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Appell für eine Neujustierung der Entwicklungshilfe – Kinderblindheit in Afrika: Prävention allein reicht nicht

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Deutsche Entwicklungszusammenarbeit und internationale Gesundheitspolitik
haben in der Vergangenheit einen Schwerpunkt auf präventive Maßnahmen wie
Impfungen gelegt. Dabei ist die Behandlung von bereits eingetretenen
Erkrankungen, die sogenannte Kuration, in den Hintergrund getreten. In
einem Positionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften
Leopoldina plädieren nun namhafte Augenärzt*innen und
Wissenschaftler*innen aus dem Public-Health-Bereich dafür, Prävention und
Kuration stärker zu vernetzen.



Wie das gelingen kann, legen sie am Beispiel der Kinderblindheit in Afrika
und bestehender Partnerschaften zwischen deutschen und afrikanischen
Augenkliniken dar – ein Konzept, das die Deutsche Ophthalmologische
Gesellschaft e.V. (DOG) ausdrücklich unterstützt. „Internationale
Kooperation auch in der Augenheilkunde ist sehr wichtig und effizient“,
sagt DOG-Generalsekretär Professor Dr. med. Claus Cursiefen.

Die kurz als Leopoldina-Diskussionspapier bezeichnete Veröffentlichung
möchte Impulse für eine Neujustierung deutscher Entwicklungszusammenarbeit
und globaler Gesundheitspolitik geben, wie es bereits im Titel heißt.
„Gerade im Bereich der Ophthalmologie zeigt sich, dass Prävention und
Kuration als Glieder einer gemeinsamen medizinischen Versorgungskette
anzusehen sind“, sagt Leopoldina- und DOG-Mitglied Professor Dr. med.
Rudolf F. Guthoff, der bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für
Augenheilkunde an der Universität Rostock innehatte und das
Positionspapier mit verfasst hat, das am 4. November veröffentlicht worden
ist. So sei Sekundärprävention – etwa die Identifizierung von Kindern mit
Augenveränderungen – nur dann sinnvoll, wenn sich auch eine Behandlung
anschließe. Nicht alle Krankheitsbilder seien zudem präventabel, und viele
bereits eingetretene Erkrankungen ließen sich mit relativ geringem Aufwand
erfolgreich therapieren. „Das aus den 1980er Jahren stammende und weit
verbreitete Vorurteil, wonach Prävention für jede Erkrankung
(kosten-)effektiver sei als eine kurative Behandlung, lässt sich daher
nicht aufrechterhalten“, betont Guthoff.

Grauer Star ist die häufigste Erblindungsursache in Afrika
Wie wichtig ein Neben- und Miteinander von Prävention und Kuration ist,
illustriert das Leopoldina-Papier am Beispiel der Kinderblindheit in
Afrika. Als großer Erfolg der Prävention muss die nahezu vollständige
Elimination der Hornhautblindheit gelten, die hauptsächlich auf die
Versorgung mit Vitamin A und konsequente Masernimpfungen zurückzuführen
ist. „Für die derzeit häufigste Erblindungsursache auf dem Kontinent, den
grauen Star, gibt es jedoch keine Prophylaxe. Er lässt sich nur
chirurgisch behandeln“, sagt Guthoff, der bereits seit 25 Jahren mit einer
Augenklinik in Kinshasa eng zusammenarbeitet und dort sowie in Rostock
kongolesische Ärztinnen und Ärzte ausbildet. Jedes Jahr kommen weltweit
20.000 bis 40.000 Kinder mit angeborenem grauen Star, einer Katarakt, zur
Welt. Unbehandelt entwickelt sich ihr Sehsystem nicht richtig und sie
erblinden irreversibel.

Mehr als die Hälfte der operierten Kinder schafft die Regelschule
Die heute als Routineeingriff geltende Katarakt-Operation, bei der die
trübe Linse entfernt und durch ein Kunstlinse ersetzt wird, kann Leben
verändern und Leben retten, wie Daten aus Kinshasa eindrucksvoll belegen.
So konnte mehr als die Hälfte der dort operierten Kinder anschließend eine
Regelschule besuchen, die übrigen konnten in einer Sonderschule für Kinder
mit Sehschwäche beschult und damit ebenfalls auf ein produktives
Erwachsenenleben vorbereitet werden. „Bereits eine rein ökonomische
Betrachtung zeigt daher, dass die Intervention auf lange Sicht immer
kostensparend ist“, betont Guthoff. Moralisch sei es ohnehin geboten, den
vergleichsweise kleinen Eingriff vorzunehmen und den betroffenen Kindern
eine neue Lebensperspektive zu eröffnen.

Grauer-Star-Operation verlängert die Lebenserwartung
Nicht zuletzt wirkt die Operation sich auch auf die Lebenserwartung aus:
In Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen sterben bis zu 60
Prozent der Kinder im ersten Jahr nach der Erblindung; für das Projekt in
Kinshasa gehen Schätzungen davon aus, dass durch die Katarakt-Operation
die Lebenserwartung von zuvor 45 Jahren auf die für Augengesunde geltenden
63 Jahre ansteigt. „Hier zahlt sich jeder in die Kuration investierte Euro
vielfach aus“, so DOG-Experte Guthoff, der mit seinen Mitautorinnen und
Mitautoren die Bundesregierung dazu aufruft, bei der Fortschreibung der
Strategie zur globalen Gesundheit auf eine ausgewogenere Balance zwischen
Prävention und Kuration zu achten und gezielt kurative Strukturen zu
stärken.

Klinikpartnerschaften sind sehr effizient
Wie Gelder der Entwicklungshilfe effizient eingesetzt werden können,
zeigen die im Diskussionspapier vorgestellten ophthalmologischen
Partnerschaften zwischen Rostock und Kinshasa und zwischen der Augenklinik
Tübingen und der Kamuzu University in Blantyre, Malawi, die ebenfalls
bereits seit 20 Jahren besteht. „Durch solche institutionalisierten
Partnerschaften wird die örtliche Versorgung beispielsweise durch
augenärztliche Weiterbildung gestärkt und darauf hingearbeitet, dass die
Einrichtungen letztlich ohne externe Finanzierung betrieben werden
können“, erläutert Guthoff. Die bisherigen Erfahrungen zeigten, dass diese
Entwicklungszusammenarbeit eine Verankerung mit örtlichen Strukturen
bedürfe, um nachhaltig wirken zu können. „Dafür wäre es sehr hilfreich,
wenn das deutsche Entwicklungshilfeministerium solchen Kurationsprojekten
direkt Gelder zuschreibt“, so der DOG-Experte.

Forderung: Abbau von Bürokratie, Aufbau kurativer Strukturen
Bislang werden solche Partnerschaften hauptsächlich aus privaten Spenden
und Stiftungsgeldern finanziert. Auch hier wünschen sich die Autorinnen
und Autoren mehr politisches Engagement, sowohl in finanzieller Hinsicht
als auch beim Abbau bürokratischer Hürden. „So können auf effiziente Weise
kurative Strukturen etabliert und mit präventiven Ansätzen vor Ort
verzahnt werden – ein Modell, das medizinisch notwendig, sozial geboten
und ökonomisch tragfähig ist“, resümiert Guthoff.

Quelle:

https://www.leopoldina.org/fileadmin/redaktion/Publikationen/Diskussionen/2025_Leopoldina_Diskussionspapier_Kinderblindheit.pdf