Zum Hauptinhalt springen

Sanktioniert die wissenschaftliche Gemeinschaft sexuelles Fehlverhalten?

Sexuelles Fehlverhalten in der Wissenschaft  Copyright: Symbolbild: KI-generiert.
Sexuelles Fehlverhalten in der Wissenschaft Copyright: Symbolbild: KI-generiert.
Pin It

Die Wissenschaft strebt danach, verlässliches Wissen zu produzieren, unser
Verständnis der Welt zu erweitern und den Fortschritt voranzutreiben.
Dieses Streben hängt nicht nur von individueller Exzellenz, sondern auch
von Zusammenarbeit, Austausch und Unterstützung innerhalb der
wissenschaftlichen Gemeinschaft ab.

Während die Veröffentlichung
fehlerhafter oder betrügerischer Forschung oft zu Reputationsschäden
führt, war bisher unklar, ob auch Fehlverhalten, das nicht die
Forschungsintegrität betrifft, aber der Gemeinschaft schadet, ähnliche
Folgen hat. Eine Studie liefert nun wichtige Erkenntnisse für den Umgang
mit sexuellem Fehlverhalten und die Stärkung von Normen in der
Wissenschaft.

Die in "The Review of Economics and Statistics" erschienene Studie von
Rainer Widmann, Michael E. Rose und Marina Chugunova ist der Frage
nachgegangen, ob die wissenschaftliche Gemeinschaft nicht nur „schlechte
Wissenschaft“, sondern auch „schlechtes Sozialverhalten“ sanktioniert. Die
Forschenden haben sich dabei auf sexuelles Fehlverhalten konzentriert, das
in der Wissenschaft ebenso vorkommt wie in anderen Bereichen. Die
vorgestellte Untersuchung ist die erste, die systematische und kausale
Erkenntnisse über die Folgen sexuellen Fehlverhaltens für die Täter
liefert.

DATEN UND FORSCHUNGSANSATZ

Dazu erstellten die Forschenden einen Datensatz von 210
Wissenschaftler*innen aus allen Disziplinen an forschungsintensiven
Universitäten in den USA, gegen die zwischen 1998 und 2019 Vorwürfe
sexuellen Fehlverhaltens öffentlich wurden. In ihrer Analyse verfolgen sie
die Zitierungen von wissenschaftlichen Artikeln mutmaßlicher Täter, die
vor Anschuldigungen sexuellen Fehlverhaltens veröffentlicht wurden, und
vergleichen sie mit den Zitierungen anderer Artikel aus derselben
Zeitschriftenausgabe. Um die Folgen der Vorwürfe für die Beschuldigten zu
untersuchen, wurden diese mit einer Gruppe von Forschenden verglichen, die
ihnen in Bezug auf verschiedene Beobachtungsmerkmale ähnlich waren.

ERGEBNISSE DER STUDIE

Das Forschungsteam stellte fest, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft
frühere Arbeiten mutmaßlicher Täter nach dem Bekanntwerden der
Anschuldigungen seltener zitiert. Netzwerke spielen eine Rolle bei der
Verbreitung der Information über das Fehlverhalten und beeinflussen die
Reaktion anderer Forschender: Forschende, die dem Täter im Rahmen eines
Koautor*innen-Netzwerks sehr nahestehen (wie ehemalige Koautor*innen),
reagieren am stärksten und reduzieren ihre Zitierungen am deutlichsten.
Der Effekt ist bei engen männlichen Peers besonders ausgeprägt. In stärker
männlich dominierten Disziplinen fällt der Effekt hingegen schwächer aus,
was darauf hindeutet, dass die Fachkultur die Reaktionen auf Fehlverhalten
prägt.

Vergleicht man die Ergebnisse der neuen Studie mit Zitationsstrafen für
wissenschaftliches Fehlverhalten, zeigen sich ähnliche Größenordnungen.
Darüber hinaus dokumentiert die Studie, dass mutmaßliche Täter mit
erheblichen Konsequenzen für ihre Karriere zu rechnen haben: Sie
veröffentlichen weniger, kooperieren weniger mit anderen und verlassen die
akademische Forschung mit größerer Wahrscheinlichkeit.

SCHLUSSFOLGERUNGEN UND GESELLSCHAFTLICHE BEDEUTUNG

Die Ergebnisse machen deutlich, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft
auf sexuelles Fehlverhalten reagiert und dieses nicht folgenlos bleibt –
auch wenn es nicht unmittelbar die Qualität der Forschung betrifft. Damit
liefert die Studie wichtige Impulse für die Diskussion über den Umgang mit
Fehlverhalten und die Stärkung professioneller Normen in der Wissenschaft.
Die Ergebnisse sind besonders wichtig, da die moderne Forschung zunehmend
auf Zusammenarbeit und soziale Interaktion ausgerichtet ist. Die Studie
liefert wichtige Erkenntnisse für Fachorganisationen, die
wissenschaftliche und soziale Normen stärken möchten.

Autor*innen der Studie sind:
Dr. Rainer Widmann, Data Scientist
Michael E. Rose, Ph.D., Senior Research Fellow
Dr. Marina Chugunova, Senior Research Fellow

ÜBER DAS MAX-PLANCK-INSTITUT FÜR INNOVATION UND WETTBEWERB

Das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb betreibt juristische
und ökonomische Grundlagenforschung zu Innovations- und
Wettbewerbsprozessen und ihrer Regulierung. Im Mittelpunkt der Forschung
stehen Anreize und Determinanten für Innovation sowie deren Implikationen.
Mit einem herausragenden internationalen Forschungsteam und einer
exzellenten wissenschaftlichen und administrativen Infrastruktur,
einschließlich der renommierten Bibliothek, ist das Institut Anlaufstelle
für Akademikerinnen und Akademiker aus aller Welt und fördert aktiv den
wissenschaftlichen Nachwuchs. Durch das Engagement in der
wissenschaftlichen Ausbildung unterstützt das Institut Forschende am
Beginn ihrer wissenschaftlichen Laufbahn und fördert den Wissensaustausch
in Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Institutionen. Es
informiert und berät im juristischen und ökonomischen Diskurs auf
unparteiischer Grundlage. Als unabhängige Forschungseinrichtung stellt das
Institut evidenzbasierte Forschungsergebnisse für Wissenschaft, Politik,
Wirtschaft und Öffentlichkeit zur Verfügung.

Zum Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb:
https://www.ip.mpg.de/de/

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Marina Chugunova
Senior Research Fellow
https://www.ip.mpg.de/de/personen/chugunova-marina.html

Originalpublikation:
Widmann, Rainer, Rose, Michael E., Chugunova, Marina (2025). Sexual
Misconduct, Accused Scientists, and Their Research, The Review of
Economics and Statistics, https://doi.org/10.1162/REST.a.1613