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Kritische Neubewertung musealer Praxis: Landesmuseum veröffentlicht Positionspapier zum Naturalienkabinett

Stellvertretend für die museumsinterne Arbeitsgruppe Naturalienkabinett, die das Positionspapier erarbeitet hat (vlnr): Sandra Fünfstück, Elisa Zimmermann, Lena Nietschke, Dr. Frank Both, Dr. Ursula Warnke, Saskia Benthack, Jennifer Tadge, Tosca Friedrich  Quelle: Ida Neumann  Copyright: Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg
Stellvertretend für die museumsinterne Arbeitsgruppe Naturalienkabinett, die das Positionspapier erarbeitet hat (vlnr): Sandra Fünfstück, Elisa Zimmermann, Lena Nietschke, Dr. Frank Both, Dr. Ursula Warnke, Saskia Benthack, Jennifer Tadge, Tosca Friedrich Quelle: Ida Neumann Copyright: Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg
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Das Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg (NuM) hat in einem
mehrmonatigen Prozess ein Positionspapier zum sogenannten
Naturalienkabinett erarbeitet und nun veröffentlicht. Darin setzt sich das
Haus mit Wirkweise und Problematik des Raums auseinander und es bildet
einen Ausgangspunkt für zukünftige Schritte.

Unter dem Titel „Re-Vision:
Vom Staunen zum Verstehen“ lädt das Museum in diesem Zusammenhang ab dem
6. Dezember ein, sich mit den Hintergründen auseinanderzusetzen.

Das Oldenburger Naturalienkabinett
Seit 1980 ist im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg ein Raum zu
sehen, der vielen Oldenburger*innen als das „Naturalienkabinett“, als der
„100-jährige Raum“ oder als „das Museum im Museum“ bekannt ist. In seiner
Anmutung mit historischen Vitrinen und vielen Objekten dicht an dicht soll
er an die Anfänge des Museums erinnern: das Großherzogliche Naturalien-
Cabinett beziehungsweise die Großherzoglichen Sammlungen. Der Raum, wie er
heute ist, ist eine szenografische Interpretation. Er zeigt sich so, wie
die Museumsmacher im Jahr 1980 sich die Anfänge der Museumsausstellung
vorstellten Aus heutiger Museumssicht ist der Raum jedoch problematisch.
Auf den ersten Blick vielleicht faszinierend, verbirgt sich hinter dieser
scheinbar neutralen Präsentation des Naturalienkabinetts eine Geschichte,
die zum Teil eng mit kolonialen Machtverhältnissen und gewaltsamer
Aneignung verbunden ist. Vor allem an den ethnologischen Objekten wird
deutlich, dass jene Inszenierungen koloniale Kontexte verschleiern und
indigene Perspektiven missen lassen. Alle ethnologischen Objekte wurden
daher bereits vor zwei Jahren aus dem Oldenburger Naturalienkabinett
entfernt.

„Das Naturalienkabinett ist sicher ein besonderer Raum und verweist auf
unsere Museumsgeschichte – aber es ist zugleich ein Raum, der koloniale
Denkmuster fortschreibt“, sagt Museumsdirektorin, Dr. Ursula Warnke. „Als
Museum haben wir die Verantwortung und die Möglichkeit, diese zu
reflektieren und in der eigenen Sammlungs- und Vermittlungsarbeit sichtbar
zu machen und zu durchbrechen.“

Eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe arbeitet dieses Erbe derzeit intensiv
auf und konzipiert neue Erzählweisen, um kolonial verstrickte Deutungs-
und Aneignungsmuster sichtbar zu machen.

Aktionsfläche als Übergang
Als erster Schritt zu Sichtbarmachung dieses Prozesses richtet das Museum
die Aktionsfläche „Re-Vision: Vom Staunen zum Verstehen“ ein. Sie lädt vom
6. Dezember bis 22. Februar 2026 dazu ein, die kolonialen Kontexte des
Naturalienkabinetts zu hinterfragen, neue Perspektiven kennenzulernen und
eigene Gedanken einzubringen. Erste Veranstaltungen beschäftigen sich mit
der Thematik des Naturalienkabinetts schon vor Beginn der Aktionsfläche:
Ein kostenfreier Kultursnack mit Provenienzforscherin Dr. Ivonne Kaiser
bietet am 28.10. um 12:30 Uhr unter dem Motto „Naturalienkabinett
neudenken. Gewohntes hinterfragen“ Einblicke in die Herkunftsgeschichte
eines besonderen Objekts.

Naturalienkabinett wird 2026 geschlossen
Mit dem Ende der Aktionsfläche wird das Naturalienkabinett in seiner
bisherigen Form geschlossen. Ab 2026 beginnt ein Transformationsprozess,
der neue Nutzungs- und Gestaltungsmöglichkeiten entwickeln wird. Der Raum
kann so zukünftig Forschungsergebnisse aus allen Sammlungsbereichen des
NuM hervorheben, Projekte und Kooperationen darstellen und zu einem Ort
des Dialogs und der Reflexion gesellschaftlich relevanter Themen wie
Kolonialismus, Rassismus, Klimawandel und Artensterben werden.

Weiterführende Informationen
Download des Positionspapiers unter:
https://www.naturundmensch.de/themen/koloniale-kontexte

Pressehinweis
Der Pressetermin mit Vorbesichtigung der Aktionsfläche ist für Donnerstag,
den 4. Dezember, 11 Uhr geplant.

Presseabbildung
1_Stellvertretend für die museumsinterne Arbeitsgruppe Naturalienkabinett,
die das Positionspapier erarbeitet hat (vlnr): Sandra Fünfstück, Elisa
Zimmermann, Lena Nietschke, Dr. Frank Both, Dr. Ursula Warnke, Saskia
Benthack, Jennifer Tadge, Tosca Friedrich. Es fehlen: Jenin Elena Abbas,
Dr. Christina Barilaro, Stefanie Kappelhoff-Beckmann, Jann Dobrinski, Dr.
Ivonne Kaiser, Kirsten Preuss.
© Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg, Foto: Ida Neumann