Grüne Transformation: Wie die Politik Finanzströme in Richtung Nachhaltigkeit umlenken kann
Gemeinsame Pressemitteilung der Universität Witten/Herdecke und des
Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) ► Forschende weisen
auf große Finanzierungslücke hin, um die Klimaziele zu erreichen:
Investitionsbedarf in Deutschland liegt bei jährlich 60 bis 100 Milliarden
Euro. Die Universität Witten/Herdecke und das Institut für ökologische
Wirtschaftsforschung zeigen auf, wie die Politik grüne Investitionen
stärken und klimaschädliche Investitionen unattraktiv machen kann.
Der
Staat sollte zudem öffentliche Investitionen in die dekarbonisierte
Wirtschaft und grüne Transformation stärken.
Witten/Berlin, 30. Juni 2025 – Noch immer fließt ein Großteil des
weltweiten Kapitals in klimaschädliche Aktivitäten. Die Finanzierung des
ökologischen Umbaus ist ein maßgeblicher Faktor dafür, ob die Klimaziele
erreicht werden. Wie die Finanzierungslücke geschlossen werden kann und
was Politik und Finanzsektor dafür tun sollten, hat ein Forschungsprojekt
der Universität Witten/Herdecke (UW/H) und des Instituts für ökologische
Wirtschaftsforschung (IÖW) mit Förderung des Bundesministeriums für
Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) untersucht. Heute hat das
Projektteam seine Ergebnisse vorgestellt und im Policy Brief „Die grüne
Transformation finanzieren“ drei zentrale Empfehlungen für eine
nachhaltigere Finanzpolitik an die Politik gerichtet: Erstens sollte die
Bankfähigkeit grüner Investitionen gezielt gestärkt werden. Zweitens gilt
es, die Finanzierung fossiler und emissionsintensiver Aktivitäten aktiv
zurückzufahren. Und drittens sollten mehr öffentliche Mittel für grüne
Aktivitäten bereitgestellt werden, die nötig sind, aber keine oder nur
eine geringe Rendite erwirtschaften.
Große Finanzierungslücke für grüne Transformation
Global klafft eine gewaltige Finanzierungslücke: Weltweit fehlen laut
Climate Policy Initiative jährlich etwa sieben Billionen US-Dollar, um die
Klimaziele zu erreichen. In Deutschland liegt der zusätzliche
Investitionsbedarf bei jährlich 60 bis 100 Milliarden Euro. Gleichzeitig
gelten fossile Projekte weiterhin als besonders profitabel und risikoarm –
mit gravierenden Folgen für Umwelt und Gesellschaft.
Bankability grüner Investitionen stärken
Das Forschungsteam identifizierte zentrale Stellschrauben, um
Kapitalströme nachhaltig umzulenken: Eine davon ist es, die „Bankability“,
also die Bankfähigkeit, grüner Investitionen zu stärken. Die Politik kann
dafür monetäre Anreize, Garantien und regulatorische Maßnahmen einsetzen.
Joscha Wullweber, Leiter des Projekts an der Universität Witten/Herdecke,
erklärt: „Bankability bedeutet einfach gesagt: Welches Risiko-Rendite-
Verhältnis hat eine Investition in die Produktivwirtschaft oder in
finanzielle Vermögenswerte? Also wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass
ich das investierte Geld nicht zurückbekomme, und erhalte ich für dieses
Risiko eine Rendite, die meinen Erwartungen entspricht? Je geringer das
Risiko und je höher die Rendite, desto größer ist die Bankfähigkeit.“
Bei vielen grünen Projekten ist die Bankability jedoch deutlich zu
niedrig, als dass der Finanzsektor dort investieren würde, zeigt die
Analyse der Forschenden. Bei zahlreichen klimaschädlichen Projekten
wiederum ist die Bankfähigkeit weiterhin hoch. Und dies gilt, obwohl die
europäische Sustainable-Finance-Regulierun
Kriterien für Investitionen zu stärken.
Klimaschädliche Investitionen unattraktiv machen und öffentliche
Investitionen stärken
Neben Politikempfehlungen, die auch als „De-Risking“ bezeichnet werden,
erarbeitete das Team finanzpolitische Maßnahmen für die Beendigung
klimaschädlicher Investitionen. Diese Maßnahmen sollen die Finanzierung
fossiler und emissionsintensiver Aktivitäten erschweren und dabei nicht
nur Banken, sondern auch Nichtbanken bzw. „Schattenbanken“ regulieren.
Eine geeignete Maßnahme wäre etwa der Ausschluss von klimaschädlichen
Vermögenswerten aus dem Sicherheitenrahmen der Europäischen Zentralbank
(EZB).
Das Projekt identifizierte darüber hinaus Bereiche, die für eine
dekarbonisierte Wirtschaft und die grüne Transformation unerlässlich sind,
und in denen der Staat als Akteur in der Finanzpolitik stärker auftreten
müsste. Dazu zählen etwa Moorschutz, Infrastruktur für nicht-motorisierte
Mobilität oder Hochwasserschutz, die nicht oder kaum durch private Mittel
finanzierbar sind. Öffentliche Gelder können durch verschiedene
Instrumente mobilisiert werden, etwa durch einen EU-Klimafonds, durch eine
„Grüne Goldene Regel“, die besagt, dass grüne Investitionen nicht in die
EU-Schuldenregeln eingehen, oder durch Steuern.
Grenzen der Finanzpolitik anerkennen
Die Autor*innen betonen: Es braucht einen integrativen Politik-Mix. Dazu
der Transformationsforscher Florian Kern vom IÖW: „Finanz- und Geldpolitik
allein reichen natürlich nicht aus. Sie müssen flankiert werden durch eine
kohärente Innovations-, Industrie-, Fiskal- und Sektorpolitik, um die
grüne Transformation sozial gerecht und ökologisch wirksam voranzubringen.
Die Finanzpolitik muss andere Politiken im Bereich der Umwelt- und
Wirtschaftspolitik, wie etwa Maßnahmen zur Energiewende, zum
Ressourcenschutz oder zur Kreislaufwirtschaft, wirkungsvoll ergänzen.“
Silke Stremlau, Vorsitzende des Sustainable-Finance-Beirats der letzten
Bundesregierung, würdigt den Ansatz des Projekts: „Den
Wissenschaftler*innen des Teams ist es gelungen, durch ihre analytische
Brille den Blick auf die Leerstellen des aktuellen Sustainable-Finance-
Diskurses zu richten. Die Frage, ob die jetzigen Maßnahmen ausreichen, und
was wir tun können, wenn dies nicht der Fall ist, ist für den Fortschritt
der grünen Transformation essenziell. Mit den Politikempfehlungen liegt
jetzt ein konsistentes Set von Maßnahmen auf dem Tisch.“
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Weitere Informationen:
• Policy Brief: Die grüne Transformation finanzieren – Bankfähigkeit
erhöhen, aus klimaschädlichen Investitionen aussteigen, nicht bankfähige
Aktivitäten finanzieren (Zum Download Policy Brief:
<https://www.ioew.de/publikati
• Ausführlicher Policy Report: Financing the green transition – Increasing
bankability, phasing out carbon investments and funding ‘never-bankable’
activities (Zum Download Policy Report:
<https://www.ioew.de/publikati
• Download Pressegrafik: Die grüne Transformation finanzieren – Wie
Regulierung die Bankfähigkeit von Investitionen beeinflussen kann (Zum
Download Pressegrafik:
<https://www.ioew.de/fileadmin
