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Systematischer Betrug bei Publikationen in der Mathematik aufgedeckt

Studienleiterin Ilka Agricola  Quelle: Torsten Richter  Copyright: Torsten Richter, Uni Marburg
Studienleiterin Ilka Agricola Copyright: Torsten Richter, Uni Marburg
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Pressemitteilung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV) und der
Internationalen Mathematischen Union (IMU). Ein internationales
Autorenteam um Ilka Agricola, Professorin für Mathematik an der
Universität Marburg, hat im Auftrag der DMV und der Internationalen
Mathematischen Union (IMU) betrügerische Praktiken bei der Publikation von
Forschungsergebnissen in der Mathematik untersucht und dabei
systematischen Betrug über Jahre hinweg dokumentiert.

Die Ergebnisse der
Studie wurden kürzlich auf dem Preprintserver arxive.org und in den
Notices der American Mathematical Society (AMS) publiziert und sorgen
seitdem unter Mathematiker*innen für Aufregung.

Um das Problem zu lösen werden im Kontext der Studie auch Empfehlungen für
die Publikation von Forschungsergebnissen in der Mathematik gegeben.

Heutzutage wird Forschungsqualität oft nicht mehr direkt über den Inhalt
von Veröffentlichungen, sondern vermehrt über kommerzielle Kennzahlen wie
der Anzahl der Publikationen / Zitaten von Autor*innen oder der
„Reputation“ (impact factor) von Journalen gemessen. Diese Kennzahlen
werden auf intransparente Weise und ohne Beteiligung der Wissenschaft von
kommerziellen Anbietern berechnet, die damit weltweit den Verkauf ihrer
Datenbanken stärken. Betrügerische Unternehmen bieten gezielt ihre Dienste
an, um diese Kennzahlen zu optimieren. Dies lohnt sich sowohl für einzelne
als auch für Institutionen, denn eine höhere Platzierung z.B. in einem
Universitätsranking bedeutet besseren Zugang zu Fördergeldern und (im
internationalen Kontext) die Möglichkeit, höhere Studiengebühren zu
verlangen und mehr Anmeldezahlen. Als Kollateralschaden entsteht ein hoher
Prozentsatz von Veröffentlichungen, deren einziger Daseinszweck darin
besteht, die Kennzahlen in die Höhe zu treiben, die aber keiner liest,
weil sie keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse enthalten oder gar
fehlerhaft sind.

Die Studie benennt einige krasse Beispiele. So berechnete z.B. der
Marktführer für Kennzahlen Clarivate Inc. aufgrund seiner Datenbank im
Jahr 2019, dass die Universität mit den meisten Weltklasseforschern in
Mathematik eine Universität in Taiwan ist - an der Mathematik gar nicht
als Studienfach angeboten wird. Megajournale, die alles drucken, sofern
die Autoren dafür bezahlen, publizieren mittlerweile pro Jahr mehr
Artikel, als alle seriösen Mathematik-Journale (bei denen man nicht
bezahlen muss) zusammen. Betrüger bieten anonym gegen Bezahlung von
Artikeln bis Zitaten alles zum Kauf an, was Einfluss auf die Kennzahlen
hat.

“ ‘Fake Science‘ ist nicht nur lästig, sondern eine Gefahr für
Wissenschaft und Gesellschaft”, betont IMU Generalsekretär Prof. Christoph
Sorger. “Denn man weiß nicht, was gilt und was nicht. Gezielte
Desinformation untergräbt das Vertrauen in die Wissenschaft und macht es
auch uns Mathematiker*innen schwer zu entscheiden, welche Ergebnisse als
Basis für weitere Forschung verwendet werden können“. DMV-Präsident Prof.
Jürg Kramer ergänzte: „Die von der Kommission erarbeiteten Empfehlungen
sind ein Aufruf an uns alle, uns für einen Systemwechsel einzusetzen.“