Mehr Selbstbestimmung für querschnittgelähmte Frauen
Etwa vier bis acht Mal am Tag benötigen querschnittgelähmte Menschen einen
neuen Katheter, damit sich ihre Blase entleeren kann. Aufgrund ihrer
Anatomie brauchen vor allem Frauen dabei meist externe Hilfe, was für die
Patientinnen nicht nur unangenehm sein kann, sondern auch das Risiko für
Harnwegsinfektionen erhöht – und damit langfristig für Blasenkrebs.
Forschende des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und
Automatisierung IPA möchten betroffenen Frauen nun den Alltag erleichtern.
Weltweit sind mehr als drei Millionen Frauen querschnittgelähmt, etwa
aufgrund von Unfällen oder als Folge von Multipler Sklerose. Ungefähr 100
Millionen Frauen leiden zudem an Harninkontinenz. Vor allem
Querschnittgelähmte benötigen daher einen Katheter, da sich die Blase ab
einem bestimmten Grad der Lähmung nicht mehr selbstständig entleeren kann.
Der Katheter wird durch die Harnröhre in die Blase eingeführt und leitet
den Urin aus dem Körper ab – ein überlebenswichtiger Prozess, ohne den
Betroffene nach weniger als drei Tagen sterben würden.
Mehr Privatsphäre für Patientinnen
Weil Dauerkatheter ein höheres Infektionsrisiko bergen, benötigen
querschnitt-
gelähmte Menschen täglich etwa vier bis acht Mal einen neuen Katheter.
Anders als bei Männern ist die Harnröhre bei Frauen im Körper verborgen.
Das erschwert den Patientinnen den selbstständigen Tausch, weshalb sie
häufig auf Unterstützung von Pflegepersonal angewiesen sind. Dies kann für
Betroffene nicht nur unangenehm sein, es erhöht auch das Risiko für
Harnwegsinfektionen – und damit langfristig auch die Wahrscheinlichkeit,
an Blasenkrebs zu erkranken.
Hier möchte Dr. Urs Schneider, Arzt und wissenschaftlicher Direktor für
Gesundheits- und Bioproduktionstechnik am Fraunhofer IPA in Stuttgart,
helfen. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen entwickelt er im Projekt 2LIP ein
Gerät, das querschnittgelähmten Frauen das selbstständige Katheterisieren
erleichtert: »Die Situation auf der Toilette ist für Betroffene oft sehr
belastend, es handelt sich um ein schambehaftetes Thema«, so Urs
Schneider. »Mit unserem Hilfsmittel möchten wir querschnittgelähmten
Patientinnen ihre Intimität zurückgeben.«
Dafür hat das Team eine Art Sitzschale entwickelt, die Patientinnen nutzen
können, ohne den Rollstuhl verlassen oder nach vorne rutschen zu müssen.
Zwei Schalen halten die Beine der Patientinnen leicht auseinander: Mussten
sie diese bisher um etwa 110 Grad spreizen, damit sie sich selbst einen
neuen Katheter einführen konnten, ist mit dem neuen Gerät nur noch eine
Spreizung von 20 Grad erforderlich. Mithilfe eines Hebels können die
Patientinnen anschließend selbstständig sanft und mit wenig Kraftaufwand
ihre Schamlippen öffnen; ein integrierter Spiegel und eine Lampe geben der
Patientin Einblick in ihren Intimbereich und erleichtern ihr damit das
selbstständige, hygienische Einführen des Katheters.
Auch Pflegekräfte profitieren von der Entwicklung: Das Gerät entlastet sie
psychologisch, körperlich sowie zeitlich und hilft, die Qualität der
Pflege zu verbessern. Erste Prototypen des Hilfsmittels zum
Katheterisieren gibt es bereits, das Feedback von Patientinnen, Pflegenden
und Versicherungen fällt nach ersten Tests überaus positiv aus. Aktuell
arbeiten die Forschenden an vier bis sechs unterschiedlichen geometrischen
Formen, damit sich das Gerät an möglichst viele Anatomien anpassen lässt.
Beflügelt vom Erfolg, plant das Team nun die Gründung eines Start-ups, um
das Hilfsmittel selbst herstellen zu können; eine umfassende
Erprobungsstudie steht an. Bereits in zwei bis drei Jahren könnte das
Gerät auf den Markt kommen – und so eine große Lücke im Bereich der
Frauengesundheit schließen.
