Was hörte Bartók auf seinen Sammelreisen vor 100 Jahren? Welche Instrumente, Tänze und Lieder hatten bei ihm einen derartigen starken Eindruck gemacht, dass sie später in seinen eigenen Kompositionen zurückkehrten?
Balázs Fülei Foto Csaba Tiba
Es gibt eine Volksmusikgruppe, die seine Fonograf-Aufnahmen, Notierungen und verschiedene Archive minuziös durchforscht hat, um die originalen Melodien auf originalen Volksinstrumenten spielen zu können: die Muzsikás. Es wurde ihre Lebensaufgabe, die Wurzeln von Bartóks Musik aufzuzeigen und die unglaubliche Vielfalt der osteuropäischen Folklore unter die Leute zu bringen.
Muzsikás Ensemble FotoTamás Opitz
Bartók liebte und sammelte Volksmusik aller Art – von Rumänien bis Anatolien. Sehr oft lebte er in einfachsten Verhältnissen unter den Bauern, die anfänglich zum Professor aus der Stadt kein Vertrauen fassten und die sonderbare Fonograf-Maschine fürchteten. Sein Freund und Komponistenkollege Zoltán Kodály teilte seine Leidenschaft, sie hatten zusammen manche wunderbare Streifzüge in entlegenen Gebieten unternommen.
Balázs Fülei Foto Csaba Tiba
Das Muzsikás Ensemble hat die Volksmusik der Balkan- und Karpathenregion in ihrer ursprünglichen Form bekannt und berühmt gemacht. Auch die Roma-Musik und die traditionelle jüdische Musik aus Transsylvanien bereichern das Repertoire der vier Musikanten. Sie sind weltweit (unter anderen in der Royal Festival Hall und der Carnegie Hall) mit grossem Erfolg aufgetreten und haben für ihre Art, Volksmusik zu vermitteln viele Preise erhalten.
Die Mitglieder der Gruppe sind:
Mihály Sipos (Geige, Zither)
László Porteleki (Geige, Koboz, Gesang)
Péter Éri (Kontrageige, Bratsche, Mandoline, Flöte, Langflöte)
Dániel Hamar (Kontrabass, Gardon, Trommel, Zymbal)
Balázs Fülei, prominenter Vertreter der ungarischen Klassik-Kultur
Bartók 1927 Foto Kertész
Ihnen zur Seite steht in Luzern ein hervorragender Konzertpianist der jungen Generation: Balázs Fülei, der für seine Bartók-Interpretation viel Lob und Anerkennung erntet. Als Preisträger internationaler Wettbewerbe trat er in vielen europäischen Ländern auf und gab Konzerte in Australien und China. Sein Debüt in der Carnegie Hall New York fand 2008 statt.
Bartók auf Sammelreise Foto MTA Archivum
Er spielt in unserem Konzert Bartóks berühmte Klavierwerke vor, die aus Volksmusik-Motiven entstanden sind. Es wird ein reizendes Wechselspiel zwischen dem Ensemble und dem Pianisten geben: So werden wir erst die „rohe Fassung“ der Melodien hören, anschliessend die entstandenen Kunstwerke.
Bartók auf Sammelreise in Ungarn Bartok Archivum
Ein einmaliges Werkstattkonzert – und eine einmalige Gelegenheit, diese originellen Musiker jetzt in Luzern zu erleben!
Festival Strings Lucerne im KKL Luzern Foto Fabrice Umiglia
Besetzung und Programm:
Festival Strings Lucerne Tobias Lea Viola Matthias Schorn Klarinette Sophie Dervaux Fagott Daniel Dodds Violine & Leitung
Richard Strauss: Streichsextett aus der Oper Capriccio op. 85
Wolfgang Amadé Mozart: Sinfonia Concertante für Violine, Viola und Orchester Es-Dur KV 364
Richard Strauss: Duett-Concertino für Klarinette, Fagott und Kammerorchester F-Dur TrV 293
Wolfgang Amadé Mozart: Sinfonie Nr. 29 A-Dur KV 201
Rezension:
Stradivari-Violine Sellière (vor 1680)
Eine Stradivari, genauer, die Stradivari-Violine «Sellière» (vor 1680), deren Marktwert schätzungsweise bei über einer Million Franken liegt, wird Dir nicht grad jeden Tag zur Verfügung gestellt. Umso grösser ist die Freude der Musiker der Festival Strings Lucerne, dass ihr Chef, Daniel Dodds, ab sofort auf einer weiteren solchen seine Kunst ausüben kann, spielt er doch sonst die Stradivarius „Ex Hämmerle ex Baumgartner“ von 1717, die ihm von der Stiftung Festival Strings Lucerne zur Verfügung gestellt wird. Nachdem die «Sellière» die letzten 40 Jahre im Banktresor auf ein Comeback gewartet hatte, fand diese Wiederauferstehung vor vollen Rängen statt, sogar der dritte Balkon im Konzertsaal des KKL in Luzern wurde geöffnet.
Richard Strauss: Streichsextett aus der Oper Capriccio op. 85
Daniel Dodds hat sichtlich Freude an der neuen Stradivari Sellière
Quasi zum Einspielen, obwohl als Schweizer Erstaufführung in der Streichorchesterfassung, diente diese, am 28. Oktober 1942 im Nationaltheater München uraufgeführte, Strauss Komposition. Bereits hier festigten die „Strings“ einmal mehr ihren Ruf eines Kammerorchesters von Weltruf zu sein und demonstrierten auch an diesem besonderen Konzertabend ihr Wiener Flair. Zitat Homepage der Strings: Als künstlerischer Leiter der Festival Strings kombiniert Daniel Dodds den warmen expressiven Klang der Festival Strings – das Kennzeichen der Wiener Klangtradition derer Gründer Rudolf Baumgartner und Wolfgang Schneiderhan – zusammen mit einem nuancierten feingeschliffenen Sinn für Stil und musikalisches Timing, um Musik hervorzubringen, welche mit ihrer Fülle an Farbe und Drama fesselt. Bereits hatte das Luzerner Renommier – Kammerorchester das Publikum im Sack und durfte den dementsprechenden Beifall ernten.
Wolfgang Amadé Mozart: Sinfonia Concertante für Violine, Viola und Orchester Es-Dur KV 364
Daniel Dodds mit der Stradivari, vorne und Tobias Lea Viola, inmitten Musikern der Festival String Lucerne
Daniel Dodds hatte für dieses, ganz spezielle Konzert, drei exquisite Solisten der Wiener Philharmoniker eingeladen, von denen als erster der Solobratschist Tobias Lea zum Einsatz kam. Dies verstärkte natürlich zusätzlich das „Wienerische“ in der Klangfarbe, obwohl Daniel Dodds, als Halbaustralier und Tobias Lea gebürtig aus Adelaide (Australien), ja nicht in ein Wiener Umfeld hineingeboren wurden. Die beiden Meister ihres Fachs boten denn auch Saitensprünge des Prädikats Weltklasse. Dies eingebettet in den Klangteppich des souveränen, äusserst spielfreudigen Orchesters, wobei sich die hellere, filigrane Expression der Solovioline und der dunkel samtenere Klang der Solobratsche perfekt ergänzten Die beiden lösten sich jeweils kongenial in den Solosequenzen ab. Alle Protagonisten spielten sich in einen wahren Spielrausch voller Emotionen, die sich auch in Gestik und vor allem Mimik der Musiker widerspiegelte und ihren Höhepunkt erreichte, als alle am Ende des Finales die Geigenbogen triumphierend erlöst in die Höhe gestreckt liessen. Das begeisterte Auditorium, das zuvor schon nach jedem einzelnen Satz nicht mit Beifall sparte, spendete kräftigen, langanhaltenden Applaus, dies solange, bis die beiden Solisten noch eine kurze Zugabe zelebrierten, bevor man sich in die Foyers für die Pause begab, wo äusserst angeregt über das Gebotene diskutiert wurde.
Strauss: Duett-Concertino für Klarinette, Fagott und Kammerorchester F-Dur
Die beiden Solisten der Wiener Philharmoniker, Matthias Schorn und Sophie Dervaux
Als Fagott Solistin Sophie Dervaux und der Solist an der Klarinette Matthias Schorn auf die Bühne traten, war „Vienna total“ im KKL. Dem Concertino soll Andersens Märchen vom Schweinehirten Modell gestanden haben. Demnach würde es darum gehen, dass ein Schweinehirt (Fagott) um eine kapriziöse Prinzessin (Klarinette) wirbt, also dem die Idee zu Grunde liegt, die lustige Klarinette gegen das traurige Fagott auszuspielen. Die Soloinstrumente kokettierten, umschmeichelten sich auch mal, dazwischen flirtete gar Jonas Itens Cello kurz mit dem Fagott. Itens Miene widerspiegelte dabei die pure Spielfreude, gar Entzückung, die auch seine Mitmusiker erfasst hatte. Wenn virtuose Solisten dann mit so viel herzhaft-feurigem Zugriff, betörendem Schmelz und ersichtlicher, durch kompetentes Können abgefederter Lust an Technik-Kunststückchen und schwelgerischer Klangmalerei diesen inspirierten Akustik-Prospekt aufblättern, unterstützt vom grossartigen Orchester, dann schmilzt das Publikum zu Recht hin und lauscht dem Gebotenen gebannt, fast ungläubig. Die Belohnung durften die Agierenden in Form einer wahren Applauskaskade entgegennehmen, was diese fast gerührt erfreut zur Kenntnis nahmen. Auch hier kamen die Solisten nicht umhin, eine kleine Zugabe zu geben.
Wolfgang Amadé Mozart: Sinfonie Nr. 29 A-Dur KV 201
Die Festival Strings Lucerne geniessen den wohlverdienten Applaus
Zum krönenden Abschluss der „Wiener Soiree“ boten die „Strings“ noch ein Schaulaufen mit der, von Mozart in zartem Alter von 18 Jahren komponierten Sinfonie. Entsprechend jugendlich spritzig und quirlig ist die das Notengebilde und eignet sich ausgezeichnet für ein fulminantes Schlussbouquet, wie es das Orchester nun noch bot. Die Musiker sausten förmlich durch die Partitur mit unbändiger, ansteckender Spielfreude und voll motiviert. Das Orchester bot einmal mehr einen beeindruckenden Konzertabend und das Auditorium wusste dies mit dem entsprechenden Applaus zu würdigen.
Kleine Fotodiashow von Fabrice Umiglia:Vienna meets Lucerne
Die künstlerische Leiterin «Tanz Luzerner Theater» Kathleen Mc Nurney hat sich zu ihrem 10-Jahre-Jubiläum selber ein Geschenk gemacht: Das spartenübergreifende Projekt «Orfeo ed Euridice». Tänzerinnen und Tänzer stehen zusammen mit drei Sängerinnen und dem Chor des Luzerner Theaters auf der Bühne, im Orchestergraben dirigiert Alexander Sinan Binder das Luzerner Symphonieorchester. Choreograf ist der Katalane Marcos Morau mit seiner ganz eigenen Tanzsprache und seiner Interpretation der Geschichte des trauernden Orpheus, der seine zweite Chance nicht nutzt und seine geliebte Eurydike darum ein zweites Mal und definitiv verliert.
Unglaubliches Farbenmeer
Szenenfoto Gregory Batardon
Morau setzt die Oper in die Gegenwart und gestaltet die Trauerfeier um Eurydike im ersten Akt als festlich-farbige Zeremonie, wie sie in östlichen Ländern bei Begräbnissen üblich ist. Das beschert den Zuschauern ein Farbenmeer ohnegleichen. Tänzerinnen und Tänzer tragen alle dasselbe Kostüm: lange schwingende Rücke mit Blumenmustern, die an östliche Trachten erinnern, farblich aber auch südamerikanische Fröhlichkeit ausstrahlen. Auch Orpheus (eine überzeugende Abigail Levis mit klarem, weichen Mezzosopran) und Amore (Kathrin Hottiger) tragen dasselbe Kostüm, mit zusätzlich kunstvollen weissen Hauben.
Szenenfoto Gregory Batardon
Die Tänzer agieren praktisch nur in der Gruppe. Morau sieht sie als Brücke zu den drei Hauptfiguren. So scharen sie sich um Orpheus, umringen ihn, dann wieder schwirren sie wie Derwische über die Bühne mit wehenden Röcke wie Glocken. Meist bilden sie aber eine Linie, stehen, sitzen, liegen in einer Reihe, ihre Arme verbinden sich, wellenförmig fliessend, öffnen und schliessen sich schlangenförmig. Ungeahnte Formen werden möglich, ganz neue Bewegungsabläufe entstehen, oft weiss man nicht, wo der eine Tänzer anfängt und der andere aufhört. Dann wieder finden sie sich in einem einzigen farbigen Knäuel und entwinden sich, langsam, ein Arm nach dem anderen, ein Bein nach dem anderen, faszinierend, neu, anders. Das verlangt höchste Präzision und eine unglaubliche Synchronizität. Und mit den farbenfrohen Kostümen, den blau-weiss gestreiften Ärmeln und geringelten Strümpfen hat das etwas Märchenhaftes und wunderbar Leichtes. Dazu Glucks barocke Melodien, das verzaubert und entlässt einen mit einem Lächeln in die Pause.
Sterile Supermarktwelt
Szenenfoto Gregory Batardon
Nach der Pause allerdings ist fertig mit Lebenslust und Freude. Orpheus steigt in die Unterwelt, bei Morau ist das ein Supermarkt, dort arbeitet Eurydike (Diana Schnürpel). Auch hier tragen alle dasselbe, Tänzer wie Chor, aber jetzt sind es grüne Uniformen, die an Spitalkleidung erinnern. Überhaupt ist da alles klinisch rein und sauber. Kappen und Brillen verstärken den uniformen Eindruck, man erkennt kaum noch Gesichter. Immer wieder werden weisse Pakete gestapelt, aufgetürmt, herumgetragen, verschoben. Die Bewegungen scheinen oft ferngesteuert, mechanisch, wie Roboter schieben sich Tänzerinnen und Tänzer mit eckigen, schlaksigen Bewegungen über die Bühne. Das ist durchaus faszinierend, steht aber im krassen Gegensatz zur lieblichen Musik Glucks.
Szenenfoto Gregory Batardon
Es kommt wie es eben kommt in dieser Geschichte: Orpheus findet zwar seine Eurydike und will mit ihr – und einem Einkaufswagen voller Pakete – die Unterwelt verlassen, gibt aber ihrem Drängen nach und um ihre Zweifel zu zerstreuen, dreht er sich zu ihr um – und verliert sie ein zweites Mal und für immer hinter einer Glastüre, die langsam vernebelt und sie nach und nach verschwinden lässt.
Neue Sicht aufs Tanzensemble
Szenenfoto Gregory Batardon
Ein spannendes Projekt, Tanz und Gesang so gekonnt zu vermischen, aber es besteht die leise Gefahr, dass man sich ab und an so auf den Tanz konzentriert, dass dabei der Gesang etwas aussen vor bleibt. Dabei überzeugen die drei Solistinnen durchwegs. Spannend auch, das Tanz-Ensemble einmal mehr von einer neuen Seite kennen zu lernen.
Das Premierenpublikum war begeistert, dankte mit langanhaltendem Applaus und einer Standing Ovation.
Musikalische Leitung Titus Engel Inszenierung Lydia Steier
Bühne Flurin Borg Madsen Kostüme Ursula Kudrna
Video Tabea Rothfuchs Licht Stefan Bolliger
Ton Cornelius Bohn Chor Michael Clark
Dramaturgie Pavel B. Jiracek
Ensemble
Mary Godwin Kristina Stanek
Percy Bysshe Shelley Rolf Romei Paul Curievici
Claire Clairmont, Stiefschwester von Mary Sara Hershkowitz
Lord Byron Holger Falk
Dr. John Polidori, Byrons Leibarzt Seth Carico
Augusta Leigh Samantha Gaul
Physiker des CERN Chor des Theater Basel
E-Gitarre Yaron Deutsch
Steamboat Switzerland
Dominik Blum Lucas Niggli Marino Pliakas
Statisterie des Theater Basel
Es spielt das Sinfonieorchester Basel
Rezension:
Sara Hershkowitz, Kristina Stanek Foto Sandra Then
Am 21. Februar fand die Welturaufführung des Auftragswerkes «Diodati.Unendlich» im Basler Theater statt.
Eine Gruppe literarisch ambitionierter Briten begibt sich im Jahr 1816 auf der Suche nach der «erhabenen» Natur in die Schweiz – darunter der Autor Percy Shelley und seine spätere Frau Mary, die romantische Kultfigur Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori. Doch das katastrophale Wetter des legendären «Jahres ohne Sommer», die Folge eines Vulkanausbruchs in Indonesien, zwingt die Freunde, acht Tage lang in einer Villa am Genfersee auszuharren. Dort erzählen sie sich selbstverfasste Geschichten über fremdgesteuerte Kreaturen, in denen sich die Abgründe ihrer eigenen Persönlichkeit spiegeln.
Statisterie des Theater Basel, Holger Falk, Sara Hershkowitz, Seth Carico foto Sandra Then
Ausgehend von dieser historischen Zusammenkunft, bei der u. a. Mary Shelleys «Frankenstein» entstand, erzählen der Schweizer Komponist Michael Wertmüller und die Dramatikerin Dea Loher in ihrer Oper eine Geschichte über die Suche nach Freiheit und Individualität in einer Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten zu sein scheint.
Ungewohnte Töne steigen aus dem Orchestergraben, wenn man den Saal des Basler Theaters betritt. Da übt einer rasante Läufe auf der Marimba, eine Bassgitarre röhrt, eine Hammondorgel wummert, dazwischen wärmen sich Bläser und Streicher auf. Dann erscheint der Dirigent Titus Engel und wird bereits mit Bravo-Rufen begrüsst.
Philosophie und Laudanum
Kristina Stanek, Seth Carico, Holger Falk Foto Sandra Then
Das erste Bild der Oper «Diodati.Unendlich» zeigt eine Schar Physiker in weissen Schutzanzügen. Mit ihren beleuchteten Gesichtern sehen sie aus wie wandelnde Laternen. Als Forscher des CERN repräsentieren sie die Gegenwart. In der Mitte der Bühne öffnet sich nach und nach jener Raum, in dem sich das Geschehen des ersten Aktes abspielt: Das Wohnzimmer der Villa Diodati am Genfersee, die Vergangenheit. Es erinnert an ein Puppenhaus, putzig mit grüngestreifter Tapete und roten Möbeln. Auch die Figuren haben anfänglich etwas Puppenhaftes in ihren historischen Kostümen (Ursula Kudrna).
Lord Byron erwartet seine Besucher. Die werden auf Stahlkarren hereingefahren und abgeladen, die Informationen wer wer ist, wie alt und welche Gebrechen er oder sie hat, werden auf einer hauchdünnen Leinwand eingeblendet (Video Tabea Rothfuchs). Da ist einerseits der Gastgeber, Lord Byron (Holger Falk), lust- und genusssüchtig, Percy Shelley (Ralf Romei), leicht abgehoben, seine künftige Frau Mary (Kristina Stanek), eine zarte, schwarzgekleidete Figur mit Blumenkranz im Haar. Sie hat ihr Baby verloren und strömt mit jeder Faser ihres Seins Tragik und Leid aus. Byrons Leibarzt Polidori (Seth Carico) hat etwas Gekünsteltes und Manieriertes. Claire (Sara Hershkowitz), übersteigert und hysterisch, ist Byrons Halbschwester und gleichzeitig Geliebte. In ihrem rosa Kleid und den roten Wuschelhaaren mit Zopf sieht sie aus wie eine Porzellanpuppe. Die fünf philosophieren über den Sinn des Lebens, über die Welt, die aus den Fugen gerät, aber auch über ihr Liebesleben. Um das alles auszuhalten, inklusive Dauerregen, trinken sie Laudanum. Das Geschehen wird überwacht, dokumentiert, auch unterbrochen, durch die weissgekleideten Physiker, die rund um den Raum verteilt stehen.
Turbulent, verrückt und schrill
Diodati. Unendlich Szenenfoto von Sandra Then
Es gibt leise Töne in dieser Inszenierung (Lydia Steier). Wenn Kristina Stanek als Mary ihr totes Kind beklagt, tut sie dies mit einer solchen Intensität, dass es unter die Haut geht. Dann wieder wird es laut und schrill und geht ziemlich zur Sache, wenn zum Beispiel Byron eine Apparatur um den Unterleib gehängt wird, die an eine Melkmaschine erinnert und er sich lustvoll windet, während Claire lasziv an einer Glasscheibe leckt. Holger Falk spielt diesen Byron mit viel Kraft, Ausdruck und animalischer Lust. Es mag zwar turbulent, schräg und schrill zugehen und ist musikalisch nicht nur für die Darstellenden und Musiker anspruchsvoll, es bleibt aber in diesem ersten Akt stimmig und die Spannung lässt nicht nach.
Die Welt aus den Fugen
Seth Carico, Rolf Romei, Sara Hershkowitz, Chor des Theater Basel, Holger Falk, Statisterie des Theater Basel Foto Sandra Then
Nach der Pause haben sich die Ränge aber doch gelichtet. Nun geht’s erst richtig los. Es ist wie wenn sich durch die langsame Auflösung des Wohnzimmers auch alles andere auflösen würde. Die Welt gerät definitiv aus den Fugen und es wird schwierig, allem zu folgen. Es ist sehr viel los auf der Bühne, Mary bastelt mit blutverschmierter Schürze an ihrem toten Kind, Byron kriecht kopfvoran in spastisch anmutenden Bewegungen eine freistehende Treppe runter, Polidori stöckelt auf High Heels und in Netzstrümpfen über die Bühne und Percy Shelley paddelt in einem Luftschiff am Himmel. Claire mit sichtlich gewachsenem Babybauch hat sich ihres Kleides und ihrer Perücke entledigt und windet sich in Geburtswehen. Zudem gibt es vermehrt Videoeinspielungen – das alles führt zu einer Reizüberflutung und es wird schwierig, sich nicht selber zu verlieren in diesem Getümmel.
Diodati. Unendlich Szenenfoto von Sandra Then
Trotz des Chaos hat das Bühnenbild (Flurin Borg Madsen) durchwegs etwas Kunstvolles und Faszinierendes und Werthmüllers Musik, welche sich in keine Schublade stecken lässt, ist unglaublich abwechslungsreich. Mal gibt’s ein Solo mit der Hammondorgel, dann einen jazzigen Höllentanz. Mal liefern sich Byron und Shelley einen fantastischen Schlagabtausch, an Rhythmik kaum zu übertreffen und Claire begeistert mit einem vokalen Duell mit einem Schlagzeuger, ein absolutes Highlight, das auch prompt Szenenapplaus erntet.
Sara Hershkowitz, Seth Carico, Chor des Theater Basel, Kristina Stanek, Rolf Romei Foto Sandra Then
Es ist eine Reise durch verschiedenste Musikstile, dies auch dank des Einbezuges des Ensembles «Steamboat Switzerland». Was den Musikern, aber vor allem den Sängerinnen und Sängern abverlangt wird, ist unvorstellbar: Diese Koloraturen, und wie sie sich da stimmlich aus ungeahnten Höhen ins beinahe Bodenlose fallen lassen müssen ist spektakulär. Zusammengehalten, geleitet und geführt wird das Ganze eindrucksvoll von Titus Engel. Er behält scheinbar mit Leichtigkeit die Übersicht über all die Tempis, musikalischen Schichtungen und Rhythmuswechsel.
Das furiose Finale ist dann bildlich, stimmlich und musikalisch kaum mehr zu übertreffen, ein sich stetig steigerndes rhythmisches Chaos. Die Premierenbesucher, feierten die Produktion frenetisch.
Kleine Fotodiashow der Produktion von Sandra Then: