Intelligente Reifenüberwachung kann Milliarden sparen: WHZ und efleetcon entwickeln Analyseplattform für Lkw-Flotten
An der Westsächsischen Hochschule Zwickau (WHZ) entsteht gemeinsam mit der
efleetcon GmbH eine intelligente Analyseplattform zur kontinuierlichen
Überwachung des technischen Zustands von Lkw- und Busflotten. Ziel ist es,
technische Mängel frühzeitig zu erkennen, ungeplante Ausfallzeiten zu
minimieren und Ressourcen effizienter einzusetzen.
Rund 5 Prozent aller Unfälle mit Güterkraftfahrzeugen lassen sich laut
DEKRA auf technische Mängel zurückführen. Gleichzeitig führt schlecht
gewartete Fahrzeugtechnik zu hohem Kraftstoffverbrauch, Reifenverschleiß
und ungeplanten Ausfällen – mit enormen Kosten für Speditionen und
Busunternehmen. Gemeinsam mit der efleetcon GmbH entwickelt die WHZ im
Projekt eTirecontrol eine intelligente Analyseplattform, die den
technischen Zustand von Lkw- und Busflotten kontinuierlich überwacht. „Mit
eTirecontrol zeigen wir, wie sich moderne Sensorik und Datenanalyse in die
tägliche Flottenpraxis integrieren lassen, um Sicherheit,
Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit messbar zu verbessern“, so Prof. Dr.
Peter Hartmann, Leiter der Arbeitsgruppe „Optische Technologien“ an der
WHZ.
Vorausschauende Wartung: Kritischen Verschleiß frühzeitig erkennen
Zentrales technisches Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer
digitalen Plattform, die fahrzeugeigene Sensordaten mit externen
Messwerten zusammenführt. Besonderes Augenmerk gilt dabei den
sicherheitsrelevanten Reifenparametern: Profiltiefe, Profilsymmetrie und
Luftdruck. Hierfür wird ein handgeführtes Messsystem entwickelt, das mit
der Plattform vernetzt ist. Ein speziell angepasster Predictive-
Maintenance-Algorithmus soll auf dieser Datenbasis frühzeitig Abnutzung
und technische Defekte identifizieren – bevor es zu Ausfällen kommt.
Aktuell auf dem Markt befindliche Systeme überwachen nur einzelne
Parameter wie Reifeindruck oder Reifentemperatur. „Unser System soll
zusätzlich das Profil der Reifen analysieren und diese Daten mit weiteren
Fahrzeugsensordaten kombinieren. Damit lassen sich vorausschauende
Wartungsintervalle festlegen und deutlich tiefgreifender Diagnosen
durchführen. So können wir dann etwa prüfen, ob eine ungleichmäßige
Abnutzung der Reifen auf eine Verstellung/Defekt am Fahrwerk
zurückzuführen ist oder ob ein zu hoher Kraftstoffverbrauch durch
Motorenprobleme verursacht wird“, erklärt
Florian Rudek, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Optische
Technologien an der WHZ.
Reale Einsparungen für Fuhrparks – ökologisch wie ökonomisch
Ziel ist es, durch die frühzeitige Erkennung kritischer Zustände, die
Reparaturkosten um rund 5 Prozent zu senken, die Laufleistung der Reifen
um zirka 10 Prozent zu steigern. Pro Fahrzeug ergeben sich so Einsparungen
von jährlich etwa 1.000 Euro bei Sattelzügen, 600 Euro bei Lkw und 700
Euro bei Bussen. Hochgerechnet auf die rund 3,5 Millionen Nutzfahrzeuge in
Deutschland ergibt sich ein wirtschaftliches Potenzial von bis zu 1,7
Milliarden Euro pro Jahr – bei gleichzeitiger Verbesserung der
Verkehrssicherheit und Reduktion umweltschädlicher Emissionen.
Technologische Stärke aus Sachsen – Produktion im Erzgebirge
Die efleetcon GmbH mit Sitz in Aue-Bad Schlema bringt ihre langjährige
Expertise im Bereich Räderlogistik in das Projekt ein und übernimmt die
Koordination, die technische Entwicklung der Analyseplattform sowie die
Schnittstellenanbindung an bestehende Fleet-Management-Systeme (FMS). Die
Anbindung erfolgt über den offenen Telematik-Standard SAE J1939, der bei
europäischen Fahrzeugherstellern etabliert ist. Zusätzlich evaluiert
efleetcon geeignete Datenbank- und Frontendlösungen.
Die Westsächsische Hochschule Zwickau entwickelt parallel neue Verfahren
zur sensorischen Erfassung des Reifenzustands und zur Bewertung von
Fahrzeugdaten hinsichtlich technischer Abweichungen. Die Predictive-
Maintenance-Algorithmen werden gemeinsam entwickelt und zunächst im
Labormaßstab erprobt. Das Projekt stärkt nicht nur die Innovationskraft im
Erzgebirge, sondern sichert auch qualifizierte Arbeitsplätze in der
Region.
Über die Arbeitsgruppe „Optische Technologien“ der WHZ
Die Arbeitsgruppe „Optische Technologien“ am Leupold-Institut für
angewandte Naturwissenschaften der WHZ widmet sich der Entwicklung
innovativer Sensorsysteme und datengetriebener Auswertemethoden. Sie
forscht an messtechnischen Lösungen u. a. für die Automobiltechnik,
Halbleiterproduktion, Medizintechnik und Photonik. Studierenden bietet sie
praxisnahe Forschung in Projekten mit Industriepartnern – von Praktika
über studentische Hilfskrafttätigkeiten bis zu Abschlussarbeiten.
Förderhinweis:
Gefördert wird das zweijährige Vorhaben im Rahmen des EFRE-FuE-
Verbundprojekts durch die Sächsische Aufbaubank (SAB). Förderkennzeichen:
100735002. Kofinanziert durch die Europäische Union.
