Besetzung und Programm: Luzerner Sinfonieorchester und junge Musikstudierende der Hochschule Luzern als Solisten
Luzerner Sinfonieorchester Mei-Ann Chen, Leitung Arthur Honegger (1892 – 1955) Konzert für Violoncello und Orchester Elodie Théry, Violoncello Klasse Christian Poltéra Ottorino Respighi (1879 – 1936) Adagio von variazioni für Violoncello und Orchester Jana Telgenbüscher, Violoncello Klasse Christian Poltéra Sergei Prokofiev (1891 – 1953) Klavierkonzert Nr. 1 op. 10 Des-Dur Marina Vasilyeva, Klavier Klasse Konstantin Lifschitz
Rezension:
1. Honegger, Konzert für Violoncello und Orchester, Elodie Théry, Violoncello
Wie unterhaltsam auch Musik des 20.Jahrhunderts sein kann, demonstriert das 1929 komponierte knappe Konzert von Arthur Honegger mit seinem anmutigen Andante, dem düster-rhapsodischen Lento und dem energischen Schluss-Allegro. Solistische Bläser treten dialogisierend dem Cello gegenüber wie die verschiedenen Personen einer Handlung, von der Honeggers Musik in bildhafter Weise erzählt die junge Französin weiter in tänzelnden Dialogen mit den Klarinetten und Bässen die schlussendlich in den poetischen Abschluss führen, belohnt mit einem langanhaltenden Applaus
2. O. Respighi,Adagio von variazioni für Violoncello und Orchester, Jana Telgenbüscher, Violoncello
Jana Telgenbüscher, Violoncello
Ein besonderer Genuss war Ottorino Respighis eher selten zu hörende Komposition. Das Werk entpuppt sich als lyrisch angelegtes Adagio mit expressivem Thema und einem bewegteren Mittelteil mit Variationen. Die Solistin verstand es ausgezeichnet die Partitur in Gefühle umzuwandeln und intonierte das Werk sehr gefühlvoll bewegend. Telgenbüscher trifft den schwärmerischen Ausdruck ebenso die auch mal klagende Struktur der Komposition. Besonders das liebevolle Zusammenspiel mit der schwelgerischen Oboe bringt die volle Italianita des Bel Paese perfekt rüber
3.ProkofievKlavierkonzert Nr. 1 op. 10 Des-Dur, Marina Vasilyeva, Klavier
Marina Vasilyeva, Klavier
Als Abschluss des Konzertes gab’s dann doch noch ein typisches Referenzstück. Prokofiev wird gerne gespielt, um seine technischen Fähigkeiten zu demonstrieren, was die Russin denn manchmal übertrieb und dem Werk etwas zu wenig Seele einhauchte. Atemlos durch die Partitur sozusagen. Natürlich technisch perfekt , mal zu knallig mit unnötiger Effekthascherei, aber immer quirlig sprudeln und in guter Korrespondenz mit dem ausgezeichneten Orchester, einem Orchester, das sämtliche Solistinnen kongenial supportierte, sich selbst aber nie in den Vordergrund stellte, ausser, wie schon bemerkt, wenn es von der Dirigentin zu noch mehr Lautstärke aufgefordert wurde.
Dirigentin Mei-Ann Chen Foto Kristin Hoeberman
Der verdiente Schlussapplaus war kräftig, langanhaltend und galt natürlich auch den andern Solistinnen, die sich nun wieder auf die Bühne gesellten und reichlich Blumensträusse in Empfang nehmen durften.
Link auf Hochschule Luzern Solistenkonzert Klassik, 1. Teil, KKL Luzern
Luzerner Sinfonieorchester aktuelles Portraitfoto, Foto Vera Hartmann
Besetzung und Programm: Luzerner Sinfonieorchester und junge Musikstudierende der Hochschule Luzern als Solisten Luzerner Sinfonieorchester Mei-Ann Chen, Leitung Alexander Glazunov (1865 – 1936) Violinkonzert a-Moll op 82 Lucie Koci, Violine Klasse Igor Karsko Ernest Chausson (1855 – 1899) Poème op. 25 für Violine und Orchester Meghan Nenniger, Violine Klasse Sebastian Hamann Bohuslav Martinů (1890 – 1959) Oboenkonzert H 353 Aliya Battalova, Oboe Klasse Ivan Podyomov
Rezension:
Dirigentin Mei-Ann Chen Foto Crosalie OConnor
Eine der Besonderheiten des alljährlichen Solistenkonzertes ist u.a., dass immer eine Gastdirigent/in die Leitung hat, diesmal Mei – Ann Chen, anstelle von Chefdirigent James Gaffigan. Beschrieben als: Innovativ, leidenschaftlich, und kraftvoll: So präsentiert sich die in Taiwan gebürtige amerikanische Dirigentin Mei-Ann Chen. Seit 2011 ist sie Musikdirektorin der mit dem Mac Arthur-Preis ausgezeichneten Chicago Sinfonietta, seit 2016 zudem Künstlerische Leiterin und Chefdirigentin des National Taiwan Symphony Orchestra Summer Festival. Sie begeistert ihr Publikum durch ihre energiegeladene und mitreißende Orchesterführung auf höchstem Niveau. Ihr Renommee als überzeugende Gastdirigentin beschert ihr sowohl national wie international gesteigerte Aufmerksamkeit
Vorab: für mein Gusto animierte sie ab und zu das Orchester zu übertriebener Lautstärke, sodass einige Solistinnen fast erdrückt, überspielt wurden, schade.
1. Glazunov Violinkonzert a-Moll op 82, Lucie Koci, Violine
Lucie Kočí, Violine
Das Konzert ist, obwohl es unterteilt werden könnte, ein ungebrochenes Ganzes. Die Form ist ungewöhnlich und erweckt den Anschein, als ob der langsame Satz (Andante sostenuto) in der Mitte des ersten Satzes eingebaut ist. Das Moderato beginnt mit dem wunderbaren Dolce-espressivo-Thema in der Solovioline, das nach einer kurzen Vorbereitung in den Klarinetten und Fagotten erklingt. Es ist ein typischer spätromantischer Satz, der durch endlose Phrasen und einen reichen Orchesterklang geprägt ist. Schon zu Beginn scheint jene punktierte Figur auf, die im gesamten Werk immer wieder verwendet wird. Das erste, „russische“ Thema und das lyrische zweite Tranquillo-Thema kontrastieren zueinander. Das Thema des Andante sostenuto beginnt mit jener punktierten Figur in der Solovioline, die das erste Mal bereits am Anfang des Konzerts erscheint. Dieser Satz ist ab dem ersten Ton sehr expressiv, hier kann der Solist all seine Leidenschaften ausdrücken. Das Thema wird zuerst auf der G-Saite gespielt, um eine dunklere Klangfarbe zu erhalten. Das Andante sostenuto endet mit zwei Pizzicato-Akkorden in der Solovioline. Die Reprise des Moderato ist mit virtuosen Passagen in der Solovioline angereichert, zu finden sind auch Doppelgriffe (Sexten und Oktaven) und Dreiklänge. Vor dem Ende des Satzes kommt die Reprise des zweiten Themas; dieses Mal im tiefen Register, nämlich auf der G-Saite. Mit einer Passage leitet die Solovioline die Kadenz ein. Die Kadenz ist ziemlich lang, wenn man sich die Länge des gesamten Werkes vor Augen hält. In der Kadenz finden sich viele Doppelgriffe und sie ist sehr anspruchsvoll zu spielen. Jedoch ist sie nicht virtuos, denn es scheinen keine schnellen Läufe auf – ausgenommen das Animato vor dem Ende, das direkt zum Finale führt. Sie ist sehr expressiv und ausdrucksvoll, für mich der schönste Teil des Werks. In der Kadenz wird zunächst das Tranquillo-Thema des ersten Satzes aufgegriffen. Dessen Melodie erscheint sogleich in variierter Weise, sie ist mit Vorschlägen und gebrochenen Akkorden angereichert. Am Ende jeder Phrase ist ein kurzer Lauf hinzugefügt, durch seine kurzen Sechzehntelnoten einen Kontrast zum Thema darstellt. Gleich nach dem zweiten Lauf folgt – auch variiert – das Thema des Satzanfangs und wird mit Pizzicato-Akkorden abgeschlossen. Nach dem Pizzicato folgt das in seiner Melodik und Rhythmik unveränderte Thema, allerdings in einer anderen Tonart. Danach wird es zweistimmig variiert. Nahezu die ganze Kadenz ist im polyphonen Prinzip gestaltet. Die Notenwerte der unteren Stimme werden immer kürzer, je weiter die Kadenz voranschreitet. Der Übergang (das Animato) zum letzten Satz klingt schließlich so, als ob der Solist Triller spielen würde, obwohl alle Noten genau notiert sind. Mit dem letzten, wilden Lauf leitet die Solovioline direkt ins Finale über. Lucie Koci lotete das Werk sehr emotional aus, unterstützt vom kongenialen Orchester angetrieben von der sehr animiert leitenden chinesischen Dirigentin. Entsprechend durften die Musiker, insbesonders die Solistin, einen langen, stürmischen Applaus geniessen.
2. Chausson Poème op. 25 für Violine und Orchester Meghan Nenniger, Violine
Meghan Nenniger, Violine
Etwas Pech mit der Werkauswahl hatte nie nun folgende junge Kanadierin. Obwohl technisch mindestens so fordernd wie die vorherige Komposition, ist sie im Aufbau halt nicht so spektakulär, was nach der fulminanten Demonstration von Lucie Koci zwangsläufig etwas bieder wirken musste. Dem Kenner des nicht so bekannten Werkes aber erschloss sich schon, welch grossartige Interpretation. Man hörte auch, dass an den HSLU Solisten Meisterklassen Klanggefühl und Strukturbewusstsein genauso an der zeitgenössischen Musik geschult werden wie am kanonischen Repertoire. Das Ganze klang erdiger, vibrierender und zugleich dunkler und fahler, aber nicht weniger voluminös im Klang, als bei der vorherigen Solistin. Der Applaus kam mit etwas Verspätung, da die wenigsten das Stück kannten, also nicht merkten, dass es fertig gespielt und zudem das Finale eher unspektakulär gestaltet ist. Die eher introvertierte Künstlerin bewegte sich auch zurückhaltender, im Gegensatz zu der extrovertierten jungen Tschechin, die vor ihr aufgetreten war.
3. B. Martinů, Oboen Konzert H 353, Aliya Battalova, Oboe
Aliya Battalova Oboe
Die Oboe, nicht grad mein bevorzugtes Soloinstrument, ausser in der Barock Musik insbesonders bei Vivaldi, war nun an der Reihe. Mit ihren charakteristischen harmonischen Verläufen und synkopierten Rhythmen präsentieren die drei Sätze stark kontrastierende Materialien. Ein heller und fröhlicher Eröffnungssatz sorgt schließlich für eine Stimmung expressiver Lyrik, die auch den langsamen Satz mitbestimmt. Das Klavier, das in vielen Orchesterwerken von Martinů eine wichtige Rolle spielt, leitet den Schlusssatz ein. Die Lyrik wechselt sich mit lustigeren Episoden ab und führt das Werk zu einem fröhlichen und virtuosen Abschluss. Die Kasachische Solistin brillierte mit ihrer Fingerfertigkeit, setzte ihre Läufe todsicher, trotzdem variantenreich im Ausdruck, immer der Intuition des Komponisten treu. Das auch hier manchmal wieder zu laute Orchester, war für die Oboe ein kleineres Problem als für die Violinen zuvor, ist das Instrument doch per se lauter und aggressiver im Ton. So vollbrachte die Solistin ihr Debut mit Bravour, wofür sie den verdienten grossen Applaus erhielt, der natürlich auch ihre Mitmusiker einschloss.
Cameron Carpenter’s International Touring Organ Foto Ruedy Hollenwäger
Besetzung und Programm: Zürcher Kammerorchester Cameron Carpenter (International Touring Organ) Willi Zimmermann (Konzertmeister)
Cameron Carpenter Improvisationen Johann Sebastian Bach Klavierkonzert Nr. 4 A-Dur BWV 1055 Francis Poulenc Konzert g-Moll für Orgel, Streicher und Pauke George Gershwin Gershwiniana
Rezension:
Cameron Carpenter in Gedanken versunken vor seiner Orgel
Um einiges braver sah er schon aus, der exzentrische Punk, glattrasiert, statt mit seinem Markenzeichen, dem auffälligen schwarzen Punk Irokesenhaarkranz. Selbstbewusst trat er auf die Bühne der sehr gut besetzten Tonhalle Maag. Inmitten den Türmen, Verstärkern usw. seiner, für seine speziellen Bedürfnisse, selbstentworfenen und nach seinen Wünschen und Ideen gebauten „International Touring Organ“. Das digitale Instrument ist das erste seiner Art – und es polarisiert die Musikwelt. Auch mit seiner Frisur fällt der 38-Jährige in der Klassikwelt noch immer auf wie Nigel Kennedy in den Achtzigern. Seit fünf Jahren tourt er mit seiner High-Tech-Orgel durch die Welt. Eine bemerkenswerte Karriere, die in einem Knabenchor in New Jersey begann. Heute lebt Carpenter in Berlin. Das altersmässig gut durchmischte Publikum gibt schon mal zünftig Vorschussapplaus, bevor sich der Künstler an sein Riesending setzt und unverzüglich anfängt zu improvisieren. Dies tut er mit allen zehn Fingern, den beiden Füssen, auch mal mit dem Ellbogen, wenn’s denn sein muss.
Zu seinem Instrument
Cameron Carpenter's International Touring Organ Foto Ruedy Hollenwäger
Jahrelang hat Carpenter mit den amerikanischen Pionieren von Marshall & Ogletree das Hightech Instrument konzipiert, das nur ein Ziel hat – seinen Spieler frei zu machen von allem, was für Organisten seit Jahrhunderten zu ihrem nicht immer leichten Leben gehörte: die Tücken der Mechanik, Verstimmungen, Verzögerungen, Verklemmungen. Für Carpenter sind klassische Pfeifenorgeln mit ihren individuellen Macken oft nichts weiter als „waste of life“. Heute ist dieses, ich nenn es mal Ungetüm in der Lage, bis zu 14000 Watt über 58 verschiedene Kanäle zu „liefern“, also das ideale Spielzeug für diesen ausgeflippten, aber auch hochprofessionellen und technisch äusserst versierten Tastenakrobaten, der es daneben auch sehr effektvoll versteht, die technischen Möglichkeiten, Klangeffekte usw. dieses Monsters auszureizen
Wenn Cameron Carpenter die Geschichte seines Lebens erzählt. hört sich das ein bisschen an wie der Comic eines Superhelden. Auf YouTube zeigt der Organist gern seinen von Liegestützen, Pilates und Yoga gestählten Oberkörper und erzählt die «Geschichte vom Kind als Genie: Sohn eines Ofenmachers aus dem 13000-Einwohner-Kaff Meadvilh in Pennsylvania, wo auch Sharon Stone herkommt Schulbesuch“ Fehlanzeige‘
Tonhalle Maag Zürich Impressionen vor dem Konzert
Der Fast Autodidakt, der als Kind in der Schmiede seines Vaters auf einer Hammondorgel aus den 1930er Jahren gegen den relativ lauten Schallpegel dieses Ortes anspielte. Carpenter über seine Jugend in der Ofenbauerwerkstatt seines Vaters die in seinen Erzählungen einem mythologischen Schauplatz nahekommt: «Um mich herum schlugen die Männer das Eisen››. erzählt er. «und ich wollt« sie unterhalten – laut. lauter. am lautesten. Jahre später studierte er an der Juilliard School in New York (master degree) bei Gerre Hancock, John Weaver und Paul Jacobs. Er wirkte kurzzeitig als Artist-in-residence an der Middle Collegiate Church in New York und konzertiert regelmäßig in den großen amerikanischen und europäischen Musikzentren. Sein Album „Revolutionary“ wurde für den Grammy 2009 nominiert.
Tonhalle Maag Zürich Impressionen vor dem Konzert
Interview Zitat Carpenters auf die Frage, ob er mit seiner Art nicht Tabus der Klassik breche: Nein, weil ich keine Tabus in der Musik wahrnehme. Das ist eine Konstruktion von zunehmend verzweifelten Marketingabteilungen. Ich bin es leid, der Bad Boy der Orgelwelt zu sein. Zudem bin ich mit 38 Jahren alt wohl kaum mehr ein Jugendlicher, also der Begriff des „enfant terrible“ ist für einen Mann in diesem Alter definitiv auch fehl am Platz
Auszug aus dem Programmheft: Sie haben Bach immer wieder gehörig gegen den Strich gebürstet
Cameron Carpenter mit seiner International Touring Orgel
Das hört sich immer so gut an, aber um ehrlich zu sein, glaube ich nicht an diese Effekte der Musik. Die Welt ist heute viel komplizierter, es leben viel mehr Menschen auf der Erde – nein: Bach hilft uns kaum, unser eigenes Chaos zu ordnen. Es ist als Künstler heute schwer, keine Botschaft zu haben, keine aktuelle Bedeutung, sondern nur die geniale Musik, die einem gefällt. Es braucht Mut zu sagen: «Ich spiele ein Stück einfach nur, weil ich es grossartig finde.›› Genauso ist es aber bei mir und Bach. so sehen das einige. Ich sehe das anders. Ich habe mich mit Bach beschäftigt. Als Mensch sagt er mir gar nichts: zu religiös, zu fanatisch. Gäbe er die in seinen Briefen enthaltenen Aussagen heute öffentlich von sich, würde sich in der Strassenbahn wahrscheinlich niemand neben ihn setzen. Aber als Musiker war er ein Genie! Er hat die Wissenschaft in die Musik geholt, eine Idee, die erst viel später bei anderen Komponisten populär wurde. Er ist so etwas wie der erste Architekt der Musik, an dem sich eigentlich alles Nachfolgende orientiert. Das ist, was mich fasziniert – nicht der Mensch, nicht seine religiöse Botschaft, sondern seine Musik als Selbstzweck
Bach mit dem Zürcher Kammerorchester
Cameron Carpenter To Launch Worldwide Touring Organ
Cameron verlässt kurz die Bühne worauf diese von den Streichern des Zürcher Kammerorchesters unter Führung von Konzertmeister Willy Zimmermann geentert wird. Deren Stühle stehen halt grad da, wo sie neben der Riesenorgel noch Platz haben, also im Halbrund um das fünfmanualige Herzstück mit durchgehendem Fuss Bass. Nach dem kurzen Stimmen der Instrumente kam Carpenter dazu, setzte sich an die Orgel und weiter gings mit Bach. Carpenter lotete sein Instrument in allen Dimensionen aus, trotzdem blieb Bach unangetastet Bach. Cameron improvisiert nicht wie etwa Jacques Loussier, sondern bleibt Werk treu, wenn auch auf seine ganz spezielle Art. Den Zuhörern gefiels und auch den Musikerinnen des ZKO machte es sichtlich Spass.
Umgänglicher, nahbarer Star in der Pause
Cameron Carpenter erfüllte in der Pause fleissig und geduldig Autogrammwünsche
Einen freundlichen, umgänglichen, gar etwas scheuen jungen Mann erlebte man in der Pause. Geduldig lächelnd liess er sich dutzendweise zu Selfies ablichten. Diskutierte mit manch Hobbyheimorganisten, erfüllte freundlich und geduldig die Autogrammwünsche der erstaunlich vielen Kinder. Da wird mancherder dabei anwesenden Mütter und Väter an Weihnachten Mühe haben, ihrem Sprössling zu erklären, dass soo eine Orgel halt nicht ins Kinderzimmer passen würde und er/sie sich doch bitte etwas anderes wünschen solle.
Auch Francis Poulenc dürfte Ihnen dann als Mensch nicht gefallen haben –er war ebenso gläubig wie Bach.
Cameron Carpenter erfüllte in der Pause fleissig und geduldigAutogrammwünsche
Aber Poulenc war auch ein Pariser Strassenjunge. Die Gläubigkeit interessiert mich nicht, wenn sie nicht den Kern der Musik betrifft. Es ist klar, dassdamals fast jeder irgendwie Christ oder Jude war. Bei Poulenc interessiert mich etwas anderes: Alle schwärmen von der Bearbeitung Maurice Duruflés, aber ich mochte sie nie – auch deshalb, weil mir Duruflés nationalistische Einstellung suspekt ist. Mir ging es darum, seinen Einfluss auf die wunderbare Musik Poulencs vergessen zu machen. Ich habe die Register, wie Duruflé sie vorschlägt, einfach gestrichen.
Wie passt denn Gershwin in die Konzertkonstellation?
Cameron Carpenter Foto Thomas Grube
Bei Bach funktioniert ein Quartett auch für die Orgel, ein Flötenkonzert auch für die Geige. Genauso ist es bei Gershwin: Er hat universelle Musik komponiert, die auf jedem Instrument gespielt werden kann, etwa die «Rhapsodie in Blue››. Das Intro der Streicher deutete zuerst die Rhapsodie in Blue kurz an, nahm dann das „Summertime“ Thema aus Porgy und Bess auf, worauf der Organist sich ins Geschehen einfügte, zuerst variierte er Sequenzen der „Cuban Ouverture“ um unvermittelt in die unbekannteren Passagen der Rhapsodie einzutauchen, immer supportiert vom souveränen Orchester, das von Willy Zimmermann mittels kurzen Gesten und Mimik geführt wurde.
Nachtrag
Das Autodidaktische ist für ihn wichtiger, weil für ihn der Soundtrack zu «Die Schöne und das Biest» ebenso zur Klassik gehört wie die Miniaturen Anton Weberns. Weil Popkultur und das Klassikerbe für ihn in der gleichen Liga spielen. «Mir gefällt es, wenn es unter der Oberfläche Substanz gibt››, sagt er, «doch auch das Aussehen ist längst Teil der Kultur.›› Carpenter ist ein Pop-Intellektueller, für den die Erfindung gleichberechtigt neben der Wirklichkeit steht und die Bearbeitung des Vorhandenen zur neuen Kunst wird. Carpenter hat mal gesagt. Ich habe keine Botschaft. Die hat er aber an diesem Abend ausgezeichnet rübergebracht und damit das Auditorium vollauf begeistert und es zu einer „Standing Ovation“ animiert. Ich empfehle dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron und Michel Aupetit dem Bischof von Paris: Wenn die „Notre Dame de Paris“ denn restauriert ist, lasst doch diesen motivierten Amerikaner zur Wiedereröffnung der Kathedrale auf der „Aristide Cavaillé-Coll Orgel“ aus dem Jahre 1868 mit seinem explosiven Spiel die alten Geister verscheuchen und eine strahlende Zukunft einorgeln.
Luzerner Sinfonieorchester aktuelles Portraitfoto von Vera Hartmann
Besetzung und Programm: Luzerner Sinfonieorchester Christian Tetzlaff, Leitung und Violine Steven Isserlis, Leitung und Violoncello Radu Lupu, Klavier
Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) Brandenburgisches Konzert Nr.3 G-Dur BWV 1048 – Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 D-Dur KV 211 – Robert Schumann (1810 – 1856) Drei Romanzen op. 94 für Violoncello und Klavier – Wolfgang Amadeus Mozart Konzert für Klavier und Orchester Nr. 23 A-Dur KV 488
Rezension:
Christian Tetzlaff, Violine, Steven Isserlis, Violoncello und dazu noch Radu Lupu am Klavier im gleichen Konzert, ergänzend unterstützt von einem absoluten Spitzenorchester wie dem Residenzorchester des KKL Luzern ( ehemals Luzerner Sinfonieorchester), diese Affiche lässt träumen. Wenn sich dann noch Tetzlaff und Isserlis in der Leitung abwechseln, verspricht das einen aussergewöhnlichen Konzertabend. Diese Konstellation gabs aber in Realität an diesem schwülen Frühsommerabend im Konzertsaal des KKL in Luzern. Jeder einzelne dieser Solisten hätte schon ein volles Haus garantiert, nicht erstaunlich also, dass vor vollen Rängen Musik zelebriert wurde.
Brandenburgisches Konzert Nr.3 G-Dur BWV 1048, J S. Bach
Eine, zu Bachs Zeiten, für diese Konzertart übliche Kleinformation stellte sich zuerst auf der Bühne auf. Das Cembalo in der Mitte, darum im Halbkreis aufgestellt, drei Violinen, drei Bratschen, drei Celli und ein Basso continuo. Beim ersten der insgesamt sechs kleinen Stücken bleibt das Cembalo äusserst diskret, fungiert nur als reines Begleitinstrument, umso mehr können sich die Streicher, in wechselnder Abfolge, als gute Improvisatorinnen profilieren, wofür die Werke auch konzipiert sind.
Beim zweiten „Pièce“ überlässt der Komponist, damals am Hof des Fürsten Leopold von Anhalt – Köthen als glücklicher Hofkapellmeister tätig, das Feld dem Cembalo. Für die restlichen vier lässt er die Streicher wieder rotieren und das kann man durchaus wörtlich nehmen, sind sie doch alle Rondo mässig gefasst und gehen durch den Raum, so ein englischer Musikwissenschaftler, wie „the mexican wave“, bei uns bekannter als die „La Ola Welle“ in Sportstadien.
Dem Publikum gefiel das intime, barocke Kleinkunstwerk und so belohnte es die Musikerinnen mit langanhaltendem, respektvollem Applaus.
Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 D-Dur KV 211, W. A. Mozart
Christian Tetzlaff, Violine, Foto Giorgia Bertazzi
Darauf war ich ganz besonders gespannt, hatte ich das Werk doch vor knapp fünf Wochen, auch im KKL, von Anne Sophie Mutter mit dem Kammerorchester Wien – Berlin geniessen dürfen Und nun in gleicher Rolle, an gleicher Stätte, dieser polarisierende, Christian Tetzlaff, der auch schon «Artist in Residence» bei den Berliner Philharmonikern war, der den Notentext wörtlich nimmt, die Musik als Sprache versteht und die grossen Werke als Erzählungen liest, die existenzielle Einsichten spiegeln. Er hat also eine völlig andere Herangehensweise als die knapp drei Jahre ältere Renommiergeigerin, die vom musikalischen Ansatz heraus agiert, sich in den Komponistin hineinfühlen will, somit teilweise etwas gar brav und bieder wirkte.
Wenn der Interpret den Komponisten prägt
Mein Fazit vorab, die Interpretation von Tetzlaff passt mir besser, was aber nichts mit technischem Können oder so zu tun hat, mir liegt seine Bühnenpräsenz ganz einfach mehr, frecher und frischer als manch anderer, näher an der Linie des jungen, etwas aufmüpfigen Mozart, der an der Sache sicher seinen Spass gehabt hätte. Tetzlaff prägt Mozart mehr, als Mozart ihn prägt, was durchaus als Kompliment gemeint ist. Das Auditorium schien meine Ansicht zu teilen, liess es doch in seinem Schlussapplaus nicht locker, bis uns noch eine kurze Zugabe gewährt wurde. Nicht zu vergessen selbstverständlich das bestens aufgelegte Orchester, das dem Solisten den nötigen Notenteppich ausbreitete.
Drei Romanzen op. 94 für Violoncello und Klavier von Robert Schumann
Solist am Violoncello Steven Isserlis
Nun installierten sich Radu Lupu am Konzertflügel und Steven Isserlis am Cello auf der Bühne. Isserlich, der sich vorher bei den Cellisten des Orchesters als „normaler“ Musiker eingereiht hatte, zeigte sein brillantes solistisches Können in diesem musikalischen Kamingespräch mit dem rumänischen Pianisten, der ihm dabei den nötigen Support gab, indem er locker sanft feine Harmonien auf die Tasten setzte, aber sich nie in den Vordergrund spielte, sondern dem britischen Virtuosen mit der barocken Haarpracht von fast „Bachschem Ausmass“ gentlemanlike die Hauptrolle überliess. Lupu verstand es aber durchaus, mit filigran gesponnenen Zwischenläufen nicht in Vergessenheit zu geraten. Dieses kammerspielartige Zwiegespräch mit Noten wusste auch das Publikum zu überzeugen, ausgedrückt mit langem, starkem Applaus. Ein sehr dankbares Auditorium übrigens, das sich auch nicht zu schade war, den Helferinnen auf der Bühne, die zwischen den einzelnen Konzertteilen den Flügel hin – und herschieben, die Notenständer umplatzieren und die Noten ordnen mussten, mittels einen Applauses für ihren Anteil an einem gelungenen Konzert zu danken.
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 23 A-Dur KV 488, W. A. Mozart
Solist am Piano Radu Lupu
Über zwei Minuten baut Mozart hier die Spannung auf, lässt das Orchester Fahrt aufnehmen, das Thema darlegen, entwirren wieder zusammenfügen, mal die Querflöte über die Streicher fliegen, mal sich die Oboe in den Vordergrund spielen, dann, erst dann, lässt er dem Solisten am Klavier Gelegenheit, sich ins Geschehen einzuspielen. Und dies nicht etwa mit einem Knalleffekt in Form eines brachial auf die Tasten gehämmerten Akkordes oder Akkordkadenzen, sondern fast flüsternd mit filigranen kurzen Läufen. Radu Lupu tut dies mit der gelassenen Abgeklärtheit des gesetzteren Virtuosen. So ganz nebenbei übernimmt er auch den Lead, dazu reichen ihm ein paar kleine Gesten, mal ein kurzes Kopfnicken, aber meistens kommuniziert er mit seinen Mitmusikern bloss per Augenkontakt. Ungewöhnlicherweise schrieb Mozart in diesem Konzert die Solokadenz aus, dem Solisten bleibt also kein Raum für individuelle Improvisation. Ebendiese exakt wiedergegebene Werktreue ist, nebst anderem, eine der grossen Stärken des 74jährigen Pianisten.
2.Satz: Mozart bricht die eigene Order
Pianist Radu Lupu Foto Matthias Creutziger
Im zweiten Satz, einem Adagio im Siciliana Takt, verstösst Mozart gegen seine eigene Order (in Concerten sollen lauter Andante und keine Adagio sein), wird die Melodie vom Soloklavier vorgestellt. Die bei Mozart seltene Tonart fis-Moll verleiht dem Satz einen besonderen Klang. Das Orchester stimmt in das Thema ein, anschließend intonieren Orchester und Soloklavier in gemeinsamer Klage das Hauptthema. Ein lichterer, zweiter Gedanke in A-Dur wird anschließend von einem Trio aus Flöte und zwei Klarinetten angestimmt und bei seiner Beantwortung vom Soloklavier doubliert. Dieser Umschwung währt jedoch nur kurz, da die Wiederholung des ersten Teils folgt. Das Thema erscheint hier in variierter und erweiterter Form. Bevor die Coda ertönt, wird der letzte Teil des Hauptthemas noch einmal von Klavier und Orchester variiert. Es handelt sich also um eine freie Anwendung der dreiteiligen Liedform. Der Satz verklingt mit einigen Piano Akkorden. Das sprunghaft einsetzende, optimistische Hauptthema in den Rondeau Schlusssatz steht in grossem Gegensatz zum vorherigen Adagio, ein Refrain mit zwei aufeinanderfolgenden, verschiedenen Themen, dessen erstes Couplet schnell von E moll zu E Dur moduliert wird. Radu Lupu wirkt nie auch nur aufs geringste angespannt, schüttelt seinen Part fast etwas emotionslos locker aus dem Ärmel, was seine Mimik aber negiert. Radu Lupu drückt seine Emotionen über seine Finger fast unmerklich aus, von der kleinsten Finesse bei der Lautstärke, beim Modulieren der Achtelnoten streichelt er förmlich das Elfenbein unter seinen Fingern und harmoniert grossartig mit dem souveränen Orchester, das ebenso viel Anteil hat an der grandiosen Umsetzung des Mozart Werkes.
Alles vom Feinsten, von A wie Bach bis Z wie Mozart
An diesem Konzert stimmte einfach alles. Die Werkauswahl, die Solisten und, vor allem auch, die Reihenfolge der dargereichten Preziositäten. Das begeisterte Publikum sah das auch so und spendete den Protagonisten einen stürmischen, langanhaltenden Applausorkan, der sich, nachdem alle Solisten wieder auf der Bühne waren, zu einer stehenden Ovation steigerte, die noch mit einer kleinen Zugabe belohnt wurde.