Bevölkerung uneins über Wehrdienst
Die Bundesregierung will die Wehrbereitschaft stärken, also die Fähigkeit,
das Land im Ernstfall militärisch zu verteidigen. Anlass ist die
veränderte Sicherheitslage seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine.
Doch während die Politik über Wege zur Wehrpflicht streitet, zeigt sich:
Auch die Bevölkerung ist uneins.
Das ergibt eine aktuelle Sonderauswertung
des Konfliktmonitors der Konfliktakademie an der Universität Bielefeld vom
Juli 2025. Befragt wurden 2.112 Personen, die bereits im Dezember 2024 an
einer Studie teilgenommen hatten.
Die Analyse ergibt: In Zeiten internationaler Krisen wächst die Zustimmung
in der Bevölkerung zu einer stärkeren militärischen Verteidigungsfähigkeit
Deutschlands. Gleichzeitig spaltet die Diskussion um die Wiedereinführung
der Wehrpflicht die Gesellschaft deutlich, vor allem zwischen den
Generationen
„Unsere Daten verdeutlichen ein wachsendes Unsicherheitsbewusstsein, aber
auch ein gesellschaftliches Konfliktpotenzial, wenn es um Aufrüstung und
Wehrpflicht geht“, sagt Dirk Lampe, wissenschaftlicher Koordinator des
Konfliktmonitors. Andreas Zick, Direktor des Instituts für
interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität
Bielefeld, ergänzt: „Wenn Politik die Perspektive junger Menschen
ignoriert, droht das Vertrauen in Institutionen weiter zu schwinden.“
Mehr Unsicherheit – mehr Zustimmung zur Verteidigung
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die
sicherheitspolitische Lage Europas grundlegend verändert. 58 Prozent der
Befragten empfinden die Welt aktuell als unsicher, nur 15 Prozent halten
die Lage für sicher. Fast 40 Prozent halten einen Angriff Russlands auf
NATO-Staaten in den nächsten Jahren für wahrscheinlich. Diese Sorgen
spiegeln sich in einer klaren Haltung zur Bundeswehr: Zwei Drittel (66 %)
befürworten höhere Ausgaben für Verteidigung und mehr Personal. Nur eine
kleine Minderheit will Kürzungen. Das zeigt, wie stark
sicherheitspolitische Fragen inzwischen in der Mitte der Gesellschaft
angekommen sind.
Wehrpflicht spaltet die Generationen
Beim Thema Wehrpflicht gehen die Meinungen jedoch weit auseinander. Jede
zweite befragte Person (52 %) unterstützt die Wiedereinführung eines
militärischen Dienstes für junge Menschen, ein Drittel (31 %) lehnt ihn
ab. Besonders deutlich ist der Unterschied zwischen den Generationen: Nur
32 Prozent der 18- bis 24-Jährigen befürworten eine Pflicht, aber 67
Prozent der über 60-Jährigen. Frauen (47 %) stehen der Idee kritischer
gegenüber als Männer (59 %).
Der Konfliktmonitor untersuchte auch verschiedene Modelle, wie ein solcher
Dienst gestaltet sein könnte. Eine Mehrheit für ein bestimmtes Modell gibt
es nicht. Am meisten Zuspruch (28 %) erhält ein freiwilliger
Bundeswehrdienst im Rahmen eines allgemeinen Dienstes, also eines
Programms, bei dem sich junge Menschen entscheiden können, ob sie etwa in
der Bundeswehr, im sozialen Bereich oder im Katastrophenschutz helfen
wollen. Ebenfalls 22 Prozent unterstützen einen freiwilligen Wehrdienst
nach Erfassung aller wehrfähigen Bürger*innen. Ein Pflichtdienst für alle,
unabhängig vom Geschlecht, findet ebenso viele Befürworter (22 %). Nur 13
Prozent wünschen sich die klassische Wehrpflicht für Männer, 16 Prozent
keine Veränderung.
Die Ergebnisse machen deutlich: Während viele Menschen militärische Stärke
für wichtig halten, wollen gerade Jüngere selbst entscheiden, wie sie sich
engagieren. Der gesellschaftliche Konsens über den richtigen Weg fehlt.
Über den Konfliktmonitor:
Der Konfliktmonitor ist ein Forschungsprojekt der Konfliktakademie an der
Universität Bielefeld. Er untersucht regelmäßig, wie Menschen in
Deutschland gesellschaftliche Spannungen, politische Konflikte und Krisen
wahrnehmen. Ziel ist es, Trends frühzeitig zu erkennen und Wege zu einer
konstruktiven Konfliktlösung aufzuzeigen.
