Silhouetten mit dem gelben Stern
Derzeit ist eine Ausstellung zu Bilderbüchern und Graphic Novels über den
Holocaust im Aktiven Museum Südwestfalen zu sehen. Erarbeitet und erstellt
wurde sie an der Universität Siegen.
Sie sind Teil der modernen Erinnerungskultur: Comics, Graphic Novels und
Bilderbücher, die vom Holocaust handeln. Sie ermöglichen einen anderen
Blick, weil sie die individuellen Geschichten von Opfern erzählen und
dabei die Kraft, aber auch die Distanz der Bilder nutzen. Im Aktiven
Museum Südwestfalen können Besucherinnen und Besucher derzeit verschiedene
dieser Bücher und deren Entstehungsgeschichten kennenlernen. Die
Ausstellung wurde von Dr. Jana Mikota, Prof. Dr. Daniel Stein und Dr. Jens
Aspelmeier erstellt. Sie ist Teil des Verbundprojekts zur Holocaust-
Erziehung, das im vergangenen Wintersemester an der Universität Siegen
begann. Beteiligt sind das Germanistische Seminar sowie das Seminar für
Anglistik/Amerikanistik und das Aktive Museum Südwestfalen.
Allein beim schnellen Blick über die Ausstellungsplakate mit
beispielhaften Szenen prägen sich Bilder ein: hier zart gezeichnete
Silhouetten von Menschen mit dem gelben Stern, dort plakative Motive wie
die Katze mit Hitlerbärtchen vorm Hakenkreuz. Dr. Jens Aspelmeier,
Direktor des Zentrums für schulpraktische Lehrerausbildung Siegen und
Vorstandsmitglied des Aktiven Museums, spürt die Irritation beim Anblick
des Comics „Maus“. „Das gehört dazu und ist vom Autor gewollt.“ Art
Spiegelmann veröffentlichte in den 1980er Jahren mit „Maus“ einen der
ersten Holocaust-Comics und löste eine kontroverse Diskussion über die
Angemessenheit der Darstellung aus. Mittlerweile ist das Buch ein
Klassiker.
Spiegelmann nahm die Geschichte seiner Eltern, die den Holocaust
überlebten, als Basis seines Comics. Auch bei anderen Autor*innen stehen
die Geschichten von Überlebenden im Mittelpunkt. Die Visualisierung
erfolgt nach intensiven Gesprächen mit den noch wenigen Zeitzeugen oder
deren Nachfahren und genauen Recherchen.
Denn immer geht es darum, Erinnerungen lebendig werden zu lassen und vor
allem Kindern und Jugendlichen einen Einstieg in das schwierige Thema zu
ermöglichen. „Die letzten Überlebenden der Schoa werden sterben und wir
werden dann keinen Zeitzeugen mehr haben, die zum Beispiel an Schulen über
Verfolgung und Vernichtung erzählen können“, erklärt Prof. Dr. Daniel
Stein. Andere Formen der Vermittlung und auch andere Medien müssten
gefunden werden, um mit Schülerinnen und Schülern über den Holocaust zu
sprechen. „Und wir müssen auch unseren Studierenden zeigen, wie sie das
Thema später vermitteln können.“ Graphic Novels hätten die Kraft, den
Biografien von Jüdinnen und Juden und anderen Verfolgten der NS-Diktatur
neue Bilder zu geben. „Comics und Bilderbücher können Vergangenheit und
Gegenwart durch die Darstellung und die Andersartigkeit des Erzählens
miteinander verbinden“, ergänzt Dr. Jana Mikota. Die Zeichnungen könnten
auch das zeigen, wovon es keine konkreten Bilder gibt, zum Beispiel die
Erinnerungen an Verstorbene, die zum Beispiel Marion Goedelt in „Selma und
Anton“ als Silhouetten mit gelbem Stern zeigt. Es ist ein Bilderbuch für
Kinder. „Auch in der Grundschule kann man so das Thema aufgreifen“, betont
Dr. Jana Mikota.
Stein, Aspelmeier und Mikota wissen, dass Lehrerinnen und Lehrer damit vor
einer schwierigen Aufgabe stehen. „Wir erleben einen verstärkten
Antisemitismus“, so Aspelmeier. „Natürlich sind da die Schulen in der
Pflicht, wohl wissend, dass der Nahostkonflikt die Diskussion beherrscht
und alte sowie neue antisemitische Narrative prägt.“ Die Konsequenz daraus
dürfe auf keinen Fall sein, den Holocaust im Unterricht thematisch zu
vermeiden. „Es ist im Gegenteil umso wichtiger über die Vergangenheit,
über jüdisches Leben in Deutschland und über die Shoa zu sprechen“, sagt
Aspelmeier. „Wir müssen uns medienpädagogisch weiterentwickeln. Comics
bieten dazu eine wertvolle Möglichkeit.“
Lehramtsstudentin Britta Hönes, wissenschaftliche Hilfskraft im Projekt,
kann das bestätigen. In einem Schulpraktikum hat sie mit Graphic Novels
zum Holocaust gearbeitet. „Die Resonanz bei den Schülerinnen und Schülern
und dem Lehrer war positiv.“
Die Bildtafeln, die mit Hilfe von uniprint, der Druckerei der Universität
Siegen, sehr gelungen umgesetzt wurden, sollen auch an Schulen gezeigt und
an andere Orte verliehen werden. Die Ausstellung ist für alle Schulformen
geeignet und in verschiedene Module (Primarbereich, weiterführende
Schulen) eingeteilt.
An der Universität Siegen wird es mit dem Projekt zur Erinnerungskultur
weitergehen. Im Wintersemester gibt es eine hybride Ringvorlesung
„Grafisches Erzählen, Biografie und Holocaust“. Sie findet dienstags von
18 bis 20 Uhr am Campus Unteres Schloss (US-C 105) statt. Interessierte
können sich gern melden.
Über die Ausstellung entstanden enge Kontakte zu den Autor*innen und
Zeichner*innen und die Idee, die Biografien von Nazi-Opfern aus dem
Siegerland in Comics zu erzählen. Einen Verlag gibt es bereits. Die
Recherchen laufen. Eine Tagung im November bildet den Auftakt der
Projektumsetzung.
Die Ausstellung im Aktiven Museum Südwestfalen ist bis zum 30.4.2026 zu
sehen. Geöffnet dienstags und donnerstags 15 bis 18 Uhr und nach
Anmeldung, sonntags 15 bis 18 Uhr.
