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Lifestyle

Konstantin Wecker und das Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie, Ltg. Mark Mast Weltenbrand Tournee, KKL Luzern, 10. Dezember 2019, besucht von Léonard Wüst

Wecker (vorne links) präsentiert mit seinen Mitmusikern sein umfangreiches Repertoire (Foto Sylvia Jost)
Wecker (vorne links) präsentiert mit seinen Mitmusikern sein umfangreiches Repertoire (Foto Sylvia Jost)

Besetzung:

Konstantin Wecker und Band
Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie
Leitung  Mark Mast

Rezension:

Konstantin Wecker Foto Bayerischer Rundfunk c Wilschewski
Konstantin Wecker Foto Bayerischer Rundfunk c Wilschewski

Es ist die ewige, fortwährende Geschichte des Konstantin Wecker, wenn es um die Live-Auftritte des begnadeten Liedermachers geht. In regelmäßigen Abständen beglückt der singende und Klavier spielende Weltverbesserer-Anarcho seine Fans und Freunde mit leidenschaftlichen Live-Aufnahmen, die für CD und neuerdings auch Vinyl mitgeschnitten werden. Im Falle von „Weltenbrand entstanden diese sogar mit einem international besetzten Kammerorchester, das ganz großes symphonisches und zugleich weltmusikalisches, absolut friedliebendes Musik-Geschütz auffährt. In dieser Formation absolvierte er auch den Auftritt im, erstaunlicherweise, nicht ganz ausverkauften Konzertsaal des Luzerner KKL.

Bunter Mix aus Altem und Neuem, Vergangenheit und Gegenwart

Mark Mast Leitung
Mark Mast Leitung

Die Musiker intonierten instrumental schon  „Nur dafür lasst uns leben“ als Wecker sich zu ihnen gesellte, sich ein Mikrofon griff und stimmgewaltig einsetzte und das Auditorium sofort im Sack hatte. Dann gings Schlag auf Schlag, alte und neue Liedermacherkunst, ausgiebige Erzählungen aus Vergangenheit und Gegenwart, das Zitieren von Gedichten seiner Lieblingslyriker Rilke, Kästner, Brecht und Mühsam, sowie bombastische Arrangements für das Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie, welches ihn bei den Ausflügen durch seine musikalische Lebensgeschichte unterstützt, machten dieses 2 ½ stündige Konzert aus, der von ruhig bis rockig, orchestral bis akustisch und provokant bis besinnlich mal wieder weckertypisch alles zu bieten hatte.

Der Zahn der Zeit nagt auch am scheinbar Unzerstörbaren

Konstantin Wecker Foto Ufuk Arslan
Konstantin Wecker Foto Ufuk Arslan

Etwas zerbrechlicher und gealtert wirkt er schon, nicht in seinem Klavierspiel und Gesang, eher in Gestik, Mimik und vor allem Bewegungen. Dies aber bei ungebrochener Leidenschaft für seine Anliegen, unentwegtem Engagement gegen alles, was er seit einem halben Jahrhundert rhetorisch, musikalisch anprangert und bekämpft, nicht abweichend in seinem Aufruf nach mehr Menschlichkeit, Nächstenliebe und Zärtlichkeit.  Besonders weist der bayrische Liedermacher diesmal darauf hin, dass in den Zeiten heißer Kriege und ständiger, immer heftiger werdender Hasstiraden gegen alles, was anders ist und nicht in das kleinkarierte Weltbild dümmlicher Nationalisten oder kleinbürgerlicher Einfaltspinsel passt, Widerstand Pflicht sei.

Musiker aus zwölf verschiedenen Nationen und aus Bayern

Konzertmeister Ahmed Mounib
Konzertmeister Ahmed Mounib

Begleitet wurde er von einem Orchester, das sich aus zwölf Musikern, die aus neun Nationen kommen (u.a. Ägypten, Syrien, Grossbritannien Österreich usw.)– welche sich teilweise entgegen der friedlichen Bühne der Kunst auf der „Bühne der Politik“ kriegerisch gegenüberstehen – zusammensetzt: „Diese jungen Musiker spielen ohne Orchesterattitüde. Es ist fast so, als spielte ich mit einer Band aus Hornisten, Geigern und Schlagwerkern. Würde die Politik endlich von der Kunst lernen, dann wären wir wohl in punkto Völkerverständigungen so einige riesige Schritte weiter.
Eine Erkenntnis die natürlich auch jedes Lied seiner klug gewählten Stücke aus über 30 (Auf-)Wecker-Jahren zum Ausdruck bringt, in denen die Erinnerung an deutsche Gräueltaten genauso wichtig sind wie die Ungerechtigkeiten der (politischen) Gegenwart oder die Besinnung auf Liebe und Freundschaft, aber auch Widerstand und Anarchie im Sinne der guten Sache. „Eine Kampfansage in Dur und Moll“ (zu lesen auf Weckers Homepage erwartet den Zuhörer, wobei der Begriff „Zuhören“ wirklich ernst genommen und angewendet werden sollte.

Natürlich durfte auch Greta nicht fehlen

Cellistin Fanny Kammerlander schnappte sich auch mal die E Gitarre
Cellistin Fanny Kammerlander schnappte sich auch mal die E Gitarre

Und wie es kaum anders zu erwarten war, hat Wecker nun auch Greta Thunberg für sich entdeckt und huldigt ihrer mit der Ansage „Zeig‘s ihnen Greta – Die Welt muss weiblich werden“, indem er einerseits Christian Lindners FDP-Ansichten zu dem klimaaktiven Mädchen und der Umwelt ad absurdum führt und „Und das soll‘s dann gewesen sein“ als musikalisches Statement dagegensetzt, das als Symphonie beginnt und zur schrecklichen Erkenntnis kommt: „Doch wie wir auch strampeln und wie wir auch plärren, wir erreichen nur die Staffagen / Der Staat dient den stets anonymeren Herren in den obersten Etagen!“ Weltenbrand – schon der Titel als Provokation und ängstliche Vision zugleich, wobei Wecker  konkretisiert. Der Titel Weltenbrand erinnert an die Zeit zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg. Von 1920 bis 1930 war eine Blütezeit der Genies. Frauen hatten viele Möglichkeiten, Kunst auszuüben. Zum ersten Mal gab es in das Frauenwahlrecht. Wir müssen daran erinnern, wie es 1933 zur Zerstörung der freien Gesellschaft durch einen grauenvollen Tyrannen kommen konnte. Meine große Hoffnung ist, dass sich Geschichte nicht wirklich wiederholt. Aber wir müssen aufpassen.“ Das mit dem Frauenwahlrecht musste er, aufgrund weiblicher Zwischenrufe, korrigieren, da in der Schweiz ebendieses auf nationaler Ebene erst 1971 mittels einer Volksabstimmung eingeführt wurde, in einigen Kantonen wurde es, auf kantonaler Ebene, gar noch später eingeführt.
So entwickelt sich Konstantin Wecker hierbei offensichtlich zum kunstvollen Feuerlöscher oder musikalischen Feuerwehrmann, der eindringlich zum Album und seiner Konzerttournee resümiert: „Ich hätte nie gedacht, dass wir an einen Punkt kommen, an dem unsere gewonnene Demokratie zu verfallen droht. Ich bin überzeugt, dass die von dem begeistert aufspielenden Streicher-, Holz- und Blechbläser-Ensemble vorgetragenen Lieder zur Heilung der geschundenen Welt beitragen. Denn diese Songs können die Poesie noch tiefer ins Herz tragen und dorthin bringen, wo sie eigentlich herkommen, aus den tiefsten Tiefen des Seins.“

Mitmusiker erhielten Gelegenheit ihr Können zu demonstrieren

Severin Trogbacher
Severin Trogbacher

Severin Trogbacher, im anderen Leben Leadgitarrist bei Hubert von Goisern, flocht ein paar ganz tolle Soli ein, auch Schlagwerker und Saxophon konnten Soli platzieren,  Cellistin Fanny Kammerlander griff ab und an auch zur E Gitarre, und krönte ihre Performance dank ihren gesanglichen Qualitäten in einem Duett mit Konstantin Wecker. Für den furiosen Titelsong des Programms, „Entzündet vom Weltenbrand“ läuft Hornist Christian Loferer mal schnell hinter die Bühne. Denn „für den großen Gesang“, den Wecker seinem Vorbild Rainer Maria Rilke entlehnt und gewidmet hat, „braucht’s ein großes Instrument“. Der Münchner Hornist kommt mit einem wirklich großen zurück: einem Alphorn. Welch wunderbaren Tonumfang er dem vier Meter langen Holz entlockt – ganz großer Genuss, inbesonders die draufgelegte Ouvertüre aus Rossinis „Wilhelm Tell“ kam am Vierwaldstättersee sehr gut an. Der ägyptische Konzertmeister Ahmed Mounib zelebrierte Weckers „Tango Joe“ aus dessen Filmmusik zu Helmut Dietls „Schtonk“ mit schon fast südamerikanischem Temperament auf seiner Violine. Das Hervorheben einzelner Akteure schmälert keineswegs die grandiose Leistung des gesamten Orchesters.

Im Gesamtset fehlte einzig der sonst obligate Wedam, der bajuwarische Blues, der, so dachten viele, dafür in den Zugaben vielleicht noch gegeben würde, was dann aber nicht so war.

Zum ersten Mal in der deutschen Charts-Musikgeschichte schaffte es ein Wecker Album,  das Live-Album der Weltenbrand Tournee, sogar in die Deutschen Album-Charts unter die ersten 100  und zwar auf Platz 31. Lange genug gedauert hat‘s diesbezüglich ja. Zugleich eine späte Ehre für den mittlerweile 72siebzigjährigen.

Er will musikalisch immer noch  die Welt verbessern

Fanny Kammerlander im Duett mit Konstantin Wecker
Fanny Kammerlander im Duett mit Konstantin Wecker

Er ist ein Weltverbesserer und ein begnadeter Musiker. Seit fast 50 Jahren steht Konstantin Wecker auf der Bühne, singt gegen Faschismus, Krieg, Unfreiheit und Nationalismus an. Der 72-Jährige sieht heute gefährliche Parallelen zu den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, als die freie Gesellschaft zerstört wurde, die Nationalsozialisten an die Macht kamen. „Weltenbrand“ hat er deshalb aktuelle CD und Tournee überschrieben. Wer Botschaften musikalisch an Mann/Frau bringen will, muss sich etwas einfallen lassen. Der Liedermacher Wecker setzt auf Verstärkung, bringt die Cellistin Fanny Kammerlander, den Gitarristen Severin Trogbacher und zehn Musiker der Bayerischen Philharmonie mit. Die setzen unter Leitung von Mark Mast die Arrangements um, die Weckers langjähriger Freund Jo Barnikel, selbst am Klavier für seine Lieder gestrickt hat, ein einfühlsames und symphonisches Klangerlebnis. Die Musiker ziehen alle Register, umwerben mal laut mal leise, mal enervierend, mal schwelgerisch die Ohren. Das neue Gewand der Lieder hat Jazz-, Rock- oder folkloristische Elemente macht, offen zugegebene, Anleihen bei Beethoven oder Lou Reed. Dazu Weckers  unvermindert kraftvolle Stimme – Pendant seiner virtuosen Sprachgewalt. Jeder Musiker erhält seinen Solopart, den auch Wecker sichtlich genießt. Und da auf der Bühne neun Nationalitäten versammelt sind, steht das Orchester auch für seinen Traum der grenzenlosen, vereinten Welt.

Ein Auftritt wie ein Bild und eine Theaterinszenierung

Konstantin Wecker Weltenbrand Tour
Konstantin Wecker Weltenbrand Tour

Wecker wäre nicht Wecker, wenn er seine Ängste und Befürchtungen nicht mit der Liebe zu den Menschen und der Welt verbinden würde. Den Rahmen seines gut zweieinhalbstündigen Auftritts, der an ein opulentes Bild, eine mitreißende Theaterinszenierung erinnert, bildet sein Lied „Nur dafür lasst uns leben“. Dazwischen viele bekannte Songs gegen die Zerstörung der Welt, gegen Kapitalismus und Ignoranz. Und aktuelle Bezüge zu Greta Thunbergs Kampf gegen den Klimawandel, zu Gewalt und Fremdenhass. Der Liedermacher verknüpft sie mit dem Aufruf zu Widerstand, er bietet Trost und unbeirrbare Lebensbejahung. Da ist es nur ein kurzer Schritt zu seinen Liebesliedern, Liedern an seine Kinder, seinen Filmmusiken und Gedichtvertonungen. Bei denen allen voran Rilke, Brecht und Goethe –, in denen er seine lyrische Seite auslebt. Etwas leiser wünscht er sich wieder ein bisschen 68er Stimmung auf die Strassen zurück, eine Zeit, die sehr viele der anwesenden selber miterlebten, gar mitgestalteten. Stehende Ovationen sind bei Wecker eine Selbstverständlichkeit, 2 3 Zugaben dafür auch. Alles in allem ein Wecker, wie man ihn seit Jahrzehnten kennt, der es aber versteht, in Zusammenarbeit mit seinem Keyboarder Johannes Barnikel, die Lieder zeitgemäss zu arrangieren und so aktuell zu halten.

Konstantin Wecker – Mercedes Sosa – Joan Baez – Ich singe weil ich ein Lied hab – Wien 1988:

www.youtube.com/watch?v=LhHAaJqjVhc

Konstantin Wecker: „Sage Nein!“

www.youtube.com/watch?v=aZtmfCJRErY

Ich hab einen Traum:

youtu.be/CfJawNZm-rQ

Niemals Applaus (Für Meinen Vater)

laut.de/Konstantin-Wecker/Songs/Niemals-Applaus-Fuer-Meinen-Vater-966835

Der Wehdam (Bayrischer Blues)

www.youtube.com/watch?v=ghAD319gpas

Ein Konzert von: www.abc-production.ch/

Fotos: www.abc-production.ch/ und Wikipedia und Homepage von

www.wecker.de/de/start.html

Text: www.leonardwuest.ch

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Wiener Staatsoper, Benjamin Britten A Midsummer Night’s Dream, 13. Oktober 2019, besucht von Léonard Wüst

A midsummer nights dream Foto APA Georg Hochmuth
A midsummer nights dream Foto APA Georg Hochmuth

Produktion und Besetzung:

Dirigentin Simone Young
Regie Irina Brook
Bühnenbild Noëlle Ginefri-Corbel
Kostüme Magali Castellan
Licht Jean Kalman
Choreographie Martin Buczko
  Théo Touvet
 
Oberon Lawrence Zazzo
Tytania Erin Morley
Puck Théo Touvet
Theseus Peter Kellner
Hippolyta Szilvia Vörös
Lysander Josh Lovell
Demetrius Rafael Fingerlos
Hermia Rachel Frenkel
Helena Valentina Naforniţa
Bottom/Zettel Peter Rose
Flute/Flaut Benjamin Hulett
Quince Wolfgang Bankl
Snout Thomas Ebenstein
Snug William Thomas
Starveling Clemens Unterreiner

 

Rezension:

Théo Touvet als Puck Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper
Théo Touvet als Puck Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper

Zum Auftakt seiner letzten Saison hat sich der scheidende Direktor Dominique Meyer Benjamin Brittens Oper „A Midsummer Night’s Dream“ ausgesucht – nach Shakespeares berühmtester Komödie, als erste Premiere der aktuellen Spielzeit Die Oper des britischen Komponisten Benjamin Britten nach der gleichnamigen Shakespeare-Komödie wurde zum ersten Mal nach über 50 Jahren wieder an der Staatsoper aufgeführt. Irina Brook, Tochter von Regielegende Peter Brook, inszeniert den „Sommernachtstraum“ Brittens, das Staatsopernorchester wird von der Australierin Simone Young geleitet. Frauenpower im Haus am Ring.

Brooks Vorliebe für zeitgemässe Kostümierung

Erin Morley als Tytania Peter Rose als Bottom Zettel Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper
Erin Morley als Tytania Peter Rose als Bottom Zettel Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper

Brook sagte in einem Interview mit der APA, dass sie eine besondere Beziehung zu dem Shakespeare-Stück habe: Sie sei mit der Inszenierung ihres Vaters aufgewachsen, sie selbst inszenierte das Drama zuerst in einem „freien Wald-und-Wiesen-Theater, ohne Geld, ohne Bühne“. Die Regisseurin gibt Antworten auf oft gestellte Fragen. Ist die Inszenierung zeitgenössisch wie Brooks bisherige Arbeiten? Mit dem Begriff ist sie nicht glücklich: „Ich bin sehr klassisch in meinem Denken, ich erzähle Geschichten linear und werktreu.“ Mit ihrem Faible für heutige Kostüme gilt die britisch-französische Regisseurin unter Konservativen gleichwohl als „modern“. „Ich sitze zwischen den Stühlen“, sagt Brook, findet das Thema Ausstattung aber insgesamt überbewertet: „In der Opernwelt entscheidet das Setting, wie du wahrgenommen wirst – als Traditionsbrecher oder als Konservativer. Aber das ist oberflächlich.“ Den „Sommernachtstraum“ wird sie in einer waldigen Ruine ansiedeln und die vier Liebhaber in Internatskleidung auftreten lassen, sich im Kern aber um die psychologische Kontur der Figuren bemühen. Und wie geht es ihr mit der modernen, wenn auch nicht avantgardistischen Musik aus dem Jahr 1960? „Sie wirkte zwar beim ersten Mal etwas schwierig auf mich, aber schon nach ein paar Tagen war ich völlig begeistert. Wenn ich vom Proben heimkomme, singe ich diese Melodien in der Nacht.“ Seltsam übrigens im Vergleich: „Als ich eine Oper von Donizetti inszeniert habe, konnte ich mich deutlich schlechter an die Musik erinnern.“

Die Inszenierung begeistert ebenso wie das stringente Dirigat

Lawrence Zazzo als Oberon Théo Touvet als Puck Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper
Lawrence Zazzo als Oberon Théo Touvet als Puck Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper

Sie haben ja schon einen etwas eigenartigen Geschmack, die Briten. Die Schuluniformen zum Beispiel: Überdimensionale mintgrüne Schlipse, Schottenröcke mit steifen Falten und riesigem Karo in grellen Farben. Irgendwie passend für eine Nation, die Nierenauflauf und Pfefferminzsauce für den Gipfel kulinarischen Glücks hält. In England versteht man sich eben darauf, Dinge, die anderswo seit Ewigkeiten aus der Mode gekommen ist, lustvoll zu übertreiben und als Exzentrik zu zelebrieren. Auch die Klangfarben Brittens sind klar von der Insel und werden von der kanadischen Dame mit dem Taktstock im Orchestergraben kongenial adaptiert und mit ihren souveränen Mitmusikern sinngemäss umgesetzt.

Provinzielles Britannia

Peter Rose als Bottom Zettel Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper
Peter Rose als Bottom Zettel Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper

Der neue“ Midsummer Night’s Dream“ an der Wiener Staatsoper ist eine Feier dieser sehr spezifischen Britishness. Kein Cool Britannia, nicht das stylishe trendige London, sondern eher die etwas angestaubte, aber liebenswert exzentrische Britshness der Provinz gibt die Richtung vor in der Inszenierung von Irina Brook. Das ungeniert kitschige Bühnenbild zeigt die von Schlingpflanzen malerisch überwucherten Ruinen eines Rokoko-Schlösschens. Der Elfen-Kinderchor trägt süße Kapuzen-Pullis, Oberon einen silbernen Glitzeranzug, Titania orangenes Haar und Puck eine mintgrüne Perücke.

Akrobatische Stunts mit Spielfreude

Theo Touvet  als Puck
Theo Touvet als Puck

Dieser Puck ist eine Augenweide: Die Saltos, Flugübungen und halsbrecherischen Sprünge des Schauspielers und Akrobaten Théo Touvet würden jedem Zirkus gut anstehen. Die beiden Liebespaare, deren Begehren dank Pucks Sommernachts-Zauberei so folgenschwer durcheinandergerät, stecken in grünen, sehr britischen Schuluniformen und verhandeln ihre hormonellen Verirrungen mit großer Spielfreude. Etwas zäher, aber immer wieder hübsch sind die komödiantischen Bemühungen der Handwerker, die als trottelige Laienspielschar die Tragödie von Pyramus und Thisbe als Theater auf dem Theater zum Besten geben. Spaß macht vor allem der britische Bass Peter Rose als Bottom – stimmlich ebenso souverän wie das gesamte Ensemble.

Gelungene Besetzung ohne Überraschungen

Valentina Naforniţa als Helena Rafael Fingerlos als Demetrius Josh Lovell als Lysander Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper
Valentina Naforniţa als Helena Rafael Fingerlos als Demetrius Josh Lovell als Lysander Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper

Nicht weniger als 14 Gesangssolisten fordert die Oper, und fast alle haben ähnlich viel oder wenig zu singen. Der Wiener Staatsoper gelingt das Kunststück, wirklich jede Rolle gesanglich stark zu besetzen. Große Klasse ist vor allem der Countertenor Lawrence Zazzo als Feenkönig Oberon. Handwerklich ist das alles ziemlich gut gemacht, dabei komplett harmlos und im guten wie im schlechten Sinn kulinarisch. So wie man es eben von der in punkto Regie stockkonservativen Wiener Staatsoper oder einer sehr guten Musicalbühne erwartet.

Britisches Fest der Klangfarben

Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper
Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper

Großartig ist die Orchesterleistung unter der sicheren Leitung von Simone Young. Benjamin Brittens Partitur hat sich erstaunlich jung gehalten, in der „von schwerer Harmonik durchzogenen Partitur“ ist „vor allem zauberisch-lichtes Material detailverliebt“ herausgearbeitet. Dieser britischste aller Komponisten liebte kräftige und eigenwillige Farben – und das ist ein großer Spaß beim Hören. Da gibt es exzentrische Kontrabass-Soli mit schräg durcheinander springenden Cembalo-Akkorden, sphärische Harfen- und Glockenspielklänge und groteske Trompeten-Purzelbäume. Die Wiener Philharmoniker haben hörbare Freude dran.

Selten zu sehendes Meisterwerk

Rachel Frenkel als Hermia  Josh Lovell als Lysander Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper
Rachel Frenkel als Hermia Josh Lovell als Lysander Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper

Textlich hielt sich Britten ziemlich brav an Shakespeares Originaltext, doch seine Musik taucht den Klassiker in ein unverwechselbares Licht. Schade, dass man diese Oper nicht öfter hört. Denn auch wenn uns der eigenwillige Geschmack der Briten manchmal überrascht – ohne ihren wunderbaren Sinn für Exzentrik ist Europa einfach nicht komplett. Und auch wenn diese Inszenierung sicher kein bleibendes Meisterwerk ist, Brittens Oper ist eines. Und so wünscht man nach diesem Abend umso mehr: Stay with us.

Kräftiger Applaus für Shakespeare-Interpretation

Rafael Fingerlos als Demetrius Valentina Naforniţa als Helena Rachel Frenkel als Hermia Josh Lovell als Lysander Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper
Rafael Fingerlos als Demetrius Valentina Naforniţa als Helena Rachel Frenkel als Hermia Josh Lovell als Lysander Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper

Auch das Publikum zeigte sich am Ende zufrieden: Nach dem Fallen des Vorhangs gab es lauten Jubel für die Britten-Oper, die heuer als erste Premiere auf dem Spielplan des Hauses am Ring stand. Brittens Oper wurde erstmals 1960 in England aufgeführt, sie zählt zu den erfolgreichsten Werken des britischen Komponisten. 1962 kam die Oper nach Wien, inszeniert vom Schweizer Regisseur Werner Düggelin. Es gibt nichts, das gegen diesen neuen „Sommernachtstraum“ in der Wiener Staatsoper spricht. Es ist eine klanglich wie optisch durch und durch stimmige Opernproduktion. Natürlich lässt die Regisseurin den Puck den einen oder andern Flic Flac oder Überschlag zu viel ausführen, aber solangs dem Publikum gefällt heiligt der Zweck die Mittel.

Man geht ja ins Theater, respektive in die Oper, um sich zu amüsieren und nicht, um sich zu grämen. Das Dirigat von Simone Young ist geprägt von einer raumfüllend substanziellen Leichtfüßigkeit. Wie sie Benjamin Brittens musikalische Welten kraftvoll erblühen und fokussiert durch den Raum huschen lässt, wird dem punktuellen Flirren, das der Partitur innewohnt, ebenso gerecht wie dem lautmalerischen Klangwitz des Komponisten. Das Orchester dankte Youngs plastischer Übersicht und Klarheit mit punktgenauem Klangfarbenzauber und auch in den kompakten Linien aufblitzender Spielfreude.

Traum- Zauberwelt auf Bühne drapiert

Szilvia Vörös als Hippolyta Peter Kellner als Theseus Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper
Szilvia Vörös als Hippolyta Peter Kellner als Theseus Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper

Spielfreude und Poesie, Zauber und Witz sind auch die Schlagworte, die die szenische Umsetzung des „Midsummer Night’s Dream“ prägen. Regisseurin Irina Brook hat mit ihrem Team eine zeitlose, angedeutet verwunschene Traum-Zauberwelt auf die Bühne gestellt. Spielplatz aller Szenen ist ein verfallendes Schloss (Bühne: Noëlle Ginefri-Corbel), in dem sich die Natur ihren Platz schon von der Zivilisation zurückzuerobern beginnt. Mit einfachen Mitteln und den detailverliebten, die Figuren klar in ihre Sphären einordnenden Kostümen (Magali Castellan) grenzt sie die einzelnen Spielwelten klar voneinander ab und verschränkt sie doch liebevoll wie geschickt.

Die Leichtigkeit des Seins und der Traumwelt visuell umgesetzt

Théo Touvet als Puck Ensemble Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper
Théo Touvet als Puck Ensemble Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper

Hier dürfen Feen Glitzerkronen aus vergoldeten Dornen tragen, Handwerker Arbeitskleidung und der quirlige Puck ein Efeu-Kostüm mit grünem Haarschmuck. Eben jener Puck durchzieht die Produktion – bis in den Zuschauerraum – in Form des niemals still haltenden, schelmischen wie Salto springenden Akrobaten Théo Touvet mit charmanter Lebendigkeit. Doch nicht nur er durchbricht die Statik so manch anderer Opernproduktion.

Eindringliche Farben

Lawrence Zazzo als Oberon Erin Morley als Tytania Michael Pöhn Wiener Staatsoper
Lawrence Zazzo als Oberon Erin Morley als Tytania Michael Pöhn Wiener Staatsoper

Auch die übrigen Figuren zeichnet Brook liebevoll vital, behält bei allem Witz stets den maßvollen Blick für das Wesentliche und erzählt die Geschichte des Feenkönigspaares mit ebenso viel Empathie wie die irregeleiteten Liebesturbulenzen der vier jungen Athener oder die Vorbereitungen des Theaterstücks der Handwerker. Die Sänger scheinen unter ihrer Regie in Spielfreude zu erblühen. Der amerikanische Countertenor Lawrence Zazzo ist bei seinem Staatsoperndebüt als Oberon der sängerische Schwerpunkt der Produktion, säuselnd und giftig, höchst textverständlich und mit eindringlichen Farben. Klar und präzise auch Erin Morley als Titania, pointiert komödiantisch Peter Rose als Bottom.

Kanadier weckt Hoffnungen auf einen neuen „Haus Tenor“

Clemens Unterreiner als Starveling William Thomas als Snug Wolfgang Bankl als Quince Thomas Ebenstein als Snout Benjamin Hulett als Flute Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper
Clemens Unterreiner als Starveling William Thomas als Snug Wolfgang Bankl als Quince Thomas Ebenstein als Snout Benjamin Hulett als Flute Foto Michael Pöhn Wiener Staatsoper

Einen gelungenen Einstand feierte der junge Kanadier Josh Lovell, der mit der aktuellen Spielzeit neu im Ensemble ist und als Lysander tenorale Hoffnungen weckt. Mit Rafael Fingerlos, Rachel Frenkel und Valentina Nafornita wurde das junge Liebesquartett mit Wanderrucksack und in Schuluniform bestens aus dem Ensemble komplettiert. Es ist eine klanglich wie optisch durch und durch stimmige Opernproduktion. Abgründe jeglicher Art sucht man vergebens. Zauberhaftes Wohlgefallen statt düsterer Magie – mit dieser Deutung ist die Staatsoper klar näher bei Shakespeare als bei Britten, eine Inszenierung, die das Auditorium zu stürmischem, langanhaltenden Schlussapplaus animierte.

Kleine Fotodiashow der Produktion:

fotogalerien.wordpress.com/2019/12/08/wiener-staatsoper-benjamin-britten-a-midsummer-nights-dream-13-oktober-2019-besucht-von-leonard-wuest/

 

Text : www.leonardwuest.ch   Fotos:https://www.wiener-staatsoper.at/

 

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Stephan Eicher, Homeless Songs Tour, KKL Luzern, 2. Dezember 2019,, besucht von Léonard Wüst

Stephan Eicher Singer Songwriter
Stephan Eicher Singer Songwriter

Besetzung:

Stephan Eicher, vocals/guitars/piano – Heidi Happy, vibraphone/xylophone/mandoline/cello/vocals – Ludovic Bruni, guitars – Reyn Houwehand, piano – Baptiste Germser, bass/corsynthe – Simon Baumann, drums

Rezension:

Reyn Houwehand Piano
Reyn Houwehand Piano

Der international  bekannteste Schweizer Chansonnier präsentierte neue, sparsam und akustisch instrumentierte Songjuwelen ab seinem neuesten Album «Homeless Songs», mit souveräner Band und wie immer mit viel Charme interpretiert. Die Lieder, die gemäss Eicher «nicht wissen, wohin sie gehören», hat er zwischen 2016 und 2019 eingespielt, er singt sie auf französisch, englisch und natürlich auch auf schweizerdeutsch. «Si tu veux (Que je chante)» und die weiteren «homeless songs» zeigten den Songpoeten einmal mehr von seiner besten Seite und wussten das Auditorium zu begeistern.

Stilsicher in jedem Genre, überzeugend in Ton und Text

Stephan Eicher links und Baptist Germser rechts
Stephan Eicher links und Baptist Germser rechts

Dieser Mann kann einfach alles, ob auf Französisch oder seinem Mutterdialekt berndeutsch, mal rau, dann zärtlich, er kann lieb, aber ebenso  aggressiv, ob flüsternd oder  schreiend, er trifft den Hörnerv seiner treuen Fangemeinde, lässt raus, muss sich nie verbiegen. Nimmt mal einen Text von Martin Suter, einen von Philippe Djian, auch eigene. lässt sich auch spontan von seinen Mitmusikern inspirieren, von der Stimmung beim gemeinsamen Musizieren.

Pianovaritionen als Amuse gueules

Ludovic Bruni Gitarre
Ludovic Bruni Gitarre

Zum Auftakt liess Eicher seinen holländischen Pianisten Reyn Houwehand einige Pianominiaturen improvisieren, bevor er selber, zusammen mit den andern acht Musikern, darunter als Special Guest, die in der Innerschweiz natürlich bestens bekannte Priska Zemp aus Dagmersellen, alias „ Heidi Happy“, die Bühne betrat.

Eicher erläuterte dann die Entstehung des neuen Albums, das aufgrund der noch nicht beigelegten Auseinandersetzung mit seiner ehemaligen Plattenfirma eben homeless, also heimatlos benannt wurde, dafür habe er aber die künstlerische Freiheit nutzen können und nicht die üblichen zwölf  3 –  4 minütigen Lieder abliefern müssen, sondern jetzt auch mal kürzere oder auch  längere verwenden könne.

Wie beim Eiskunstlauf gäbe es jetzt auch eine Pflicht und eine Kür

Heidi Happy mit Stephan Eicher und Band
Heidi Happy mit Stephan Eicher und Band

Zu zehnt wurde dann, wie Eicher es nannte die Kür, heisst Songs vom neuen Album „Homeless Songs“ intoniert, bevor das Pflichtprogramm folgte, also in etwa wie beim Eiskunstlauf. Ein Pflichtprogramm, das, so der Wahlfranzose, vom Publikum mitbestimmt werden dürfe. Er dürfe aber so führte der Barde aus, nicht alle Lieder spielen, da er, im Laufe des Rechtsstreits mit seiner ehemaligen Plattenfirma, nicht nur viel Geld in Anwalts – und Gerichtskosten usw., sondern auch die Rechte an vielen seiner Chansons an Universal abtreten musste. Was er aber tun dürfe: die Lieder anstimmen, damit diese vom Auditorium selber gesungen werden könnten, was später dann auch mehr oder weniger tonlagensicher praktiziert wurde.

Ausgezeichnete Mitmusiker mit herausragender Heidi Happy

Drums Simon Baumann
Drums Simon Baumann

Supportiert von einer hervorragenden Band, darunter vier Streichern und einer starken Multiinstrumentalistin Heidi Happy (Gesang, Xylophon, Melodica, Cello und Mandoline), wurde das Set, gewürzt mit ein paar Eicher Anekdoten, zelebriert.  So boten denn Heidy und Stephan gar den Heidi Happy Song „My Love Won’t Wait forYou“ im Duett zum Besten.Danach, vor allem bei „Eldorado“ wurde es etwas laut, etwas sehr laut, sodass es überschlug, also der massive Hall den Gesang überdeckte, was bei doch drei agierenden Tontechnikern nicht passieren sollte, oder es wär denn wie bei den Köchen, wo zu viele….na, Sie wissen schon! Schön gings dann mit den von Martin Suter getexteten „Drissg Jahr“ und „Ds alte Paar“ wieder in angenehmere akustische Gefilde.

Eichers Erläuterungen zum Rechtstreit mit Universal

Heidi Happy
Heidi Happy

Das dauert nun schon sechs Jahr. Universal hat in der Musikindustrie ihre Leistung mir gegenüber einseitig halbiert. Als ich mich dagegen wehrte, haben sie mich blockiert. Keine Interviews, keine Fernsehauftritte, nichts. Um Geld zu sparen, entwickelte ich mein Solo-Projekt mit den Automaten und war anderthalb Jahre allein unterwegs. Das funktionierte zwar, war aber trotzdem manchmal etwas traurig. Während der fast 110 Konzerte merkte ich, dass ich gern ein Team um mich habe. Sieben Jahre und etliche Prozesse in Frankreich gegen seine dortige Plattenfirma hat Stephan Eicher bisher gebraucht und noch ist kein Ende in Sicht.

Versöhnlicher Ausklang des Konzertes

Bass Baptiste Germser
Bass Baptiste Germser

Weiter im Programm mit „Spil no eis“, dann war das Publikum gefordert zum Singen. Das Konzert endet anders als erwartet, als „Sing along,  sing mal mit“: weil der Chansonnier die Rechte für «Déjeuner en paix» nicht mehr besitzt, bittet er ganz pragmatisch das Publikum, seinen Hit zu singen, was dieses dann, mehr oder weniger stilsicher, auch tat und feierte dabei die Protagonisten und auch sich selbst gleich mit. Stehend gings weiter mit den herausgeklatschten Zugaben: „Campari Soda“  gefolgt vom Rumpelstilz Cover „D`Rosmarie und ig“, man feierte weiter mit dem titelgebenden „Homeless Song“ und zwei weiteren kurzen Stücken, ehe das beigeisterte Auditorium die Künstler in den Feierabend entliess.

 

Text: www.leonardwuest.ch

http://allblues.ch/Home

Fotos: www.allblues.ch

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Bartók in Graz, Eine Reportage von Anna Rybinski

Altersgruppe I

In Graz wurde zwischen Wiener Klassik und osteuropäischen Klängen eine Brücke geschlagen. Auf Haydn und seine Zeitgenossen folgten Bearbeitungen ungarischer Bauernlieder, rumänischer Tänze und bulgarischer Rhythmen. Die Magie der klassischen Vollkommenheit wich  den rauen Klängen bäuerischer Volksmusik – und das alles von Jugendlichen, sogar von Kindern vorgetragen, die eine erstaunliche Reife und seelische Verwandtschaft zu beiden Stilrichtungen offenbarten, die unterschiedlicher nicht sein können

Der 6. Internationale Béla Bartók Klavierwettbewerb für junge Pianisten 2019 ist erfolgreich über die Bühne gegangen.

Wichtigster Teil des Vorspielprogramms war: Wiener Klassik und Bartók.

Nach den Anfangsjahren in Wien wurde er zum zweiten Mal in Graz ausgetragen und scheint jetzt an seinem richtigen Platz angekommen zu sein.  Die jungen Talente waren gut umsorgt und konnten unter idealen Bedingungen ihre Auftritte absolvieren. Und sie kamen in Scharen, nahezu 100 an der Zahl, aus 24 Ländern und von 3 Kontinenten, im Alter zwischen 7 und 25 Jahren. Man lauschte und freute sich ob der glücklichen Umstände, so viel musikalische Begabung in sieben Tagen zu erleben. Gründliche, solide Aufbauarbeit oder gar fantastische Leistungen: Die Schüler mit ihren Lehrpersonen leisteten Grossartiges.

 

Organisatoren des Wettbewerbs waren die Béla Bartók Gesellschaft Österreich und das Konservatorium des Landes Steiermark.

Das Institut blickt auf eine lange Geschichte zurück: 1815 als Akademischer Musikverein von Grätz gegründet, ist es der zweitälteste noch bestehende Musikverein der Welt. In seinem Gründungsjahr war Beethoven 45 Jahre alt und der junge Schubert musste noch als Schulgehilfe seines Vaters zum Haushaltsgeld beitragen. Aber ihre Musik, zusammen mit den Werken von Haydn und Mozart beherrschte bald die ganze westliche Welt.

Ein namhafter Grazer Komponist, Pianist und Dirigent prägte besonders die ersten Jahrzehnten des Musikvereins, dem von Anfang an auch eine Vereinsmusikschule angegliedert war: Anselm Hüttenbrenner, den Schubert als «treuen Freund bis in den Tod» bezeichnete. Kein Wunder, dass in Graz eine weitere Hochburg der Wiener Klassik entstand!

Das Institut erweiterte sein Lehrfächerangebot ständig und dementsprechend wuchsen die Schülerzahlen. Erfreulicherweise steigerte sich auch das künstlerische Niveau: Ab 1920 konnte der Name «Konservatorium» eingeführt werden, es fanden also parallel Berufs- und Laienausbildung statt.

 

Das Steiermärkische Landeskonservatorium

Es erlebte nach dem 2. Weltkrieg eine Blütezeit und musste Zweigstellen eröffnen, um den Ansturm der Jugendlichen gerecht zu werden.

Der stolze Name des Instituts ab 1991:

«Johann-Josef-Fux-Konservatorium des Landes Steiermark in Graz»

Der steirische Namenspatron, ein Grossmeister des Barocks ist heute vielleicht weniger berühmt als seine Kontrapunktlehre: «Gradus ad Parnassum»

In Graz liegt also Klassik und Barock in der Luft, schon wegen der prächtigen Architektur.  Doch ist sie offen für Modernes!

Die Stadt gibt seit 1969 unter anderem dem «Steirischen Herbst» mit experimenteller Musik und dem „impuls“-Festival mit zahlreichen Uraufführungen ein Zuhause. Daneben klingt Béla Bartóks Musik nahezu archaisch – aber die neue Plattform für seine Werke in Graz hat eine besondere Bedeutung.

Béla Bartók – Ein Grosser der klassischen Moderne

Der ungarische Komponist gilt als radikaler Erneuerer – seine Modernität ist jedoch durchdrungen von Melodien aus Ungarn und seinen Nachbarländern. Wie es dazu kam?

In den Jugendjahren war er ein Suchender, der das bedrückende Erbe der genialen Vorgänger hinter sich lassen wollte. Er schrieb:

«Vielen begann die Masslosigkeit der Romantik unerträglich zu werden und es gab Komponisten, die das Gefühl hatten, unser Weg führe ins Uferlose …»

          Bartók sprach aus eigener Seele – aber nach dieser schöpferischen Krise fand er eine neue Inspirationsquelle in der Bauernmusik seiner Heimat. Damals, 1905, bezog sich Heimat nicht nur auf ungarische Gebiete, sondern auf die ganze Habsburgermonarchie. Er begann das riesige Land zu bereisen, nahm Entbehrungen auf sich, lebte in entlegenen Dörfern mit den Bauern und hörte unermüdlich zu. Notierte alles, was die Kinder und Erwachsene sangen oder auf ihren einfachen Instrumenten spielten. Er sammelte ca. 13.000 Melodien, unter anderem slowakische, ungarische, serbische, ruthenische und rumänische Motive und katalogisierte sie.  Seine Notiz über die Volksmusik wirkt wie ein Glaubensbekenntnis:

«Einfach, häufig auch rau, aber niemals dumm, bildet sie den idealen Ausgangspunkt für eine musikalische Wiedergeburt.»

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie fiel Bartók bei der Regierung in Ungnade. Er wurde von nationalistischen Kreisen sogar als Landesverräter beschimpft, weil ihm die Musik der «feindlichen Nachbarn» ebenso wichtig war, wie die ungarische.

Was er jedoch durch seine Werke weiterhin sagen wollte: Wir gehören zueinander, trotz Landesgrenzen. Jede Ethnie ist einmalig, jede Volksmusik eine reine Quelle!

Jetzt gehören wir wieder zueinander, wir alle sind Europa. Und in der Steiermark schlägt die Jugend eine Brücke zwischen der Hochkultur des Westens und der Volksmusik des Ostens. Ganz im Sinne des Komponisten.

1. Preise und Sonderpreise des Wettbewerbs 2019:

Altersgruppe I

Altersgruppe I (7-9 Jahre)

Znamirovský Adam, Tschechien                       1. Preis und Sonderpreis für die beste Bartók Interpretation

 

 

 

Altersgruppe II

Altersgruppe II (10-12 Jahre)

Weller Emil, Österreich                                    Bartók Sonderpreis

Huang Tzu-Ning, Taiwan                                   Beste Interpretation eines steirischen Komponisten

Csibi Orsolya Boglárka, Ungarn                        Bartók Sonderpreis

Kádár Viktória, Ungarn                                     Bartók Sonderpreis

 

Altersgruppe III

Altersgruppe III (13-15 Jahre)   

 Rozsonits Ildikó, Ungarn                                 1. Preis und Bartók Sonderpreis

 

 

 

Altersgruppe IV

Altersgruppe IV (16-18 Jahre)  

  Eydman Maria, Deutschland                          1. Preis und Bartók Sonderpreis

 

 

 

Altersgruppe V

Altersgruppe V (19-21 Jahre)   

Ratiu Emanuel Gabriel, Deutschland                Bartók Sonderpreis

 

 

 

 

Altersgruppe VI

Altersgruppe VI (22-25 Jahre)

Zając Tomasz, Polen                                      1. Preis

Szabó Eszter, Ungarn                                     Bartók Sonderpreis

 

Die Jurymitglieder des 6. Béla Bartók Internationalen Klavierwettbewerbs 2019:

Eva Ott Pianistin, Künstlerische Leiterin der Béla Bartók Gesellschaft Österreich und Initiatorin des Wettbewerbs

Eduard Lanner Pianist, Direktor des Johann-Joseph-Fux-Konservatoriums, Organisator des Wettbewerbs

Markus Schirmer, Konzertpianist, Professor der Kunstuniversität Graz

Elisabeth Väth-Schadler, Pianistin, Professorin der Gustav Mahler Privatuniversität Klagenfurt

István Székely, Konzertpianist und Kammermusiker, Professor am Konservatorium Madrid

Meisterkurs in Wien 2019

Die Béla Bartók Gesellschaft Österreich führte im Herbst mit den Jurymitgliedern des Wettbewerbs erneut einen Meisterkurs durch. Vorspielprogramm war die Wiener Klassik. Er wurde rege besucht, die Jugendlichen kamen vor allem aus der näheren Umgebung, Wien und Ungarn.

Eine wichtige Voraussetzung dafür ist das regelmässige Üben auf dem richtigen Instrument, nämlich auf einem akustischen Klavier».

Der nächste Meisterkurs findet im Oktober 2020 statt.

Änderungen   in der Austragung des Internationalen Béla Bartók Klavierwettbewerbs

Mag. Eduard Lanner, Direktor des Landeskonservatoriums hat, die Organisation betreffend, wichtige Änderungen bekannt gegeben:

  1. Der Termin des zweijährlich stattfindenden Wettbewerbs wird aus organisatorischen Gründen von November auf Februar des darauffolgenden Jahres verschoben; der nächste Wettbewerb findet also Ende Januar / Anfang Februar 2022 statt.
  2. Die ältesten Teilnehmer (Altersgruppen V und VI) werden ihr Vorspiel in zwei Runden absolvieren: Nach der Vorrunde wählt die Jury die besten für das Finale aus.
  3. Die Preisträger/innen dieser zwei Altersgruppen können sich in einem öffentlichen Konzert präsentieren.
  4. https://www.verwaltung.steiermark.at/cms/dokumente/12717102_74836685/f81030e8/Bartok-Wettbewerb-2019_DE_web.pdfText: www.annarybinski.ch
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