Zu Sinn und Unsinn: Uhrenumstellungen aus der Sicht der Chronobiologie und Epidemiologie
Jedes Jahr sorgt die Umstellung der Uhren für Unmut in weiten Teilen der
Bevölkerung und eine entsprechende Medienresonanz. Was sagt die
Wissenschaft zu Sinn und Unsinn der Zeitumstellung? Experten diskutieren
darüber im Symposium „Zeitumstellung – Sommerzeit aus chronobiologischer
und epidemiologischer Sicht“ auf der 33. Jahrestagung der Deutschen
Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), die vom 27.-29.
November 2025 im Hannover Congress Centrum stattfindet.
Die aktuell umfassendste systematische Auswertung von Beobachtungsstudien
beim Menschen (149 epidemiologische Originalstudien in 36 Ländern (1))
liefert differenzierte Hinweise auf die Auswirkungen der Umstellung auf
Sommerzeit bzw. des Lebens mit Sommerzeit im Vergleich zur Winterzeit auf
die Gesundheit des Menschen. Das Kernergebnis ist, dass sowohl negative
als auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit beobachtet werden.
Chronobiologischer Hintergrund für die Forschung ist, dass als Folge der
Zeitumstellungen – in Deutschland erstmals zum 1. Mai 1916 umgesetzt –
circadiane Rhythmen gestört und z.B. die Schlafdauer und Schlafqualität
beeinflusst werden können. Offene Schlüsselfragen sind, welche kurz-,
mittel- und langfristigen Verbindungen es durch die Zeitumstellungen mit
Gesundheit und Krankheit gibt.
Damit beschäftigt sich Univ.-Prof. Dr. Thomas C. Erren, MPH, Direktor am
Institut und Poliklinik für Arbeitsmedizin, Umweltmedizin und
Präventionsforschung der Universität zu Köln, in seinem Vortrag
„Zeitumstellungen, Gesundheit und Krankheit: Was zeigt die
Epidemiologie?“. „Epidemiologische Studien sind von großem Interesse, da
sie zeigen können, ob das, worauf mechanistische Studien und Tierversuche
möglicherweise hinweisen, tatsächlich relevant für den Menschen ist bzw.
sein kann“, sagt Erren.
Dazu hat er gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern diese 149
epidemiologischen Studien ausgewertet: „Die Studien weisen z.B. darauf
hin, dass die Umstellung auf Sommerzeit das Risiko tödlicher
Verkehrsunfälle erhöhen, aber die Zahl der Straftaten mit Körperverletzung
verringern kann. Im Gegensatz dazu geht die Umstellung auf Winterzeit mit
einem Rückgang der Gesamtsterblichkeit, der tödlichen Verkehrsunfälle und
der Arbeitsunfälle einher, aber auch mit einem Anstieg der Straftaten mit
Körperverletzung. Die Umstellung auf Winterzeit scheint die Schlafdauer zu
verlängern. Das Leben mit Sommerzeit und Winterzeit ist mit einer
Verringerung der Gesamtsterblichkeit verbunden.“ In der Gesamtschau seien
die Einzel- und Gesamteffekte der Zeitumstellungen auf Gesundheit und
Krankheit nicht ausreichend verstanden, fasst Thomas Erren zusammen. „Die
Vorteile der Sommerzeit in Sommermonaten auf die Sterblichkeit, des
Winterzeit-Überganges auf den Schlaf und die Sterblichkeit sowie der
Winterzeit auf den Schlaf können Argumente für eine Beibehaltung der
Zeitumstellungen sein. Negative Auswirkungen des Zeitumstellungs-
Überganges im Frühling könnten durch Strategien zum Schutz von Personen
mit erhöhtem Risiko für Herzinfarkte (2), zur Verringerung von
Verkehrsunfällen und zur Verhinderung von Straftaten gemildert werden“
schlussfolgert er.
Neben diesem weltweiten Blick zeigt eine neue Studie zu Schlafzeiten in
Deutschland, dass viele der knapp 60.000 Teilnehmer ihren Schlaf nicht
vollständig an die Sommerzeit anpassten, sondern über die sieben Monate
der Sommerzeit im Mittel nur ungefähr 50 der eigentlich 60 Minuten
Verschiebung kompensierten. Sie hinkten also über die Sommerzeit im Mittel
10 Minuten hinterher in ihrem Schlaf, der per Wearables bis zu 2,7 Jahre
aufgezeichnet wurde. „Dies ist genau, was man aus Sicht der biologischen
Tagesrhythmik erwarten würde und die Warnungen vieler Schlafgesellschaften
inklusive die der DGSM vor negativen Folgen der Sommerzeit auf den Schlaf
weiter bestätigt“, sagt Dr. Eva Winnebeck, Assistenz-Professorin an der
Universität von Surrey, Großbritannien, die die Datenauswertung dieser
noch unveröffentlichten Studie leitete.
„Es ist schon lange bekannt, dass das Wann und Wie unseres Schlafes stark
von unserer biologischen Tagesrhythmik gesteuert wird, die wiederum von
der täglichen Lichtexposition beeinflusst wird. Und die Sommerzeitregelung
greift in dieses tägliche Lichtsignal empfindlich ein.“ Während der
Sommerzeit verlagern sich Schul- und Arbeitszeiten um eine Stunde nach
vorne, was für die meisten bedeutet, eine Stunde früher aufstehen zu
müssen. Dies reduziert für viele vor allem am Anfang und Ende der
Sommerzeit, also im Frühjahr und Herbst, die Tageslichtverfügbarkeit am
Morgen und macht damit früheres Aufstehen schwieriger, u.a. durch eine
spätere Taktung der Tagesrhythmik. „Zum Glück sind die Sonnenaufgänge in
Deutschland über den Hochsommer aber so früh, dass der Mangel an
Morgenlicht im Hochsommer gut kompensiert werden sollte. Tatsächlich
begünstigen sommerliche Lichtbedingungen generell eine frühere
Tagesrhythmik und damit früheren Schlaf, was die erfolgreiche
Vorverschiebung von 50 Minuten in unserer Studie gut erklären könnte“
erläutert Dr. Winnebeck, „Dieser natürliche, saisonale Vorteil wird
allerdings durch die Umstellung auf die (künstliche) Sommerzeit wieder
weggenommen. Die Daten unserer Studie deuten an, dass durch die Sommerzeit
viele im Sommer eventuell noch einmal zehn Minuten schlechter dran sind
als im Winter, statt einen Vorteil zu haben.“ Sie weiß als Chronobiologin
und Schlafforscherin, dass wir generell als Gesellschaft mit Schlafmangel
und mit zu späten Schlafzeiten zu kämpfen haben und es vielen schwer
fällt, rechtzeitig aufzustehen - mit immer besser nachgewiesenen akuten
und langfristigen Risiken für die Sicherheit und die körperliche und
mentale Gesundheit.
Die genauen Auswirkungen der Sommerzeit auf jeden Einzelnen, auf die
öffentliche Gesundheit über die deutsche Bevölkerung und vor allem über
Länder hinweg sind aber natürlich stark abhängig von einzelnen Zeiten und
Verhalten sowie kulturellen, geographischen und saisonalen
Lichtbegebenheiten, was eine umfassende weltweite Datenauswertung stark
erschwert. „Was jedoch den Schlaf und die chronobiologische Gesundheit
angeht“, so Winnebeck, „deuten immer mehr Studien stark darauf hin, dass
die Abschaffung der Sommerzeit eine einfache, gesellschaftliche Maßnahme
sein könnte, um für viele einen besseren und gesünderen Schlaf zu
ermöglichen.“
Wir erklären Ihnen die Nacht!
Die Geschehnisse in der Nacht und vielleicht der Schlaf selbst sind in
vielerlei Hinsicht unerklärlich. Die Schlafforschung und Schlafmedizin
bringt immer mehr Licht ins Dunkel. Daher wissen wir inzwischen, wie
wichtig dieser Abschnitt in unserem Leben für die menschliche Gesundheit
ist. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin
(DGSM) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Nacht besser verstehen zu
lernen, dieses Wissen öffentlich weiterzugeben und dadurch den Schlaf mehr
wertzuschätzen. Auch die Jahrestagung der DGSM trägt dazu bei.
