Altersmedizin ist Beziehungsmedizin“: Festvortrag von Giovanni Maio beim Geriatrie-Kongress in Weimar
Wie kann eine humane, auf das Individuum ausgerichtete Geriatrie in einer
ökonomisierten Welt gestaltet werden? Mit dieser grundlegenden Frage
beschäftigt sich Professor Giovanni Maio am ersten Abend des
Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG), der am
18. September in Weimar beginnt.
Der international renommierte
Medizinethiker von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg plädiert in
seiner als Festvortrag konzipierten Keynote für ein radikales Umdenken:
Weg von der technokratisch verkürzten Sicht auf den alten Menschen, hin zu
einer Medizin, die Beziehung ernst nimmt – und damit auch das Alter als
Lebensphase mit eigener Würde.
„Altersmedizin ist Beziehungsmedizin“, sagt Maio. „Wir können dem alten
Menschen nur helfen, wenn wir ihn in aus seiner konkreten Lebenssituation
heraus verstehen und wenn wir den Befund mit dem Befinden zusammenführen.“
Für Maio steht fest: Medizin im Alter muss mehr leisten als das bloße
Behandeln von Krankheiten. Sie muss Lebensqualität ermöglichen und die
Angewiesenheit des alten Menschen nicht als Defizit, sondern als
Grundbedingung menschlichen Lebens begreifen.
Angewiesenheit als zentrale Lebensform
Maio zeigt auf, warum das moderne Autonomieverständnis an seine Grenzen
stößt, nicht nur wenn es um hochbetagte Menschen geht. „Wir sind es
gewohnt, Angewiesenheit als Schwäche zu betrachten“, erklärt er. „Dabei
ist die Angewiesenheit auf andere eine Grundsignatur jeder menschlichen
Existenz.“ Im Alter trete diese Angewiesenheit nur deutlicher zutage. Wer
diese Einsicht ernst nehme, müsse auch das medizinische Handeln
entsprechend verändern: Weg von standardisierten Verfahren, hin zu einer
individualisierten Sorgepraxis. „Erst über den Aufbau einer guten
Beziehung kann man alte Menschen gut begleiten und ihnen dabei helfen,
ihre eigenen Ressourcen neu zu aktivieren, damit sie so selbständig wie
möglich bleiben können“, ergänzt der Medizinethiker.
Alter ist Rückbesinnung auf das Wesentliche
„Das Alter ist wie eine Lupe, mit der man befähigt wird, das Wesentliche
in den Blick zu nehmen. Es hat damit eine wichtige Korrektivfunktion in
einer auf Jugendlichkeit ausgerichteten Gesellschaft, die einer solchen
Rückbesinnung immer wieder bedarf“, sagt Maio. „Die alten Menschen haben
uns so viel zu sagen, wir müssen nur bereit sein, uns auf ihre Botschaften
einzulassen. Jeder alte Mensch sagt uns etwas, allein durch die
Lebensgeschichte, die er uns hinterlässt. Und es gilt, in jedem alten
Menschen das unverwechselbare Individuum mit einer einzigartigen
Geschichte zu sehen. Erst wenn wir diese sehen, bekommen wir eine
Vorstellung davon, wie wir ihm in seiner Gebrechlichkeit helfen können.“
Geriatrie gehört in die Mitte der Gesellschaft
Aus diesem Grund fordert Maio eine höhere gesellschaftliche Priorisierung
der Altersmedizin: „Wir dürfen nicht zulassen, dass diejenigen
vernachlässigt werden, die am meisten auf medizinische Unterstützung
angewiesen sind. Es ist ein gesellschaftlicher Auftrag, die alten Menschen
vom Rand in die Mitte der Gesellschaft zu rücken.“ Dabei kritisiert er
auch ökonomische Fehlanreize im Gesundheitssystem, die einer
patientenzentrierten Medizin entgegenstehen. Die Zukunft der Geriatrie
liege nicht in weiteren Standardisierungen, sondern in der Anerkennung der
Komplexität. „Die Geriatrie muss als eigenständige, sorgende Disziplin
gestärkt werden, weil sie uns zeigt, was menschliche Medizin im Kern
ausmacht.“
Zur Person:
Professor Giovanni Maio ist Direktor des Instituts für Ethik und
Geschichte der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und
zählt zu den führenden Stimmen der Medizinethik im deutschsprachigen Raum.
In zahlreichen Publikationen und öffentlichen Vorträgen setzt er sich für
eine werteorientierte Medizin ein, die dem Menschen in seiner Ganzheit
gerecht wird. Seine Schwerpunkte liegen in der Ethik der Altersmedizin,
der Bedeutung von Fürsorge und Beziehung in der Heilkunst sowie in der
Kritik an rein ökonomisch gesteuerten Gesundheitsstrukturen. Maio ist
Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gremien und Ethikkommissionen und
berät regelmäßig Fachgesellschaften und politische Institutionen.
Termin vormerken:
Festvortrag von Professor Giovanni Maio: „Personalisierte Geriatrie in
einer ökonomisierten Welt“
Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) –
https://www.geriatrie-kongress
Donnerstag, 18. September 2025
18.30 bis 19.15 Uhr, Großer Saal, Congress Centrum Weimarhalle
