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Fraunhofer IBP erforscht Privatheit am Büroarbeitsplatz für mehr Gesundheit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit

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Modern gestaltete offene und transparente Büroflächen sollen Kommunikation
und Flexibilität fördern. Doch wo viele Menschen auf engem Raum arbeiten
fehlt oft Privatheit: Das ungewollte Mithören von Gesprächen, der Einblick
in Bildschirme oder fehlende Rückzugsmöglichkeiten führen zu Stress und
mindern Konzentration und Wohlbefinden.

Mit dem Forschungsprojekt
»Nachhaltige akustische und visuelle Privatheit am Büroarbeitsplatz«
widmet sich das Fraunhofer IBP nun gezielt dieser Herausforderung, die
bereits in der Phase 0 der Bürogebäudeplanung beginnt. Gefördert wird das
Vorhaben im Rahmen der Forschungsinitiative Zukunft Bau des
Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR).

Privatheit als wichtiger Attraktor des Büros

»Viele Menschen fühlen sich in ihrer Privatheit gestört, wenn sie in
offenen Büroumgebungen arbeiten. Das wirkt sich nicht nur negativ auf die
Konzentration, sondern auch auf das Wohlbefinden am Arbeitsplatz aus«,
erklärt Noemi Herget, Forscherin am Fraunhofer IBP. »Fehlende
Rückzugsmöglichkeiten führen im Büro schnell zu Stress. Deshalb sollte die
Frage nach akustischer und visueller Privatheit bei der Planung von
Arbeitsumgebungen genauso ernst genommen werden wie die nach Raumklima
oder Beleuchtung.«

Damit Büros attraktiv bleiben, müssen sie nicht nur Möglichkeiten zum
Austausch, sondern unbedingt auch Privatheit bieten. Als ein
entscheidender Mehrwert gilt die Möglichkeit, konzentriert und ungestört
zu arbeiten. Die Relevanz steigt weiter durch den Trend zu Activity-based-
Working und Desk-Sharing: Beschäftigte wechseln je nach Aufgabe zwischen
verschiedenen Arbeitsplätzen und haben oft keinen persönlichen
Stammarbeitsplatz mehr. Offene Raumkonzepte sind dabei Standard – doch
gerade hier gibt es Nachholbedarf bei der bedarfsgerechten Planung.

Ein wissenschaftlich fundierter Privatheitsindex

Um diese Lücken zu schließen, forschen die Wissenschaftlerinnen mit dem
Ziel, einen fundierten Privatheitsindex zu entwickeln. Dieser erfasst
erstmals ganzheitlich die Wechselwirkungen zwischen visueller und
akustischer Privatheit. »Unser Ziel ist es, aus wissenschaftlichen
Erkenntnissen eine praxisnahe Grundlage zu schaffen, mit der
Architektinnen und Architekten, Planende und Unternehmen arbeiten können«,
betont Projektmitarbeiterin Dr. Michaela Socher. Auf Basis des Index
entsteht zudem ein digitaler Leitfaden mit konkreten Handlungsempfehlungen
für Neubauten und Sanierungen. Damit können Architektinnen und Architekten
sowie Planende von Anfang an sicherstellen, dass Räume den Bedürfnissen
und der Aufgabenstellung der Mitarbeitenden entsprechen und langfristig
(nachhaltig) nutzbar bleiben.

Forschung mit Praxisnähe

Das Projekt setzt auf einen mehrdimensionalen Forschungsansatz. Eine
Online-Befragung mit mehr als 780 Beschäftigten lieferte Daten zum
aktuellen Status quo in Bürogebäuden. Ergänzend wurden im Synergy-Space
des Fraunhofer IBP verschiedene Büroszenarien unter realitätsnahen
Bedingungen getestet – von akustischen Trennwänden über visuelle
Abschirmungen bis hin zu biophilem Design mit natürlichen Materialien. Die
Teilnehmenden bearbeiteten dabei unterschiedliche, bürotypische
Aufgabenstellungen wie Telefonieren, konzentrierte Textarbeit oder
kreative Tätigkeiten und bewerteten anschließend, inwieweit ihr Bedürfnis
nach Privatheit in den jeweiligen Arbeitsplatzsituationen erfüllt wurde.

Neben dem subjektiven Empfinden von Wohlbefinden, Stress und Konzentration
fließen auch bauphysikalische Messungen, etwa zu Raumakustik oder
Beleuchtung, in die Auswertung ein. Dadurch entsteht ein umfassendes Bild,
wie Privatheit am Arbeitsplatz effektiv umgesetzt werden kann.

Von Telefonbox bis Pflanzenwand: Was Privatheit im Büro wirklich stärkt

In der praktischen Erprobung zeigte sich, dass das Einzelbüro in Bezug auf
Privatheit die beste Option für alle untersuchten Arbeitssituationen ist.
Besonders hoch ist das
Bedürfnis bei kommunikativen Tätigkeiten wie Telefonieren oder
Videokonferenzen weder gehört noch gesehen zu werden, während für kreative
Aufgaben und konzentrierte Textarbeit schon eine Reduzierung der
akustischen Ablenkung durch gute akustische Privatheit ausreichend sein
kann. Individuelle Unterschiede in Bezug auf Lärmsensitivität, »Need for
Privacy« und Extraversion wirken sich ebenfalls auf das Bedürfnis nach
Rückzug aus. Als besonders ansprechend werden begrünte Arbeitsplätze
bewertet. Biophilic Design kann daher in Kombination mit optimierter
Privatheit genutzt werden, um das Wohlbefinden am Arbeitsplatz zu
verbessern. Für die Praxis lässt sich aus den Ergebnissen ableiten, dass
eine Kombination aus Einzelbüros und gemeinsam nutzbaren Bereichen auch
»Kombibüros« genannt, eine ideale Lösung darstellen kann. Ein solches
»Kombibüro« ermöglicht bei Bedarf Anschluss an die Umgebung und sollte
durch Rückzugsräume wie Meetingbereiche und eine starke Einbindung von
Pflanzen ergänzt werden. Entscheidend ist, dass Privatheit gezielt in die
Raumplanung integriert wird – künftig möglicherweise auch als Kriterium in
Gebäudezertifizierungen wie bei der DGNB.

Privatheit als Schlüssel für Gesundheit, Nachhaltigkeit und
Wirtschaftlichkeit

Die bisherigen Ergebnisse machen deutlich, dass Privatheit am Arbeitsplatz
weit mehr ist als ein reiner Wohlfühlfaktor. Sie wirkt sich auf die
Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten aus: Weniger Stress,
bessere Konzentration und höhere Zufriedenheit sind entscheidende Faktoren
für eine nachhaltige Arbeitskultur. Gleichzeitig trägt eine durchdachte
Raumgestaltung zur Nachhaltigkeit bei, weil Büroflächen länger nutzbar
bleiben und Ressourcen geschont werden. Auch ökonomisch profitieren
Unternehmen – durch geringere Fluktuation, weniger Krankheitsausfälle und
eine höhere Attraktivität im Wettbewerb um Fachkräfte. »Privatheit ist ein
entscheidender Baustein für zukunftsfähige Arbeitswelten«, fasst
Projektleiterin Noemi Herget zusammen.