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Gesundheit

Gender- und altersspezifische Aspekte von Bluthochdruck

Bluthochdruck ist eine Volkskrankheit. Dennoch tritt sie nicht in allen
Altersklassen gleich häufig auf, die Prävalenz steigt mit dem Alter. Auch
das Geschlecht spielt eine Rolle und führt zu einem unterschiedlichen
Risikoprofil. Viele verschiedene Faktoren begünstigen die Erkrankung,
einige liegen sogar vor der Geburt. Dennoch wird Bluthochdruck einem nicht
als unabwendbares Schicksal in die Wiege gelegt, sondern das Risiko für
Bluthochdruck lässt sich beeinflussen. Die Prävention sollte aber so früh
wie möglich beginnen.

Die arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) ist eine häufige Erkrankung. Die
Gesamtprävalenz beträgt etwa 30 Prozent, insgesamt sind in Deutschland
also 20–30 Millionen Menschen betroffen. Die Krankheitshäufigkeit ist
allerdings stark altersabhängig, die Zahl der Erkrankten steigt mit den
Lebensjahren. In jungen Jahren ist die Hypertonie (noch) sehr selten, nur
etwa 3 Prozent der Kinder sind betroffen, bei betagten Seniorinnen und
Senioren über 80 Jahren liegt die Rate bei bis zu 80 Prozent [1].

Bei den meisten Kindern besteht eine sog. sekundäre Hypertonie, also ein
Bluthochdruck, der Folge einer anderen Erkrankung ist. Erst mit dem
Schulalter und bei Jugendlichen tritt dann die primäre (essenzielle)
Hypertonie in den Vordergrund, ein Bluthochdruck, der „einfach so“
entsteht und nicht Folge einer anderen Krankheit ist.

Hypertonie – die Vorsorge kann nicht früh genug beginnen!
Das Blutdruckniveau im Kindes- und Jugendalter ist prädiktiv für die
Blutdruckgesundheit im Erwachsenenalter. Das bedeutet: Kinder mit
Hypertonie nehmen ihre hohen Blutdruckwerte meistens mit ins
Erwachsenenalter [2]. Die Schlussfolgerung, die Frau Prof. Elke Wühl,
Heidelberg, Kongresspräsidentin des 47. Wissenschaftlichen
Jahreskongresses der Deutschen Hochdruckliga 2023, daraus zieht, lautet:
„Man kann mit der Vorsorge nicht früh genug beginnen.“

Erst recht, wenn man weiß, dass es verschiedene Einflussfaktoren gibt, die
bereits vor der Geburt die Weichen auf „Bluthochdruck“ stellen können.
Dazu zählen ein niedriges Geburtsgewicht, Frühgeburtlichkeit, mütterliche
Risikofaktoren während der Schwangerschaft, wie z. B. eine Präeklampsie,
Bluthochdruck, Übergewicht oder Nikotinkonsum der Mutter, aber auch
genetische Faktoren. Dadurch, dass das kardiovaskuläre Risiko teilweise
intrauterin festgelegt wird, haben Kinder bereits bei ihrer Geburt
unterschiedliche Startpunkte, was ihre Gesundheitsperspektive angeht [3].
„Wer ungünstige Voraussetzungen hat und später nicht dagegenarbeitet, hat
ein großes Risiko, dass es zu frühzeitigen kardiovaskulären Ereignissen
kommt. „Gerade wenn es um die Themen gesunde Ernährung, Rauchentwöhnung
und Bluthochdruck geht, müssen wir junge Frauen dafür sensibilisieren,
dass sie damit nicht nur in die eigene, sondern auch in die Gesundheit
ihrer Kinder investieren“, erklärte Prof. Wühl. Die Kongresspräsidentin
verwies auch auf entsprechende Beiträge zum Thema „Hypertonie in der
Schwangerschaft“ auf dem Kongress, da immer noch Unsicherheit bzgl. der
Blutdruckeinstellung und Blutdrucktherapie in der Schwangerschaft bestehe.

Doch auch wenn das Risiko für Bluthochdruck bereits in die Wiege gelegt
wird, kann man trotzdem viel dagegen tun, betonte Prof. Wühl. „Durch
äußere Umstände kann die Aktivierung des Erbguts beeinflusst werden, man
nennt das Phänomen epigenetische Modifikation. Wir können mit der
richtigen Lebensführung Einfluss darauf nehmen, ob eine bestimmte
Erbinformation vermehrt oder vermindert ausgelesen wird.“ Für das
Hypertonierisiko heißt das: Wer vorbelastet ist, kann z. B. durch
Ernährung und Bewegung gegensteuern.

Ein weiteres Thema auf dem Kongress ist daher auch die kardiovaskuläre
Prävention bei Kindern und Jugendlichen, u. a. wird die neue AWMF-
Leitlinie [4] diskutiert. Da mit Zunahme der Prävalenz von Übergewicht
auch das Hypertonierisiko bei Kindern zunimmt, ist es wichtig, frühzeitig
gegenzusteuern. Zu den Kernempfehlungen gehören u. a. ausreichend
körperliche Bewegung, eine gesunde Ernährung (mit 2–3 Portionen Gemüse und
Obst pro Tag), ausreichend Schlaf (9–12 Stunden) sowie ein auf 30–60
Minuten täglich begrenzter Medienkonsum.

Auch syndromale Erkrankungen, wie z. B. das Turner-Syndrom, sowie
genetische Krankheiten, die zu einer Hypertonie führen können, sind
Gegenstand des Kongresses. Denn oft ist unklar, welche Diagnostik
erforderlich ist. Perspektivisch ist eine genaue Diagnose wichtig, da
zielgerichtet behandelt werden sollte. „Bei monogenetischen
Bluthochdruckerkrankungen sehen wir beispielsweise, dass die klassischen
Antihypertensiva gar nicht wirken. Zum Beispiel beim Liddle-Syndrom: Dabei
handelt es sich um einen Bluthochdruck aufgrund einer Funktionsstörung der
Nierenkanälchen, die mit einem Diuretikum wie Amilorid behandelt werden
sollte.“

Genderspezifische Aspekte von Bluthochdruck
Die Hypertonieprävalenz ist außer vom Alter auch abhängig vom Geschlecht.
In jungen Jahren sind deutlich mehr Männer als Frauen betroffen, doch in
den mittleren Lebensjahren holen die Frauen auf. Nach den Wechseljahren
sind gleich viele Frauen wie Männer betroffen, im höheren Alter sind dann
sogar die Frauen in der Überzahl [1].

Man unterscheidet zwischen biologischem Geschlecht (engl. „sex“) und
sozialem Geschlecht („gender“) – und beide können Einfluss auf die
Entstehung und den Verlauf kardiovaskulärer Erkrankungen nehmen. Während
das biologische Geschlecht Frauen sogar einen Vorteil verschafft – sie
haben bis zum 75. Lebensjahr z. B. weniger Gefäßverkalkungen als Männer
und weniger kardiovaskuläre Risikofaktoren –, sind es die „Gender-
Faktoren“, die das Pendel in die andere Richtung ausschlagen lassen: Die
Krankheitspathophysiologie ist bei Frauen schlechter untersucht, die
Diagnose- und Behandlungsstrategien sowie die medikamentösen Therapien
sind oft nicht auf Frauen ausgelegt. Daher erhalten Frauen immer wieder
eine schlechtere medizinische Behandlung mit weniger invasiven und
intensivmedizinischen Behandlungen [5]. Auch die Studien zu den
etablierten Bluthochdruckmedikamenten sind an mehr männlichen Patienten
als weiblichen Patientinnen durchgeführt worden. „Wir streben eine
personalisierte Medizin an, haben aber lange Zeit nicht einmal nach
Geschlecht differenziert. Zum Glück hat hier nun ein Umdenken eingesetzt“,
erklärte Prof. Elke Wühl abschließend.

[1] Versorgungsatlas.de; Diagnoseprävalenz der Hypertonie in der
vertragsärztlichen Versorgung.
[2] Theodore RF, Broadbent J, Nagin D et al. Childhood to Early-Midlife
Systolic Blood Pressure Trajectories: Early-Life Predictors, Effect
Modifiers, and Adult Cardiovascular Outcomes. Hypertension
2015;66(6):1108-15
[3] Kruger R, Gafane-Matemane LF, Kagura J. Racial differences of early
vascular aging in children and adolescents. Pediatr Nephrol
2021;36(5):1087-1108
[4] S2k-Leitlinie „Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen im Kindes- und
Jugendalter“. AWMF-Registernummer 023–049. Abrufbar unter:
https://www.awmf.org/service/awmf-aktuell/praevention-kardiovaskulaerer-
erkrankungen-im-kindes-und-jugendalter

[5] Regitz-Zagrosek V, Gebhard C. Gender medicine: effects of sex and
gender on cardiovascular disease manifestation and outcomes. Nat Rev
Cardiol 2023;20(4):236-247

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Eine frühe Diagnose kann den Unterschied machen: Neue S3-Leitlinie Demenz erschienen

1,6 Millionen Menschen sind in Deutschland aktuell an einer Demenz
erkrankt. Ihnen die optimale Therapie zu ermöglichen, ist das Ziel der
jetzt neu erarbeiteten Behandlungsempfehlungen. Die neue S3-Leitlinie
Demenzen wurde unter gemeinsamer Federführung von DGN und DGPPN
erarbeitet. Sie umfasst insgesamt 109 Empfehlungen zur Diagnostik und
Behandlung von Demenzen.

Oft betrifft eine Demenz zunächst das Gedächtnis – erst das Kurz- und dann
das Langzeitgedächtnis. Betroffene haben aber auch Probleme mit
Aufmerksamkeit, Sprache, Denkvermögen und Orientierungssinn. Aktuell sind
1,6 Millionen Menschen in Deutschland an einer Demenz erkrankt, bis zum
Jahr 2050 könnten es 2,8 Millionen sein. Mit einem Anteil von etwa 65 %
ist die Alzheimer-Krankheit die häufigste Form der Demenz. Etwa 15% sind
vaskulär, d. h. gefäßbedingt. Bei einem Teil der Betroffenen liegt eine
Kombination dieser Erkrankungen vor. Seltener sind frontotemporale
Demenzen, sie betreffen meist Personen, die jünger sind als 65 Jahre.

Eine Demenz ist nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für die
Angehörigen eine große Belastung. Sie ist nicht heilbar. Mit der optimalen
medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Versorgung kann ihr
Fortschreiten aber verlangsamt und die Lebensqualität der Betroffenen und
ihrer Angehörigen verbessert werden.

Wissenschaftlich basierte Therapieempfehlungen

Die jetzt neu erschienene S3-Leitlinie Demenzen fasst die Empfehlungen für
eine optimale Versorgung zusammen. Sie wurde unter gemeinsamer
Federführung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der
Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik
und Nervenheilkunde (DGPPN). Dafür wurden alle relevanten Untersuchungen
und Studien zum Thema zusammengetragen und gesichtet. Mehr als 30
Delegierte aller Fachrichtungen sowie Angehörige und Betroffene haben die
Ergebnisse anschließend diskutiert und gemeinsame Empfehlungen formuliert.

„Die neue Leitlinie macht umfassende Empfehlungen für die ganzheitliche
Behandlung der erkrankten Menschen“, erläutert der Psychiater Prof. Dr.
Frank Jessen, der für die DGPPN als Koordinator an den Leitlinien
gearbeitet hat. „Die Empfehlungen berücksichtigen biologische,
psychologische und soziale Aspekte und richten sich mit Hinweisen zu
Diagnostik, Therapie, Betreuung und Beratung an alle Fachleute, die mit
Menschen mit Demenzen zu tun haben, sowie an Betroffene und Angehörige.“

Frühe Behandlung dank früher Diagnose

Die wichtigste Neuerung der Leitlinie ist Frank Jessen zufolge die
Möglichkeit, die Diagnose bereits in einem früheren Stadium der Erkrankung
zu vergeben. „Bislang musste für die Diagnose Demenz die Selbstständigkeit
der Menschen deutlich beeinträchtigt sein, was eine echte Frühdiagnostik
erschwert. Mit der Diagnose der leichten kognitiven Beeinträchtigung, des
‚mild cognitive impairment bei einer Alzheimer-Krankheit‘, können wir den
Betroffenen künftig deutlich früher Behandlungsangebote machen und so
hoffentlich das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen.“

Um diese Diagnose zu stellen, muss aber gesichert sein, dass die
Beeinträchtigung tatsächlich auf die Alzheimer-Krankheit zurückzuführen
ist. Die neue Leitlinie empfiehlt, dafür u. a. per Liquordiagnostik
Biomarker zu bestimmen. Der Neurologe Prof. Dr. Richard Dodel, für die DGN
Koordinator  der Leitlinie, erläutert: „Über die Rückenmarksflüssigkeit
können Pathologien im Bereich der Amyloide und der Tau-Proteine
nachgewiesen werden, die ursächlich für die Alzheimer-Erkrankung sind. So
kann Alzheimer diagnostiziert werden, auch wenn die Symptomatik noch nicht
voll ausgeprägt ist.“

Digital und dynamisch

Die neue Leitlinie wird erstmals nicht nur als Textdokument
veröffentlicht, sondern auch in digitaler Form in der nicht kommerziellen
Web-Plattform „MAGICapp“. Via „MAGICapp“ werden aktuell schon mehr als 200
internationale Leitlinien präsentiert. Die digitale Darstellung ermöglicht
es allen Interessierten, unmittelbar auf die Leitlinie und jede einzelne
Empfehlung zuzugreifen. Auch die Studien, die den Empfehlungen zugrunde
liegen, können direkt aus der App aufgerufen werden. Ein weiterer Vorteil
der digitalen Leitlinie: Neue Erkenntnisse können in die Empfehlungen
schnell aufgenommen werden, sobald ihre Wirksamkeit nachgewiesen ist.

Betroffene können dann künftig schon früher mit neuartigen Therapien
behandelt werden. Die Haupt-Autoren der Leitlinie, Frank Jessen und
Richard Dodel, sind zuversichtlich, dass auch die derzeit rasanten
Fortschritte in der Diagnostik und Behandlung der Alzheimer-Demenz schon
bald in die digitale Leitlinie einfließen werden.

Hintergrund

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik
und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN)

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie,
Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ist die größte deutsche
medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft auf dem Gebiet der
psychischen Gesundheit. Sie bündelt die Kompetenzen von mehr als 11.200
Fachärztinnen und Fachärzten, Therapeutinnen und Therapeuten sowie
Forschenden. Die DGPPN vertritt die Interessen ihrer Mitglieder in
Versorgung, Wissenschaft, Lehre, Aus-, Fort- und Weiterbildung und bringt
sich aktiv in die Gesundheitspolitik ein. Immer steht die ganzheitliche
Sicht auf den Menschen mit allen individuellen psychischen, körperlichen
und sozialen Aspekten im Zentrum. Die Fachgesellschaft engagiert sich in
der Erforschung psychischer Erkrankungen, stellt hierzu Netzwerke zum
Austausch bereit und informiert über die neuesten wissenschaftlichen
Erkenntnisse – unter anderem beim DGPPN Kongress, der jährlich im November
in Berlin stattfindet. Darüber hinaus gibt die DGPPN Leitlinien zur
Sicherung der Qualität bei der Diagnostik und Therapie psychischer
Erkrankungen heraus und entwickelt Richtlinien für ethisches Verhalten in
Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)

sieht sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft in der
gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren 12.000 Mitgliedern die
neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern und zu
verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre,
Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der
gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden
gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

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Erste Augentransplantation in den USA. DOG: „Wiederherstellung der Sehfunktion ist derzeit noch unrealistisch“

Ein Team aus Chirurginnen und Chirurgen hat in New York nach eigenen
Angaben die weltweit erste vollständige Transplantation eines Auges
vorgenommen. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft e.V. (DOG)
gratuliert zu dieser chirurgischen Leistung und warnt zugleich vor
unrealistischen Erwartungen. „Es sollten derzeit bei blinden Menschen
keine Hoffnungen geweckt werden, durch eine Transplantation die Sehkraft
wieder herstellen zu können“, sagt DOG-Mediensprecher Professor Dr. med.
Horst Helbig. Zugleich fordert die Fachgesellschaft eine bessere
Forschungsförderung in Deutschland, damit diese Vision eines Tages in
Erfüllung gehen könne.

Anfang November hat die New Yorker Universitätsklinik NYU Langone
mitgeteilt,* dass es einem interdisziplinären Ärzteteam gelungen sei,
einem Patienten im Zuge einer Teilgesichtstransplantation erstmals auch
ein gespendetes Auge eingesetzt zu haben. Die 21-stündige Operation, an
der nach Angaben der Klinik mehr als 140 Chirurginnen und Chirurgen sowie
weitere medizinische Mitarbeitende beteiligt waren, hatte bereits Anfang
Mai stattgefunden. Der 46-jährige Patient Aaron James hatte 2021 bei einem
Arbeitsunfall einen 7200 Volt starken Stromschlag erlitten, bei dem er
sein linkes Auge, Teile seines Gesichts und Teile seines linken Arms
verlor.

Bei der Transplantation wurden die Blutgefäße, die das Auge versorgen,
zwischen Gesicht des Spenders und dem Empfänger verbunden und der Sehnerv
vernäht; zusätzlich wurden Stammzellen aus dem Knochenmark des Spenders in
den Sehnerven injiziert. Die transplantierte Netzhaut ist laut US-
Ärzteteam heute gut durchblutet, der eingesetzte Augapfel lebensfähig.
Eine Sehfunktion ist beim transplantierten Auge jedoch bisher nicht
vorhanden, und auch andere Funktionen wie Lidhebung oder Augenbewegungen
waren nicht nachweisbar.

„Die beschriebene Transplantation ist eine großartige chirurgische
Leistung, die dem Patienten zu einer erheblichen kosmetischen Verbesserung
verholfen hat“, sagt Helbig. „Wir gratulieren dazu“, betont der Direktor
der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum
Regensburg. Man wisse, dass die Wiederherstellung der Sehfähigkeit durch
eine Augentransplantation die große Hoffnung von blinden Patientinnen und
Patienten sei. „Nach derzeitigem Wissensstand ist dies jedoch eine
unrealistische Erwartung“, betont der DOG-Experte. Denn der durchtrennte
Sehnerv sei nicht mit einem anderen peripheren Nerven zu vergleichen. „Er
entspricht eher einer Ausstülpung der weißen Substanz des Gehirns mit etwa
einer Million Fasern“, so Helbig. „Eine Regeneration mit funktionierendem
Anschluss an das Sehzentrum des Gehirns ist daher nicht zu erwarten und
bei dem transplantierten Patienten auch nicht eingetreten.“

Gegenwärtig ist die Verpflanzung der Hornhaut des Auges zur
Wiederherstellung des Sehvermögens möglich. „Sie gibt in Deutschland jedes
Jahr vielen Tausend Menschen die Sehkraft zurück“, erklärt Professor Dr.
med. Claus Cursiefen, Generalsekretär der DOG. Auch wenn derzeit nicht zu
erwarten sei, dass Aaron James jemals auf dem transplantierten Auge werde
sehen können, seien die bisherigen Erfolge doch ein Ansporn,
Forschungsarbeiten im Bereich der okulären Transplantationsimmunologie,
der Neuroregeneration und der Mikrochirurgie fortzusetzen.

Die DOG fordert daher, die Forschungsförderung in Deutschland zu steigern,
um international nicht den Anschluss zu verlieren. „Die deutsche
Augenheilkunde hat in der Vergangenheit viele wissenschaftliche
Durchbrüche zum Wohle der Patienten erzielen können“, so Cursiefen. Der
DOG-Generalsekretär fügt hinzu: „Ein Deutsches Zentrum für
Gesundheitsforschung in der Augenheilkunde würde helfen, eines Tages auch
die Vision einer Transplantation des ganzen Auges zur Wiedererlangung der
Sehfähigkeit in Erfüllung gehen zu lassen.“

*NYU Langone Health Performs World’s First Whole-Eye & Partial-Face
Transplant | NYU Langone News

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„Gesundheit oben auf die Agenda“

Premiere: Planetary Health Forum – DBU fördert Kongress
Wenn am 30. November in Dubai der nächste Weltklimagipfel (COP
28) startet, findet zeitgleich in Berlin zum ersten Mal in Deutschland
eine zweitägige Konferenz für planetare Gesundheit statt: das Planetary
Health Forum ´23, gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).
Der Kongress rückt ins Blickfeld, was erstmals auch eine COP mit einem
eigenen Thementag würdigt: Gesundheit als wichtiger Aspekt der Klima- und
Biodiversitätskrise. Die Forderung von DBU-Generalsekretär Alexander
Bonde, der mit einer kleinen Delegation an der COP 28 teilnimmt:
„Gesundheit gehört beim Umwelt-, Klima- und Artenschutz oben auf die
Agenda. Der Mensch bleibt nur dann gesund, wenn die Erde nicht krank
wird.“

DBU-Förderinitiative: rund 2,9 Millionen Euro für mehr als 20 Projekte

Bonde rät zu einem neuen strategischen Denken und Handeln: „Es geht nicht
nur um den Umgang mit den Folgen von Klima- und Biodiversitätskrise für
die Gesundheit. Mindestens ebenso entscheidend sind die Anforderungen an
den Gesundheitssektor selbst. Er muss viel nachhaltiger werden.“ Welches
Reduzierungspotenzial im Sektor steckt, verrät die Statistik. Demnach ist
das Gesundheitswesen als einer der größten internationalen Arbeitgeber
verantwortlich für einen beträchtlichen Anteil am Ausstoß klimaschädlicher
Treibhausgase (THG) wie etwa Kohlendioxid (CO2). Allein in Deutschland
sind es dem Öko-Institut zufolge rund fünf Prozent der THG-Emissionen,
also etwa 50 Millionen Tonnen THG – das übertrifft sogar die Luftfahrt.
Die DBU startete 2022 die Förderinitiative „Planetary Health“ (planetare
Gesundheit). Mittlerweile werden mehr als 20 Projekte gefördert, das
Volumen beträgt rund 2,9 Millionen Euro.

Bundesgesundheitsminister und Bundesumweltministerin übernehmen
Schirmherrschaft

Bonde zufolge ist ermutigend, „dass beim ersten Planetary Health Forum
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und Bundesumweltministerin
Steffi Lemke die Schirmherrschaft übernommen haben“. Klimaschutz sei
„immer auch Gesundheitsschutz“, sagt Lauterbach. Die Konsequenzen des
Klimawandels für die Gesundheit der Menschen seien aber noch „viel zu
wenig bekannt“. Lemke bekräftigt, mit der Schirmherrschaft wolle sie „die
sektorübergreifende Zusammenarbeit für mehr planetare Gesundheit
unterstützen“. Das ist auch ein Anliegen des Planetary Health Forums:
ungewöhnliche Partnerschaften für eine Gesundheit innerhalb planetarer
Grenzen schmieden. Der Kongress wird von der Berliner Denkfabrik Centre
for Planetary Health Policy (CPHP) und der „Deutschen Allianz Klimawandel
und Gesundheit“ (KLUG) veranstaltet, die sich in ihren Beratungen dem
Schutz und der Förderung der Gesundheit innerhalb der sogenannten
planetaren Belastbarkeitsgrenzen verpflichtet sehen. CPHP-Direktorin Maike
Voss: „An Evidenz, Erfahrung und Engagement in den Bereichen Umwelt und
Gesundheit mangelt es nicht.“ Doch bisher agierten diese Sektoren
„meistens für sich“. Voss weiter: „Mit dem Planetary Health Forum machen
wir ein Angebot, um die verschiedenen Akteurinnen und Akteure
zusammenzubringen. Gemeinsam wollen wir ein lautes Signal an die Politik
senden und mit vereinten Kräften die überfällige sozial-ökologische
Transformation entscheidend nach vorne bringen.“

WBGU-Gutachten: Unsere Lebensweise zerstört die natürlichen
Lebensgrundlagen

Für Expertise ist auf der zweitägigen Konferenz gesorgt: Mit dabei sind
Prof. Dr. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung,
Francesca Racioppi (Weltgesundheitsorganisation), Luisa Neubauer (Fridays
for Future), Dr. med. Klaus Reinhardt (Bundesärztekammer) sowie Dr. Eckart
von Hirschhausen (Stiftung Gesunde Erde-Gesunde Menschen),
Transformationsforscherin Prof. Dr. Maja Göpel und Prof. Dr. Claudia
Hornberg vom Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU). Gespannt sein
darf man außerdem auf den Beitrag von Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge,
Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale
Umweltveränderungen (WBGU). Im Sommer dieses Jahres hatte der WBGU
gemeinsam mit dem SRU Gutachten zu Umwelt und Gesundheit vorgelegt. Ein
Fazit im WBGU-Gutachten: „Unsere Lebensweise macht krank und zerstört die
natürlichen Lebensgrundlagen.“ Die Vision von einem gesunden Leben auf
einer gesunden Erde sei nur mit internationaler Kooperation realisierbar.
WBGU-Vorsitzende Prof. Dr. Karen Pittel mahnte seinerzeit „ein
fundamentales Umdenken im Umgang mit Gesundheit an“.

Kaum obligatorische Reduktionsstrategien für den Gesundheitssektor

DBU-Generalsekretär Bonde setzt auf wichtige Impulse sowohl durch den
zweitägigen Kongress als auch durch die Weltklimakonferenz in Dubai. Ein
intakter Planet sei gleichfalls für die Wirtschaft unabdingbar. Bonde:
„Wir brauchen deshalb eine naturverträgliche Ökonomie, denn fast die
Hälfte des globalen Bruttoinlandsprodukts hängt von natürlichen
Ökosystemleistungen ab.“ Auch der Gesundheitssektor sei gefordert. Es
hapert Bonde zufolge jedoch daran, dass es für die Branche kaum
obligatorische Reduktionsstrategien gebe. „Notwendig sind internationale
Verträge und Kooperationen“, so der DBU-Generalsekretär. Zumal etwa EU-
weite Vorgaben den Sektor schon jetzt in Zugzwang bringen: Auf EU-Ebene
verlangen Richtlinien und Verordnungen bald Berichtspflichten zur
Nachhaltigkeit. Und Deutschland will laut Klimaschutzgesetz bis 2045
klimaneutral werden – inklusive Gesundheitssektor.

Projekte für resiliente Stadtquartiere und CO2-Bilanzierung von
Krankenhäusern

Bonde zufolge bieten die Projekte der DBU-Förderinitiative Planetary
Health vielversprechende Lösungsansätze – und einen Einblick, „wo überall
angepackt werden muss“. Einige Beispiele: Für die Gesundheit des Menschen
dürfte künftig eine kluge Stadtquartiersplanung herausragende Bedeutung
gewinnen – etwa, um Hitzestress als eine der gravierendsten Folgen der
Klimakrise zu mildern. Der Gesundheitssektor selbst wird nicht
umhinkommen, THG-Emissionen zu senken. Die von der DBU geförderte
Entwicklung eines Klima-Rechners für Kliniken soll daher künftig
bundesweit bei der CO2-Bilanzierung von Krankenhäusern helfen.
Bereitgestellte Energieträger stehen dabei ebenso auf dem Prüfstand wie
die Medikamentenherstellung sowie Produktion, Verpackung und Transporte
von Hygienemitteln, medizinischem Verbrauchsmaterial und Lebensmitteln.

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