DGBfb im Gespräch: Deepfake-Videos und ihre psychophysiologischen Wirkungen
Am 10. Dezember lädt die Deutsche Gesellschaft für Biofeedback erneut zu
ihrer Online-Veranstaltungsreihe “DGBfb im Gespräch”. Nachdem in der
letzten Ausgabe die Möglichkeiten von Biofeedback in der Therapie von Long
COVID beleuchtet wurden, wird es wieder um ein sehr aktuelles Thema gehen:
Gemeinsam mit seinen Gästen Tania Lalgi und Dr. Alexander Diel von der
LVR-Universitätsklinik Essen wird DGBfb-Präsident Dr. Axel Kowalski über
Deepfake-Videos und ihre psychophysiologischen Wirkungen sprechen. Die
etwa anderthalbstündige Veranstaltung beginnt um 19 Uhr, die Teilnahme ist
kostenlos.
Deepfake-Videos sind mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) erzeugte
oder manipulierte auditive und/oder visuelle Inhalte, typischerweise von
Personen. Sie werden mit der Intention generiert, als real wahrgenommen zu
werden und sind oft nur schwer von Originalaufnahmen zu unterscheiden. Sie
nutzen neuronale Netzwerke, Generative Adversarial Networks (GANs) oder
verwandte Verfahren, um Gesichter, Mimik, Stimmen oder Bewegungen von
Protagonisten zu verändern bzw. zu synthetisieren. In der psychologischen
Wahrnehmung erzeugen Deepfakes große kognitive Herausforderungen, da das
Gehirn bei der Verarbeitung von Gesichtern und Emotionen fein abgestimmte
Muster nutzt, die durch subtile Unstimmigkeiten gestört werden können.
Experimentelle Studien zeigen, dass Menschen manipulierte Inhalte oft nur
mit geringer Genauigkeit erkennen, insbesondere wenn keine Warnhinweise
vorhanden sind. Solche Warnhinweise – beispielsweise Labels mit Hinweisen
auf mögliche Manipulation – helfen zwar, die Detektionsrate zu verbessern,
können aber unerwünschte Nebeneffekte haben, etwa dass Zuschauer
skeptischer gegenüber dem Realitätsgehalt von Videoinhalten werden oder
allgemein weniger Vertrauen in Medien haben. Deepfake-Videos, die
emotionale Ausdrücke imitieren, aktivieren ähnliche affektive Reaktionen
wie echte emotionale Stimuli. In beiden Fällen lassen Messungen von
Herzrate, Hautleitfähigkeit oder Hirnsignalen erhöhte Erregung erkennen.
Ein besonders interessantes Phänomen ist, dass Deepfake-Videos oft die
natürlichen Puls- oder Blutflussmuster der Haut verfälschen – einige
Erkennungsalgorithmen nutzen genau diese Abweichungen, etwa durch Analyse
von optischem PPG (Photoplethysmographie). Deepfakes fordern zusätzlich
die kognitiven Ressourcen der Zuschauer, denn bei der Verarbeitung
unklarer oder inkonsistenter visueller Information steigt die mentale
Belastung, unter anderem messbar über Pupillenweite, EDA oder kognitive
Kontrollprozesse. In bildgebenden Studien (z. B. fMRI oder fNIRS) zeigen
sich veränderte Aktivierungen in Regionen der Gesichtsverarbeitung,
Objektidentifikation und semantischen Bewertung bei Deepfakes im Vergleich
zu echten Videos. Es gibt Hinweise darauf, dass ein kortiko-striataler
Netzwerkpfad beteiligt ist, der zwischen Real- und Fälschungsreizen
unterscheidet. Aus Sicht der Medienpsychologie bergen Deepfakes
gesellschaftliche Risiken: so zum Beispiel ein erhöhtes Misstrauen und
Polarisierung der Bevölkerung, Delegitimierung von Beweismitteln und auch
rechtliche Konflikte. Für Aufklärung und Medienkompetenz ist es daher
wichtig, nicht nur technische Detektionsstrategien zu vermitteln, sondern
auch psychophysiologische Effekte (z. B. Stress, Irritation) anzusprechen
und zu kommunizieren. Da Deepfakes genutzt werden können, um Individuen
gezielt zu diffamieren, ist die psychophysiologische Reaktion von Opfern
derartigen Deepfake-Missbrauchs ein Indikator für das Ausmaß an Belastung.
Bio- und Neurofeedback können helfen, die psychophysiologischen Reaktionen
auf Deepfake-Videos sicht- und messbar zu machen. Während Deepfakes auf
kognitiver Ebene Täuschung erzeugen, spiegeln sich ihre Wirkungen (v.a.
bei Deepfakes der eigenen Person) auch im Körper wider, etwa in Form von
erhöhter Herzfrequenz, veränderter Hautleitfähigkeit oder unbewusster
muskulärer Anspannung.
Mit Biofeedback lassen sich diese Reaktionen objektiv erfassen und
trainieren, sodass Menschen lernen können, ihre physiologische Erregung
oder Stressreaktion bewusster wahrzunehmen und zu regulieren. Das schafft
ein tieferes Verständnis für die unbewussten Prozesse, die manipulierte
Medien auslösen, und kann zur Stärkung von Medienkompetenz, emotionaler
Selbstregulation und kritischer Wahrnehmung beitragen.
Neurofeedback bzw. die Aufzeichnung der EEG-Daten könnte Einblicke in die
neuronalen Korrelate der Verarbeitung von Deepfakes ergeben – wie das
Gehirn auf unechte, aber glaubhafte Stimuli reagiert. So können diese
Verfahren helfen, die Mechanismen von Vertrauen, Täuschung und emotionaler
Resonanz besser zu verstehen.
Im Rahmen der Gesprächsrunde werden Tania Lalgi und Dr. Alexander Diel von
der LVR-Universitätsklinik Essen verdeutlichen, wie Biofeedback-Messungen
als erkenntnisorientiertes Instrument eingesetzt werden können, um das
Zusammenspiel von Wahrnehmung, Emotion und Körperreaktion in einer
zunehmend digital manipulierten Welt besser zu verstehen. Die online
zugeschalteten Zuschauer:innen haben die Gelegenheit, Fragen zu stellen
und sich an dem Gespräch zu beteiligen. Interessierte werden gebeten, sich
formlos per E-Mail unter
erhalten alle angemeldeten Teilnehmer:innen einen Zoom-Link für die
Veranstaltung.
DGBfb im Gespräch: Deepfake-Videos und ihre psychophysiologischen
Wirkungen
am 10.12.2025, 19:00 Uhr, online
Gäste: Tania Lalgi, Dr. Alexander Diel (LVR-Universitätsklinik Essen)
Moderation: Dr. Axel Kowalski (DGBfb e.V.)
Über die Reihe “DGBfb im Gespräch”
Im Online-Format „DGBfb im Gespräch“ werden Themen vorgestellt, die über
den Tellerrand der Biofeedback-Welt hinausblicken. Zum einen werden hier
neue Verfahren des Bio- und Neurofeedback erörtert, zum anderen werden
psychophysiologische Schnittstellen zu aktuellen relevanten Phänomenen
diskutiert.
Über Bio- und Neurofeedback
Bio- und Neurofeedback sind innovative, auf grundlegender und empirischer
Wissenschaft beruhende Therapiemethoden. Mittels Messung und visueller
oder akustischer Rückmeldung werden Vorgänge innerhalb des Körpers
(Biofeedback) bzw. des Gehirns (Neurofeedback) in Echtzeit sichtbar
gemacht, so dass Patient*innen lernen können, ebendiese Vorgänge aktiv zu
steuern. Die Wirksamkeit der Methoden ist mittlerweile in vielfältigen
Einsatzgebieten belegt, etwa in der Behandlung von Schmerzsyndromen,
Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, psychischen und psychosomatischen
Beschwerden oder ADHS; die Methoden werden zudem erfolgreich in Bereichen
wie Coaching oder Peak-Performance-Training angewendet.
Über die DGBfb
Die Deutsche Gesellschaft für Biofeedback (DGBfb e.V.) ist die einzige
unabhängige Fachgesellschaft für die Methode des Bio- und Neurofeedbacks
in Deutschland. Sie versteht sich als gemeinnütziger, wissenschaftlich
orientierter und multiprofessioneller Mittler zwischen universitärer
Forschung und therapeutischer Praxis in einem stark an Bedeutung
gewinnenden Fachgebiet. Derzeit sind etwa 600 Mitglieder in der
Gesellschaft organisiert, insbesondere aus den Bereichen Psychologie,
Psychotherapie, Medizin und weiteren Gesundheitsberufen.
