DGSM-Jahrestagung: Themen, die die Schlafmedizin bisher nicht erreicht hat
„Kleine Wahrnehmungen – Große Welle“, so lautet das Motto der 33.
Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und
Schlafmedizin (DGSM), die vom 27.-29. November 2025 im Hannover Congress
Centrum stattfindet. Und es ist in mancherlei Hinsicht sehr passend für
diesen Kongress. Dessen Präsidentinnen Prof. Dr. rer. nat. Andrea
Rodenbeck, wissenschaftliche Leiterin des Schlaflabors im Evangelischen
Krankenhaus Göttingen, und Prof. Dr. med. Sylvia Kotterba, Chefärztin der
Klinik für Geriatrie am Klinikum Leer, erklären im folgenden Interview,
welche Botschaft sich hinter dem Motto verbirgt und wie wichtig der Blick
auf die Grundlagenforschung ist.
Liebe Frau Professor Kotterba, liebe Frau Professor Rodenbeck, schaffen
Sie es als Expertinnen immer zu gutem Schlaf zu finden?
Andrea Rodenbeck: Natürlich nicht, auch wir haben schlechte Nächte.
Sylvia Kotterba: ... insbesondere in der Planung einer großen
Veranstaltung wie diesem Kongress.
Auf welche kleinen Wahrnehmungen sollte man hören, bevor einen
sinnbildlich eine große Welle namens Schlafstörung mit sich reißt? Kann
man da allgemeingültige Tipps geben?
Andrea Rodenbeck: Ein wichtiger Aspekt ist das Stressniveau, das man als
solches wahrnehmen und ernst nehmen sollte. Sonst fällt es schwer noch
abschalten zu können, um in den Schlaf zu finden. Und ganz wichtig ist
auch, für sich selbst herauszufinden, wie viel Schlaf man braucht: Das
Kriterium hierfür ist eine gute Tagesbefindlichkeit. Das heißt aber nicht,
dass wir von morgens bis zum Lichtlöschen durchgehend voll konzentriert
und aktiv sein müssen. Schwankungen in der Tagesbefindlichkeit sind normal
und von inneren Prozessen gesteuert.
Sylvia Kotterba: Eine wichtige Strategie für mich es, Dinge, die ich nicht
vergessen will, auf einen Zettel zu schreiben – so kommt es gar nicht zum
Gedankenkreisen. Gerade in ungewohnter Umgebung fallen uns andere Licht-
und Geräuschverhältnisse auf, die dann eine unbehagliche Schlafsituation
ergeben können. Wenn sie sich nicht beheben lassen, kann eine Meditation –
die es durchaus geführt durch Podcasts gibt - helfen.
Mit welchem Hintergrund haben Sie das Motto „Kleine Wahrnehmungen – Große
Welle“ für die DGSM-Jahrestagung 2025 gewählt?
Andrea Rodenbeck: Wir sind ja in der Leibniz-Stadt Hannover und seine
Überlegungen zu den kleinen Wahrnehmungen spiegeln alles das wider, was
die Schlafmedizin ausmacht: Kleine Veränderungen im Zusammenspiel der
Neurotransmitter führen zu NonREM- und REM-Schlaf, unterbewusste
Wahrnehmungen können Träume beeinflussen oder zu sekundenkurzen
Wachvorgängen ohne erkennbaren Anlass führen. Um nur einige Beispiele zu
nennen. Auch die nächtliche Regulation der Atmung unterliegt
unterbewussten Steuerungsprozessen – den CO2-Anstieg oder den
Sauerstoffabfall nehmen wir ja nicht bewusst wahr.
Sylvia Kotterba: Die Diagnostik und Therapie schlafbezogener Erkrankungen
beruht auf kleinsten Veränderungen in der Grundlagenforschung – Spikes im
EEG könnten zu schlafbezogenen Anfällen führen, kleinste
Durchblutungsstörungen im Hirnstamm verursachen Atmungsstörungen,
Imbalanzen der Neurotransmitter führen zu Insomnien und Hypersomnien.
In vielen Programminhalten wird der Bogen von der Grundlagenforschung zum
Krankheitsbild geschlagen. Wieso ist das wichtig?
Andrea Rodenbeck: Die Grundlagenforschung stellt das A und O für
Diagnostik und Therapie dar. Dabei verstehen wir heute unter
Grundlagenforschung natürlich ganz etwas anderes als zu Beginn der
Schlafforschung und Schlafmedizin. Während, mit Ausnahme des Traums, der
Schlaf über viele Jahrtausende als passiver Zustand verstanden wurde,
waren zum Beispiel die Entwicklung des EEGs, die Entdeckung des REM-
Schlafs oder das Zusammenspiel von zirkadianen und homöstatischen
Prozessen Meilensteine der Grundlagenforschung. Mittlerweile können wir
auf molekularbiologischer Ebene grundlegende Mechanismen darstellen.
Daraus ergeben sich neue diagnostische Möglichkeiten, aber auch die
Entwicklung neuer z.B. medikamentöser Therapieansätze.
Sylvia Kotterba: Gerade die Grundlagenforschung in Biologie,
Pathophysiologie, Elektrophysiologie hat zu Erkenntnissen geführt, die uns
Vorgänge im Schlaf und daraus entstehende Erkrankungen besser verstehen
und behandeln lassen. Wir möchten in den Vorträgen daher immer möglichst
den Bogen von der kleinsten Einheit (Molekül, Hormon, Transmitter, Zelle,
aber auch Graphoelement der Polysomnographie) bis zur Diagnostik und
Therapie einer schlafbezogenen Störung darstellen.
Welche Schwerpunkte aus dem Tagungsprogramm liegen Ihnen jeweils am Herzen
– und werden dazu neue Erkenntnisse auf dem Kongress diskutiert?
Andrea Rodenbeck: Mich freut es, dass wir gleich zwei Symposien zum Thema
Gender / geschlechtsbezogene Schlafmedizin haben, davon einmal ein Joint
Symposium mit der Europäischen Schlafgesellschaft. Es ist diesmal total
spannend, dass wir viele Themen haben werden, die bislang die typische
Schlafmedizin nicht erreicht haben – so gibt es mehrere Symposien zum
weiten Feld Ernährung und Schlaf, aber z.B. auch zu Hypnose als
Therapieform.
Sylvia Kotterba: Die Bedeutung des Orexins für Hypersomien und Insomnien
war lange bekannt. Jetzt gibt es Medikamente, die genau an der Ursache
ansetzen. Zum Kongress sind vielleicht noch nicht alle zugelassen, aber
können schon vorgestellt werden. Wir können also mehr als Symptome
behandeln. Die Kapazität in den Schlaflaboren nimmt ab. Gerade für
nächtliche Bewegungsstörungen sind Videos unersetzlich, die mit modernen
Smartphone-Kameras schon eine gute Qualität haben. Daher haben wir die
neue Form des Videosymposiums eingeführt. Ebenfalls spielen Telemedizin
und KI eine zunehmende Rolle, auch hier wird der aktuelle Stand
dargestellt. Neu ist weiterhin der Punkt Ethik in der Schlafmedizin und
die damit verbundene Fragestellung, ob die vorhandene Diagnostik und
Therapie für jede/n Patienten/in sinnvoll ist.
Was sind hot topics der Schlafforschung aktuell?
Andrea Rodenbeck: Wesentliche Punkte, die sich auch auf dem
Weltschlafkongress zeigten, sind sicherlich die KI mit der Möglichkeit big
data zu verarbeiten und mit daraus entwickelten Algorithmen die Auswertung
von Schlafdaten, und damit die Diagnostik und Therapie, zu verbessern.
Dazu gehört auch der der Umgang der Schlafmedizin mit sogenannten
wearables, also Dingen wie Smartwatches, Fitnesstracker usw. Ein weiterer
hot topic ist die zunehmende Kenntnis der grundlegenden Mechanismen, die
den Schlaf eng mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson und
Alzheimer verbinden.
Sylvia Kotterba: Hot topics sind die Erkenntnis der Bedeutung der Orexine
in der Hypersomnie und Insomnie, technische Lösungen (DIGA, KI) zur
Therapie in der Schlafmedizin. Wichtig ist es, Erkenntnisse der
Schlafphysiologie in die moderne Gesellschaft einzubringen (Stichwort
Schichtarbeit, Biorhythmus, genderspezifisches Schlafverhalten) und die
Nutzung der KI, auch zum Beispiel zur Unfallvermeidung wie beim
Sekundenschlaf am Steuer.
Nennen Sie bitte drei Punkte, die es bräuchte, damit sich die
Versorgungsrealität in der Schlafmedizin verbessern würde!
Andrea Rodenbeck: Schlafmedizin wird immer noch von sehr, sehr vielen als
reine Schlaflabormedizin zur Diagnostik und Therapie der schlafbezogenen
Atmungsstörungen wahrgenommen. Wenn es mehr Fortbildung schon für
HausärztInnen gäbe, und/oder SchlafmedizinerInnen relativ früh in den
diagnostischen Prozess eingebunden wären, könnten auch PatientInnen mit
anderen Schlafstörungen, die insgesamt ja die Mehrheit der schlafgestörten
Betroffenen stellen, viel früher einer adäquaten weiteren Diagnostik und
Therapie zugeleitet werden. Die Versorgungsrealität in Deutschland krankt
an dem differenzierten System aus ambulanter und stationärer Versorgung,
was viel Energie aller Beteiligten schluckt. Die Einbindung als Hybrid-DRG
könnte eine Lösung sein. Dazu gehört dann eine Qualitätskontrolle der
ausführenden Praxen, MVZs, Krankenhäuser usw., die bundesweit gleich sein
sollte, und auch den Namen Qualitätskontrolle verdient. Solange dies nicht
so ist, sollten bereits qualitätskontrollierte Einrichtungen finanziell
bessergestellt werden. Dies gilt z.B. für bereits vortherapierte
Betroffene, die dann mit entsprechend negativer Einstellung letztlich doch
in qualitätskontrollierten Zentren landen – und dort mit mehr Mühe und
Zeitaufwand therapiert werden.
Sylvia Kotterba: Schlafmedizin sollte schon im Studium einen Stellenwert
haben. Zudem wären eine bessere Vergütung der schlafmedizinischen
Leistung, größere Schlaflaborkapazitäten und entsprechende Zertifizierung
sowie Spezialisierung der einzelnen Labore auf spezifische
schlafmedizinische Erkrankungen wichtig. Optimalerweise sollten sie in
einem größeren Verbund vernetzt sein, um zu kooperieren und die Patienten
entsprechend zu leiten.
Verraten Sie uns noch Ihr jeweiliges Kongress-Highlight? Worauf freuen Sie
sich am meisten?
Andrea Rodenbeck: Mein Highlight ist klar das Hauptsymposium am Freitag.
Da ist es uns als Tagungsleiterinnen gelungen, Referenten zu gewinnen, die
bisher wenig Kontakt zur DGSM hatten, aber sehr spannende Forschung machen
und genau unsere Zielsetzung von der Grundlagenforschung zu Diagnostik und
Therapie darstellen. Es geht los mit den molekularbiologischen Grundlagen,
die nicht nur bei Würmern nachweisbar, sondern auch bei uns Menschen
gültig sind. Nachdem wir seit Jahren wissen, dass der Schlaf für die
Konsolidierung von Gelerntem das Tüpfelchen auf dem I ist, werden wir nun
noch lernen, warum bei diesen Prozessen die Atmung eine wichtige Rolle
spielt. Dass Schlaf eine wesentlich immunbiologische Funktion hat, wissen
wir, aber wie groß die Rolle von Schlaf, Müdigkeit und Fatigue schon lange
vor Covid-19 ist, dürfte den meisten von uns erst in diesem Symposium
deutlich werden.
Sylvia Kotterba: Da kann ich mich nur anschließen: das Highlight ist das
Hauptsymposium am Freitag, welches unser Tagungsmotto klar verkörpert.
