Zum Hauptinhalt springen

Ein Hightech-Herz für die neue Polarstern

3D Ansicht des geplanten Neubaus des eisbrechenden Forschungs- und Versorgungsschiffes Polarstern des Alfred-Wegener-Instituts  Quelle: Alfred-Wegener-Institut / TKMS
3D Ansicht des geplanten Neubaus des eisbrechenden Forschungs- und Versorgungsschiffes Polarstern des Alfred-Wegener-Instituts Quelle: Alfred-Wegener-Institut / TKMS
Pin It

Das Herzstück im Neubauprojekt für die Polarstern-Nachfolge nimmt Gestalt
an: Bis Ende August unterschrieben TKMS, Wärtsilä, Steerprop und Aker
Arctic die Verträge für die gesamte Antriebseinheit: Ruderpropeller,
Motoren und Abgasnachbehandlungsanlage. Viele der Komponenten sind
Marktneuheiten, mit denen das Alfred-Wegener-Institut und TKMS neue
Standards in der Forschungsschifffahrt setzen.



Die Brücke ist der Kopf eines Schiffes, die Maschine sein Herz – das
jedenfalls sagen viele Seeleute. Für die neue Polarstern nimmt das Herz
jetzt Gestalt an: Gleich mit drei Anbietern hat die Bauwerft TKMS Verträge
für den Antrieb des Eisbrecher-Neubaus des Alfred-Wegener-Instituts
abgeschlossen. Und dies sind keine Komponenten „von der Stange“. Die
innovative Spitzentechnik ermöglicht besonders geräusch- und emissionsarme
Forschung auf See und in den Polargebieten.

Der Polarstern-Neubau, finanziert durch das Bundesministerium für
Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), erhält zwei Azimut-Antriebe,
häufig auch als drehbare Propellergondeln bezeichnet, der finnischen Firma
Steerprop. Das für die Eisklasse PC2 gebaute Schiff wird von zwei SP 160
PULL ARC LM genannten Azimut-Propellern angetrieben, den größten je
gebauten mechanischen Einheiten ihrer Art, die jeweils 9 Megawatt Leistung
über einen Propeller mit 4,8 Metern Durchmesser liefern. Sie sind eine
Weiterentwicklung von Steerprops bewährter mechanischer
Propulsorenplattform, die in der globalen Eisbrecherflotte weit verbreitet
ist. Die Propellergondeln sind um 360 Grad drehbar und übernehmen daher
das Manövrieren bereits mit. Eine klassische feststehende Mittelanlage vom
finnischen Hersteller Aker Arctic mit Edelstahlpropeller, der einen
Durchmesser von 5,4 Metern hat, ergänzt das Propulsionspaket.

Beide Antriebsarten erhalten ihre Energie über ein wahres Kraftwerk: Vier
Hauptmaschinen von Wärtsilä erzeugen 33,1 Megawatt dieselelektrische
Leistung. Zwei der Maschinen werden Dual-Fuel-fähig sein: Neben Diesel
können sie auch grünes Methanol verbrennen. Es handelt sich um ein
integriertes Hybrid-Elektroantriebssystem, das auf vier leistungsstarken
Wärtsilä W31-Motoren basiert und höchste Effizienz mit modernster
Umwelttechnologie vereint. So sind die Generatoraggregate geräuscharm und
die Abgasnachbehandlungstechnologien erfüllen höchste Emissionsstandards.
Außerdem bekommt der Polarstern-Neubau ein Energiespeichersystem: Ein
Batteriesystem ermöglicht es, den Schiffsbetrieb für bis zu vier Stunden
ohne laufende Generatoren sicherzustellen, und damit die kompletten
Forschungsarbeiten emissionsfrei auszuführen.

Die bei der Fahrt auftretenden Abgase werden nach neuestem Stand der
Technik gefiltert, damit möglichst wenige Partikel in die Umwelt gelangen.
Der Polarstern-Neubau ist Erstkunde für Abgasfilter in dieser
Größenordnung. Daneben erhält das Schiff einen Katalysator zur
Abgasnachbehandlung. Außerdem ist die Antriebsanlage so ausgelegt, dass
die besonders strengen, akustischen Anforderungen der Richtlinie „ICES
209“ erfüllt werden, die besonderes Augenmerk auf die akustische Belastung
der Unterwasserwelt durch die Schifffahrt legt. Dadurch werden die
Meereslebewesen vor Lärm geschützt.

Stimmen zur Vergabe der Aufträge für die Antriebseinheit:

Prof. Dr. Maarten Boersma, kommissarischer Direktor des Alfred-Wegener-
Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI):
„Wir freuen uns sehr, dass mit der Bestellung der Antriebseinheit jetzt
ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zur neuen Polarstern vollzogen
ist. Mich faszinieren besonders die langfristigen Abstimmungen sämtlicher
Produktionsabschnitte. Auch wenn es planmäßig noch bis April 2027 dauern
wird, bis die ersten Schweißnähte des Schiffes entstehen, muss natürlich
parallel die Konstruktion der innovativen Maschinen starten. Toll, dass
das Neubauprojekt und die Zusammenarbeit zwischen AWI, TKMS und den
Zulieferern nach Plan laufen.“

Oliver Burkhard, CEO von TKMS, der Bauwerft für die neue Polarstern:
„Mit der jetzt getroffenen Auswahl des komplexen Antriebssystems der neuen
Polarstern stellen wir sicher, dass wir die hohen Kundenanforderungen an
Zuverlässigkeit, Umweltschutz und Nachhaltigkeit erfüllen. Wir haben mit
diesen Vertragsunterzeichnungen den ersten Projektmeilenstein pünktlich
erreicht und unterstreichen so unsere Stellung als maritimes Powerhouse.“

Detlef Wilde, AWI-Projektleiter:
„Dass wir jetzt die Verträge mit den Herstellern für das gesamte
Antriebskonzept inklusive Abgasreinigung haben, ist ein toller
Meilenstein. Ich kann mir bereits bildhaft vorstellen, wie unser
‚Kraftpaket‘ in polare Regionen vorstößt, um dort Daten zu erheben, wo
weniger innovative Schiffe nicht arbeiten können. Es ist großartig, dass
wir als Alfred-Wegener-Institut durch die Förderung des Bundesministeriums
für Forschung, Technologie und Raumfahrt der internationalen
Forschungsgemeinschaft einen Eisbrecher zur Verfügung stellen werden, der
wichtige Wissenslücken im Verständnis unseres Planeten Erde schließen
wird.“

Yngvar Frodell, TKMS-Projektleiter:
„Bei diesem Projekt ist nichts von der Stange, alle Teile sind
maßgefertigt. Die höchsten Standards, die das AWI in Sachen Nachhaltigkeit
erwartet, sind für mich als Ingenieur eine spannende Herausforderung, der
ich mich mit unserem Team gerne stelle. Ich bin sehr stolz darauf, dass
wir die Grenzen hin zu einer nachhaltigeren Schifffahrt verschieben – und
das bei der Nachfolge der Polarstern.“

Über das Neubauprojekt Polarstern
Die neue Polarstern wird das Flaggschiff der deutschen Meeres-, Polar- und
Klimaforschung. Der Neubau wird vom Bundesministerium für Forschung,
Technologie und Raumfahrt (BMFTR) finanziert, so dass das Alfred-Wegener-
Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, im Dezember
2024 den Auftrag für einen Neubau an die Werft TKMS vergeben konnte. Am
Standort Wismar wird das eisbrechende Forschungs- und Versorgungsschiff
gebaut. Es wird der Polarstern nachfolgen, die seit über 40 Jahren
bahnbrechende Forschung in Arktis und Antarktis ermöglicht. So verfügt
Deutschland auch künftig über eine der modernsten und nachhaltigsten
Infrastrukturen zur Erforschung der Polarregionen auf höchstem
wissenschaftlichen und technischen Niveau.