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Wie journalistische Sprache die Ursachen von Verkehrsunfällen verschleiert

In Berichten über Verkehrsunfälle werden oft unpersönliche Formulierungen verwendet.  Copyright: Sprachkompass "Unfallsprache - Sprachunfall"/Julia Weiss
In Berichten über Verkehrsunfälle werden oft unpersönliche Formulierungen verwendet. Copyright: Sprachkompass "Unfallsprache - Sprachunfall"/Julia Weiss
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Die Berichterstattung über Verkehrsunfälle in deutschsprachigen Ländern
ist häufig nicht neutral und verlagert die Schuld von Autofahrenden auf
Radfahrende und Zufußgehende. Journalistinnen und Journalisten stellen
Verkehrsunfälle als isolierte Ereignisse dar und spielen dadurch Politik-
und Infrastruktur-Probleme herunter. Das zeigt eine jetzt in der
Fachzeitschrift „Mobilities“ veröffentlichte Studie.

Ein
interdisziplinäres Forschungsteam legt darin Leitlinien für eine präzisere
Berichterstattung dar, die auch das Bewusstsein für sichere Mobilität
fördern sollen.

„In Deutschland, Österreich und der Schweiz verschleiern sprachliche
Muster in der Berichterstattung über Verkehrsunfälle Ursachen und
Auswirkungen. Anhand einer Inhaltsanalyse von 229 Artikeln haben wir
nachgewiesen, dass sprachliche Mittel wie Passivkonstruktionen, Metonymien
und reflexive Verben häufig verwendet werden, um die Verantwortung für
Unfälle von Kfz-Fahrerinnen und Fahrern auf Menschen zu verlagern, die zu
Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind“, so Erstautor Dirk von
Schneidemesser vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit. Auf diese Weise
vermittle die Berichterstattung ein verzerrtes Bild und behindere
Mobilitätsreformen für mehr Sicherheit.

Die Autorinnen und Autoren beschreiben vier Arten der sprachlichen
Verschleierung:

1.      Wenn das Fahrzeug anstelle des Fahrers oder der Fahrerin als
Akteur genannt wird, wie in „Auto erfasst Radfahrerin“, verlagert dies den
Fokus weg von den Handelnden und verschleiert damit die Verantwortung für
die Kollision. In der Rhetorik wird diese Ersetzung einer Person durch
eine Sache als Metonymie bezeichnet.
2.      Ein zweites gängiges sprachliches Mittel, um einen sozialen Akteur
in den Hintergrund zu rücken, ist die Verwendung einer Passivkonstruktion
mit Präpositionalphrase, wie in „Fußgänger von Autofahrer angefahren.“ (Im
Gegensatz zur Aktivkonstruktion: „Autofahrer fährt Fußgänger an.“) Dadurch
wird der Akteur in den Hintergrund gedrängt.
3.      Eine dritte Möglichkeit, Verantwortung durch Sprache zu
verschieben, ist die Auslassung: Der beteiligte Akteur wird überhaupt
nicht erwähnt. Zum Beispiel durch die Verwendung einer Passivform ohne
Präpositionalphrase („Fußgängerin angefahren“).
4.      Eine vierte Möglichkeit, Verantwortung zu verschieben, ist die
Verwendung reflexiver Verben, zum Beispiel „Fußgängerin verletzt sich“.
Dies hat eine ähnliche Wirkung wie die Passivform. Erstens wird der
Verursacher oder die Verursacherin weggelassen und zweitens der Fokus auf
die geschädigte Person gelegt.

Die Autorinnen und Autoren raten zu einer Sprache, die die handelnden
Personen klar benennt. In denen von ihnen analysierten Artikeln kamen
Opfer in 76 Prozent der Überschriften vor, während nur 15 Prozent eine
zweite beteiligte Person erwähnen. Die für die Schäden Verantwortlichen
standen also nicht im Fokus.

Neben den Formulierungen sei auch das Fehlen von Kontextinformationen ein
häufiges Problem, erläutert Schneidemesser: „Wenn die Leserinnen und Leser
zum Beispiel aus dem Artikel erfahren, dass es an einer Kreuzung häufig zu
Kollisionen kommt oder es an einer vielbefahrenen Straße keine Ampel gibt,
sind sie eher geneigt, sicherheitsorientierte Infrastrukturmaßnahmen zu
befürworten.“

Ausführlichere Empfehlungen haben Fachleute aus Deutschland, Österreich
und der Schweiz, darunter Forschende des RIFS, bereits im März dieses
Jahres in dem Leitfaden „Unfallsprache – Sprachunfall“
(https://sprachkompass.ch/themen/verkehr/sprachunfall-unfallsprache)
veröffentlicht.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Dirk von Schneidemesser
dirk.vonschneidemesser@rifs-potsdam.de

Originalpublikation:
von Schneidemesser, D., Bettge, S., Caviola, H., Sedlaczek, A., Reisigl,
M., Schindler, F., & Wirz, M. (2025). How linguistic patterns obscure
responsibility in newspaper coverage of traffic crashes in German-speaking
countries: an interdisciplinary study. Mobilities, 1–18.
https://doi.org/10.1080/17450101.2025.2534634