gesellschaften Deutschlands (DVGG).

Bisher nicht untersucht: Profitieren Frailty-Patienten von Eisenmangel-
Screening?

Mit der Alterung der Gesellschaft hat das Konzept der Frailty in den
vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit erhalten. Nicht nur in der
Geriatrie, sondern auch in anderen Disziplinen wie der Kardiologie. Einer
von vielen möglichen Therapiebausteinen bei Gebrechlichkeit ist die
Behandlung von Eisenmangel. „In der Kardiologie ist Eisenmangel ein
etabliertes Thema. Jeder Herzinsuffizienz-Patient sollte eigentlich auf
Eisenmangel hin gescreent werden. Ob auch Patienten mit Frailty zusätzlich
davon profitieren, wurde bisher allerdings nicht untersucht – daher haben
wir diese Studie durchgeführt“, erklärt Miroslava Valentova.

Einbezogen wurden dafür rund 200 ambulante Patientinnen und Patienten mit
Herzinsuffizienz an der Charité. Es wurde festgestellt, dass 20 Prozent
dieser Menschen Frailty aufwiesen – für eine Gruppe mit dem
Durchschnittsalter 69 Jahre eine relativ hohe Prävalenz. Weiterhin kam
heraus, dass Teilnehmende mit Frailty viel häufiger Eisenmangel aufwiesen
als Teilnehmende ohne Frailty – 66 Prozent versus 43 Prozent.
Zusammengefasst ließ sich ein starker Zusammenhang zwischen Eisenmangel
und Gebrechlichkeit bei Patientinnen sowie Patienten mit Herzinsuffizienz
darstellen.

Eisenmangel als Therapiebaustein: Weitere Studien könnten Nachweise
validieren

Die Behandlung von Frailty-Patienten wird eine multimodale Arbeit bleiben,
aber womöglich könnte Eisenmangel ein wichtiger Therapiebaustein dabei
werden. „Wir wissen aktuell noch nicht, ob Patienten mit Herzinsuffizienz
und Frailty von einer Behandlung eines Eisenmangels wirklich profitieren.
Es ist aber stark anzunehmen, weil viele Daten über Eisensubstitution bei
Herzinsuffizienz zeigen, dass die Behandlung von Eisenmangel etwa zu
besserer Leistungsfähigkeit und Lebensqualität führt. Das gilt es nun in
weiteren Studien zu validieren“, so die Preisträgerin Miroslava Valentova.

  • Aufrufe: 83

Rückzug eines weiteren Krebsmedikamentes – jetzt: Capmatinib

Novartis hat die Außervertriebnahme von Capmatinib (Talbrecta®) in
Deutschland mit Wirkung ab dem 15. September 2023 bekannt gegeben.
Capmatinib ist zugelassen zur Behandlung einer seltenen Form von
Lungenkrebs. Als Grund gibt das pharmazeutische Unternehmen die Bewertung
durch den Gemeinsamen Bundesausschuss im Rahmen des Verfahrens der frühen
Nutzenbewertung und die fehlende Einigung mit den Krankenkassen über einen
angemessenen Erstattungspreis an. Kritischer inhaltlicher Hintergrund sind
methodische Differenzen über die Bewertung von Registerdaten. Darüber
hinaus scheint der solidarische Grundkonsens bei der Preisfindung zu
erodieren – zu Lasten der Patientinnen und Patienten.

In der vergangenen Woche hat Novartis die Fachkreise informiert, dass das
Krebsmedikament Capmatinib (Talbrecta®) in Deutschland außer Vertrieb
genommen wird. Capmatinib gehört zu den gezielt wirksamen Arzneimitteln.
Es wurde im Juni 2022 von der European Medicines Agency (EMA) zur
Behandlung von Patientinnen und Patienten (Pat.) mit einem
fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (non-small cell lung
cancer, NSCLC) und Nachweis einer METex14-Skipping-Mutation nach Versagen
einer Chemo- und/oder Immuntherapie zugelassen. Basis der Zulassung war
GEOMETRY mono-1, eine einarmige, offene Studie mit 92 Pat. in sieben
Kohorten.

Im Rahmen der frühen Nutzenbewertung neuer Arzneimittel im sogenannten
AMNOG-Verfahren (Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes) hatte der
Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) am 2. Februar 2023 für alle drei von ihm
definierten Subgruppen die Festlegung „Zusatznutzen nicht belegt“
getroffen. Der initial von Novartis aufgerufene Preis pro Pat. lag bei
etwa 120.000€/Jahr. In den nicht-öffentlichen Verhandlungen konnte kein
Konsens zwischen dem pharmazeutischen Unternehmer und dem GKV-
Spitzenverband über einen endgültigen Preis erzielt werden.

Nach der Außervertriebnahme von Talbrecta® reichen die Lagerbestände des
Großhandels bis etwa März 2024. Damit können jetzt begonnene Behandlungen
fortgesetzt werden. Für neue und weitere Therapien ist eine Sicherung der
individuellen Kostenübernahme durch die Krankenkasse erforderlich.

Diese spezielle Form des Lungenkrebses ist selten. Die Zahl der Erkrankten
in Deutschland wird auf 200-400 pro Jahr geschätzt. Prof. Dr. med. Hermann
Einsele, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO Deutsche Gesellschaft
für Hämatologie und Medizinische Onkologie: „Eine solche Maßnahme seitens
des pharmazeutischen Unternehmers ist für die Betroffenen, aber auch für
die behandelnden Ärztinnen und Ärzte sehr belastend. Capmatinib ist eine
Tablettentherapie. Sie wird von den Zulassungsbehörden als wirksam und
sicher bewertet. In einem indirekten Vergleich mit Daten aus dem
nationalen Netzwerk Genomische Medizin zeigte Capmatinib höhere
Ansprechraten und ein längeres, medianes Gesamtüberleben als bisher
übliche Medikamente.“

Hier zeigen sich Parallelen zur Marktrücknahme von Amivantamab durch
Janssen-Cilag im August 2022. Auch im damaligen Verfahren war der
Vergleich mit Daten deutscher Lungenkrebsregister vom G-BA im Verfahren
der frühen Nutzenbewertung nicht akzeptiert worden.

Die frühe Nutzenbewertung neuer Arzneimittel nach dem AMNOG-Verfahren war
in den letzten Jahren ein Erfolgsmodell. Das Prozedere ist aufwändig, aber
zuverlässig und bezieht regelhaft alle Beteiligten, einschließlich der
wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften, aktiv ein. In den
Jahren 2017 bis 2020 konnte so erreicht werden, dass alle von der EMA für
die Europäische Union (EU) zugelassenen Krebsmedikamente auch in
Deutschland auf dem Markt eingeführt wurden. Die auf der Basis der
Bewertungen des G-BA durchgeführten Preisverhandlungen führten durchgehend
zu einem Preis, der für die Beteiligten akzeptabel war. Bei Dissens wurde
ein Schiedsgericht angerufen.

Die Patientinnen und Patienten haben die berechtigte Erwartung, dass ihnen
ein zugelassenes und von den in Deutschland gültigen Leitlinien
empfohlenes Arzneimittel zur Verfügung steht. Dieses Element der
Solidargemeinschaft im Gesundheitswesen scheint jetzt in Gefahr zu
geraten. Darüber hinaus ist eine zügige Weiterentwicklung der
Methodenbewertung im G-BA für seltene Erkrankungen erforderlich.
Qualitativ hochwertige Register müssen weiterentwickelt und gefördert
werden. Die Daten aus solchen Registern sind ein wichtiges Element der
nationalen Nutzenbewertung von neuen Arzneimitteln.

Wir fordern alle Beteiligten auf, das Vertrauen der Betroffenen in die
Verlässlichkeit der Versorgung mit neuen Arzneimitteln in Deutschland
nicht zu gefährden.

  • Aufrufe: 180

Unterschätzt und unterdiagnostiziert: Migräne ist nicht einfach nur ein Kopfschmerz

Jedes Jahr am 12. September findet der Europäische Kopfschmerz- und
Migränetag statt. Mit ihm machen die European Migraine & Headache Alliance
(EMHA) sowie zahlreiche nationale Vereinigungen auf
Kopfschmerzerkrankungen, Versorgungsdefizite und Prävention aufmerksam. In
der Universitätsmedizin Würzburg laufen verschiedene Studien zur
verbesserten Diagnostik und Behandlung der Migräne, für die noch
Teilnehmende gesucht werden.

Würzburg. Obwohl Kopfschmerzerkrankungen zu den häufigsten neurologischen
Erkrankungen gehören, werden sie in der Öffentlichkeit nicht als ernsthaft
wahrgenommen, da sie meist nur episodisch auftreten, nicht ansteckend sind
und in der Regel nicht zum Tod führen. Doch Kopfschmerzen sind nicht nur
schmerzhaft, sie können auch das Familien-, Sozial- und Berufsleben
beeinträchtigen.* Laut einer Studie des Robert Koch Instituts ist jeder
zweite Bundesbürger mindestens einmal im Jahr von Kopfschmerzen betroffen.
14,8 % der Frauen und 6,0 % der Männer erfüllen die kompletten Kriterien
für Migräne. 10,3 % der Frauen und 6,5 % der Männer sind von
Spannungskopfschmerzen betroffen.

Kopfschmerzen werden in Umfang und Ausmaß der Belastung oft unterschätzt

Der European Migraine & Headache Alliance (EMHA) zufolge ist die Migräne
die dritthäufigste Krankheit der Welt; etwa eine von sieben Personen
leidet unter Migräne, die ihren Alltag und ihre Lebensqualität auch über
die reine Zeit der Attacken hinaus stark einschränkt**. Doch warum kennen
wir so wenige Betroffene? „Weil Kopfschmerzerkrankungen in ganz Europa
nach wie vor zu wenig diagnostiziert und behandelt werden. Viele
Betroffenen leiden leise, schätzungsweise jeder zweite behandelt sich
selbst, statt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen“, weiß Prof. Dr.
Claudia Sommer, leitende Oberärztin in der Neurologischen Klinik und
Poliklinik am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) und Leiterin des
Projekts „Approach and avoidance behaviour in pain management“ im von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Graduiertenkolleg 2660.
Mit dem Europäischen Kopfschmerz- und Migränetag will die EMHA das
Bewusstsein für diese unterschätzte Krankheit schärfen. Das UKW nimmt
diesen Tag zum Anlass, um über seine Migräneforschung zu berichten.
Claudia Sommer leitet gemeinsam mit Andrea Kübler, Professorin für
Psychologie an der Universität Würzburg, derzeit drei ineinandergreifende
Studien, um die Diagnose und Therapie von Migräne zu verbessern. Zum einen
wollen die beiden Forscherinnen, die im Research.com-Ranking unter den
besten 100 Wissenschaftlerinnen in Deutschland und unter den besten 1.000
weltweit gelistet sind, die Pathophysiologie der Migräne besser verstehen,
also wie der Körper unter den krankhaften Veränderungen abweichend
funktioniert und welche Funktionsmechanismen zur krankhaften Veränderung
führen. Zum anderen erproben sie mit ihren Teams neue Ansätze zum Umgang
mit Migränetriggern, also Auslösern von Attacken. „Dem adäquaten
Triggermanagement kommt großes Potential in der Verbesserung des Lebens
von Menschen mit Migräne zu“, betont Claudia Sommer.

Stress, Dehydrierung und der Menstruationszyklus als häufigste Trigger von
Migräneattacken

So wurden in einer Fragebogenstudie mit bislang insgesamt 432
Migränepatientinnen und -patienten Stress, Dehydrierung und der
Menstruationszyklus als häufigste Trigger von Attacken identifiziert,
wovon allerdings nicht alle gut vermieden werden können. Auch zeigten sich
Korrelationen von Triggersensitivität mit Markern für schlechtere
Lebensqualität. Vorläufige Daten wurden auf dem World Congress on Pain
2022 im kanadischen Toronto veröffentlicht.

Verbesserte Probenentnahme und Messung des CGRP-Spiegels bei
Migränepatienten

In einer weiteren Studie steht das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)
im Fokus. „Migräne gilt als eine neuronale Erregbarkeitsstörung, bei der
das trigeminovaskuläre System, also das Zusammenspiel von Nerven und
Blutgefäßen in den Hirnhäuten, eine Schlüsselrolle zu spielen scheinen“,
erläutert Morgane Paternoster, Doktorandin in der Würzburger Neurologie.
Bekannt ist, dass der Beginn eines Migräneanfalls mit einem Anstieg
entzündungsfördernder Moleküle und Neuropeptide verbunden ist, darunter
das CGRP. Das aus 37 Aminosäuren bestehende Neuropeptid zählt zu den
stärksten gefäßerweiternden Substanzen, den so genannten Vasodilatatoren.
Wenn also die durch äußere und innere Stimuli getriggerten Nerven vermehrt
CGRP freisetzen, wird das trigeminovaskuläre System aktiviert.

Für die neurobiologische Charakterisierung einer Migräne wurden bislang in
der Neurologischen Klinik am UKW die CGRP-Spiegel von 136 Patientinnen und
Patienten mit und ohne Migräne untersucht und verglichen. Um die
zuverlässigste Methode zur Probenentnahme und -messung des CGRP-Spiegels
festzulegen wurde von allen Teilnehmenden Blut, Tränenflüssigkeit und
Speichel gesammelt. „Eventuell könnten im Zuge einer personalisierten
Medizin anhand der CGRP-Spiegel Vorhersagen über das Ansprechen des
einzelnen Patienten auf CGRP-Hemmer getroffen werden. Neueste
Publikationen zeigen diesbezüglich vielversprechende Ergebnisse“,
kommentiert Morgane Paternoster. Erste Ergebnisse der Würzburger CGRP-
Kohorte werden im November 2023 auf dem Society for Neuroscience Kongress
im US-amerikanischen Washington D.C. präsentiert.

Neurofeedback für bewusstes und ausgeglichenes Verhalten zu Auslösern

In der dritten Studie untersucht das interdisziplinäre Team den möglichen
Einsatz von Neurofeedback zur Unterstützung der Migränebehandlung. „Da
viele Betroffene bestimmte Trigger ihrer Migräne identifizieren können,
ist der Umgang mit diesen Auslösern ein vielversprechender Ansatz für eine
solche Unterstützung“, erklärt Morgane Paternoster. Zu diesem Zweck finden
in Kooperation mit der Universität Würzburg hochauflösende EEG-Messungen
an je 30 Personen mit und ohne Migräne statt. Während der Messung der
Gehirnaktivität mit 128 Elektroden werden die Studienteilnehmenden mit
bestimmten Triggern konfrontiert und daraufhin vor
Verhaltensentscheidungen gestellt. „Hierdurch möchten wir die
Gehirnprozesse identifizieren, die am Vermeidungsverhalten von Menschen
mit Migräne beteiligt sind, und das beste Stimulationsziel für eine
Neurofeedback-Modulation auswählen. Dadurch sollen die Betroffenen ein
ausgeglichenes und bewusstes Verhalten zu den individuellen Auslösern
ihrer Migräne erlangen. Zusätzlich soll eine objektive Messmethode zur
Ermittlung des Vermeidungsverhaltens von Menschen mit Migräne etabliert
werden“, beschreibt Sebastian Evers, ebenfalls Doktorand in der
Arbeitsgruppe von Claudia Sommer, die Ziele der Studie.

Die ersten Ergebnisse werden Ende des Jahres erwartet, auf deren Grundlage
die ersten Neurofeedback-Sitzungen in der Mitte nächsten Jahres gestartet
werden sollen.

Weitere Studienteilnehmende werden gesucht

Das Team von Prof. Dr. Sommer ist immer auf der Suche nach neuen
Studienteilnehmenden, die an Migräne leiden und die Diagnostik und
Behandlung verbessern möchten. Betroffene können sich bei Interesse und
für weitere Informationen gerne bei Morgane Paternoster und Sebastian
Evers melden: Paternoste_M(at)ukw.de oder Evers_S(at)ukw.de.

Typische Kopfschmerzerkrankungen

Kopfschmerzen können durch eine lebensbedrohliche Erkrankung wie etwa ein
Hirntumor verursacht werden. In den meisten Fällen handelt es sich bei
Kopfschmerzerkrankungen jedoch um eine gutartige, nicht lebensbedrohliche
Erkrankung, die allerdings mit einem hohen Leidensdruck einhergeht.

Die häufigsten Kopfschmerzerkrankungen sind Migräne und
Spannungskopfschmerz. Während der dumpf, ziehende und beidseitig
vorkommende Spannungskopfschmerz oft als normaler Kopfschmerz wahrgenommen
wird, ist die Migräne mit Übelkeit und/oder Erbrechen sowie einer
Überempfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen verbunden.
Charakteristisch für die Migräne ist ein pulsierender oder pochender,
einseitiger Schmerz, der durch körperliche Aktivität verstärkt wird. Bei
einer Migräne mit einer so genannten Aura kommen noch Flimmern oder
Blitzen vor den Augen sowie Schwäche, Lähmung oder Taubheitsgefühl eines
Armes oder Beines oder Sprachstörungen hinzu. Ferner gibt es das Syndrom
des chronischen täglichen Kopfschmerzes sowie die eher seltenen
Erkrankungen Clusterkopfschmerz und Trigeminusneuralgie.

Gelegentliche Kopfschmerzen sind in der Regel harmlos und verschwinden oft
schon mit einem Spaziergang an der frischen Luft, ausreichend Schlaf und
Flüssigkeitszufuhr oder einer einzelnen Tablette. Treten starke
Kopfschmerzen jedoch gehäuft auf, sollte ein Arzt oder eine Ärztin
konsultiert werden, bei plötzlichen und extrem starken Kopfschmerzen ist
der Notarzt zu rufen.

* Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört allein die
Migräne zu den zehn häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und
betrifft 12-15 % der Bevölkerung. Die verlorenen Arbeitstage und
Produktivitätseinbußen kosten die europäische Wirtschaft jährlich 27
Milliarden Euro (Cost of Brain Disorders in Europe, 2006)

** Stovner, L. J., Nichols, E., Steiner, T. J., Abd-Allah, F., Abdelalim,
A., Al-Raddadi, R. M., Ansha, M. G., Barac, A., Bensenor, I. M., Doan, L.
P., Edessa, D., Endres, M., Foreman, K. J., Gankpe, F. G., Gopalkrishna,
G., Goulart, A. C., Gupta, R., Hankey, G. J., Hay, S. I., . . . Murray, C.
J. L. (2018). Global, regional, and national burden of migraine and
tension-type headache, 1990–2016: a systematic analysis for the Global
Burden of Disease Study 2016. The Lancet Neurology, 17(11), 954-976.
https://doi.org/https://doi.org/10.1016/S1474-4422(18)30322-3

  • Aufrufe: 75

Welt-Sepsis-Tag 2023: Versorgung von Sepsis verbessern

Durch die Analyse von Versorgungsdaten wollen Wissenschaftler:innen der
Universitätsmedizin Magdeburg im Rahmen einer bundesweiten Studie die
Behandlung von Patient:innen mit und nach einer Sepsis verbessern.

Jährlich sterben weltweit gut 11 Mio. Menschen an einer Sepsis. In
Deutschland ist die als Blutvergiftung bekannte Erkrankung inzwischen die
dritthäufigste Todesursache. Für die anhaltend hohe Zahl an
Sepsisüberlebenden mit Spätfolgen fehlt bisher ein strukturiertes
Behandlungs- und Nachsorgekonzept. Wissenschaftler:innen der
Universitätsmedizin Magdeburg analysieren im Rahmen einer bundesweiten
Studie unter der Leitung des Universitätsklinikums Jena die
Versorgungspfade und Erfahrungsberichte Betroffener mit dem Ziel, Bedarfe
zu ermitteln, Optimierungspotentiale aufzudecken und damit die Behandlung
von Patient:innen mit und nach einer Sepsis zu verbessern. Das Projekt
AVENIR wird zusammen mit der Sepsis-Stiftung sowie dem Wissenschaftlichen
Institut der AOK (WIdO) umgesetzt und durch den Innovationsfonds des
Gemeinsamen Bundesausschusses über drei Jahre mit insgesamt ca. 1,7
Millionen Euro gefördert (Förderkennzeichen: 01VSF21031).

„Sepsis stellt ein bedeutendes, aber nach wie vor unterschätztes
Gesundheitsproblem dar“, erklärt Prof. Dr. Enno Swart, Leiter der
Magdeburger Forschungsgruppe und Versorgungsforscher am Institut für
Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung der Otto-von-Guericke-
Universität Magdeburg. Da die ersten Symptome auch auf andere Erkrankungen
hinweisen können, wird die Sepsis oft zu spät erkannt und behandelt.
„Schätzungsweise Dreiviertel aller Sepsisüberlebenden leiden unter neu
aufgetretenen physischen, psychischen oder geistigen Folgeerkrankungen im
Jahr nach Entlassung aus der Akutbehandlung, die als Post-Sepsis-Syndrom
zusammengefasst werden“, so Swart. „Erste Analysen deuten darauf hin, dass
die strukturierte Nachsorge noch zu wenig Aufmerksamkeit erhält und mehr
auf die Bedürfnisse der Sepsis-Patient:innen abgestimmt werden muss.“ In
der Studie sollen durch die gezielte Betrachtung prä-, inner- und
postklinischer Daten sowie günstiger oder ungünstiger Verläufe
Versorgungsdefizite und besondere -bedarfe identifiziert werden.

In Magdeburg liegt das Augenmerk speziell auf der Auswertung von
verschlüsselten Sekundär- bzw. Abrechnungsdaten zweier großer gesetzlicher
Krankenkassen (GKV). Um explizit Versorgungsverläufe von
Sepsispatient:innen abzubilden, werden diese Abrechnungsdaten mit
Rettungsdienstdaten verknüpft. Swart betont: „Die Herausforderung besteht
darin, die unterschiedlichen Datenquellen auf einen Nenner zu bringen und
zu verknüpfen, da beispielsweise die Rettungsdienstdaten anders als die
GKV-Daten noch nicht regelhaft für die Forschung zugänglich gemacht sind.“
Zudem führen die Forschenden auch qualitative Erhebungen mit Betroffenen
und Versorgungsakteuren anhand von Einzel- und Gruppeninterviews durch.
„Die Analyse dieser Daten ermöglicht eine vollständige Abbildung des
ambulanten, rettungsdienstlichen, stationären und poststationären
Versorgungsgeschehens. Das ist im internationalen Vergleich einmalig und
ermöglicht einen neuen ganzheitlichen Blick auf die Sepsisversorgung“,
sagt Swart. Auf Grundlage der Ergebnisse sollen unter Beteiligung von
Betroffenen Informations- und Edukationsmaterialien zur besseren
Aufklärung entwickelt werden.

Eine Sepsis kann den gesamten Körper erfassen und ist die schwerste
Verlaufsform einer Infektion. Häufige Auslöser sind z. B. Lungen- oder
Harnwegsentzündungen. Prinzipiell kann allerdings jede Infektion, bei der
Erreger in den Körper gelangen (z. B. über Wunden), eine Sepsis
verursachen. Sepsis tangiert daher alle Bevölkerungsgruppen.

Der Welt-Sepsis-Tag findet jährlich am 13. September statt.

  • Aufrufe: 98