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Herzkreislauf-Erkrankungen bleiben Deutschlands größte medizinische Herausforderung

Zusammenfassung der Vorträge im Rahmen der Pressekonferenzen zur 90.
Jahrestagung der DGK. Die vollständigen Pressestatements sowie die
Aufzeichnung der Konferenz unter den Links am Ende der Mitteilung.

Düsseldorf/Mannheim, 8. April 2024 – Die 90. Jahrestagung der Deutschen
Gesellschaft für Kardiologie lockte mehr 7.800 Besucherinnen und Besucher
ins Congress Center Rosengarten in Mannheim. An den vier Kongresstagen vom
3. bis 6. April fanden insgesamt 339 wissenschaftliche, teils
internationale Sitzungen statt. Im Rahmen von zwei Pressekonferenzen
gingen namhafte Referentinnen und Referenten auf die aktuellen Themen in
der Kardiologie ein.

Am Mittwoch startete der Kongress mit der Eröffnungs-Pressekonferenz.
Tagungspräsident Prof. Christoph Maack referierte zum Thema
„Schnittstellen der kardiovaskulären Medizin“. Viele Forschungsbereiche
der kardiovaskulären Medizinbeschäftigen sich aktuell mit der
„Kommunikation“ zwischen Herz und anderen Organen, da Herzerkrankungen mit
zahlrechen Gesundheitsstörungen anderer Organe zusammen auftreten. Aber
auch Umweltenflüsse, wie klimatische Veränderungen haben einen starken
Einfluss auf die Herzgesundheit, weswegen zukünftig noch stärker die
Schnittstelle „Mensch und Umwelt“ auch in der Kardiologie verankert werden
müsse.

Zu den aktuellen Projekten und Entwicklungen der Nationalen Herz-Allianz
informierte Past-Präsident Prof. Stephan Baldus. Er mahnte an, dass
Deutschland im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern ein
gesteigertes Risikopotenzial für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweise. Das
liege vor allem an einer schlechten Prävention und Früherkennung, weswegen
die NHA derzeit verschiedene Projekte anstößt, um Verbesserungen in diesen
Bereichen zu erzielen.

Über die Prävention bei Fettstoffwechselerkrankungen sprach Prof. Ulf
Landmesser in seinem Vortrag „Prävention und Lipide von VRONI bis Lipid
Snapshot“. Diese sei eine der Hauptursachen für Verkalkungen und
Verengungen der Herzkranzgefäße, was zur Ausbildung einer koronaren
Herzerkrankung (KHK) führt. Mit VRONI zur Früherkennung der familiären
Hypercholesterinämie und der Lipid Snapshot-Studie zur Zielwerterreichung
bei Hyperlipidämie laufen hierzu aktuell zwei Projekte. Diese sollen mehr
Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema lenken und die
Patientenversorgung verbessern.

Um die koronare Herzerkrankung ging es auch im Vortrag des amtierenden
DGK-Präsidenten Prof. Holger Thiele. In seinem Vortrag zum Thema „Moderne
Diagnostik der chronischen KHK“ machte er auf die Wichtigkeit einer
präzisen und interdisziplinären Befundung von Schnittbildverfahren
aufmerksam, um sowohl schwere Erkrankungen zweifelsfrei zu erkennen als
auch eine Überdiagnostik und nicht-indizierte Behandlungen zu vermeiden.

Die Fachpressekonferenz am Donnerstag mit dem Titel „Besonderes
Studienjahr 2023 – Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick“ eröffnete
Prof. Nikolaus Marx. Er referierte in seinem Vortrag über die „Bedeutung
von GLP-1-Rezeptor-Agonisten bei SELECT und STEP-HF“. Insbesondere die
Rolle von Semaglutid in der Therapie von HFpEF-Patientinnen und -Patienten
mit Adipositas stand hierbei im Fokus.

Nach den Erkenntnissen aus ORBITA-2 und anderen Studien ist die „PTCA nun
doch wirksam“. Die Diskussion hierüber vertiefte Frau Prof. Tanja Rudolph.
In ihrem Vortrag erklärte sie, wann bei einer Angina Pectoris eine
medikamentöse Therapie oder eine PTCA angezeigt sei, und was dies für
behandelnde Ärztinnen und Ärzte bedeuten könne.
Zu Risiken und Nebenwirkungen, aber auch zu Chancen bei neuen
Antikoagulanzien wie DOAKs und Faktor-XIa-Inhibitoren referierte Prof.
Thorsten Lewalter. Er stellte die wichtigsten Erkenntnisse aus AZALEA und
weiteren Studien vor.

Renale Denervation als neu zugelassene Therapie-Option bei Bluthochdruck
war das Thema des Vortrags von Prof. Felix Mahfoud mit dem Titel
„Interventionelle Hochdrucktherapie: Empfehlungen nach Studien und
erfolgter Zulassung“. Das minimalinvasive Verfahren wurde kürzlich von der
FDA als Therapie zugelassen. Sie wird auch in Europa durch neue Leitlinien
empfohlen und wohl etablierte Praxis bei schwer kontrollierbarer
Hypertonie werden können. Zudem werde es aktuell auch für andere
Indikationen wie Arrhythmien und Herzinsuffizienz geprüft.

Die vollständigen Pressestatements der Referentinnen und Referenten zu
ihren Vorträgen stehen unter https://herzmedizin.de/meta/presse/dgk-
jahrestagung-2024.html
zur Ansicht und zum Download zur Verfügung. Die
Videoaufzeichnungen der Pressekonferenzen können außerdem auf https://dgk
.meta-dcr.com/jt2024/library/events angesehen werden.

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Parlamentarischer Abend: Fachvertretende erläutern drängende Themen zur Frauengesundheit

Unter dem Motto „Gemeinsam stark für die Frauengesundheit -
Zukunftssichere
flächendeckende Strukturen für Geburtshilfe, Gynäkologie und
Endokrinologie“ nutzten
Fachvertretende aus der Frauenheilkunde den Parlamentarischen Abend 2024
in Berlin, um
Gästen aus der Politik drängende Probleme und innovative Konzepte zur
Versorgung von
Patientinnen und ihren Kindern in Deutschland zu präsentieren und
gemeinsam Lösungen zu
diskutieren.

Berlin, im März 2024 – Auf dem ersten Parlamentarischen Abend nach der
Pandemie kamen Fachvertretende der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie
und Geburtshilfe e.V. (DGGG) mit Gästen aus der Politik in Berlin zum
fachlichen Austausch zusammen. Im Zentrum der Debatte stand die aktuelle
Krankenhausreform und die damit verbundenen Bestrebungen für eine
Teilambulantisierung von klinisch erbrachten Leistungen und die Einführung
von HybridDRGs sowie die Neustrukturierung der klinischen Geburtshilfe in
Deutschland.

„Der Dialog mit der Politik ist für uns elementar wichtig, um
gesetzgeberische Initiativen im Sinne unserer Patientinnen mit der
Versorgungswirklichkeit abzugleichen und unsere Fachempfehlungen bereits
im Vorfeld einzubringen. Auch mit Blick auf die aktuellen
Herausforderungen im Gesundheitswesen freuen wir uns auf weiterführende
Hintergrundgespräche.“
- Prof. Barbara Schmalfeldt, DGGG-Präsidentin

Keine ausreichenden Strukturen für eine Ausweitung ambulanter Operationen
in Deutschland vorhanden

Die Fachvertretenden warnten die Gäste aus der Politik am Beispiel der
gynäkologischen Onkologie vor negativen Auswirkungen der Ambulantisierung,
die derzeit umgesetzt wird, ohne vorher die dafür nötigen Strukturen
geschaffen zu haben. Dazu gehören u.a. die präoperative Aufklärung
(Edukation der Patienten und ihres Umfeldes) und die postoperative
Betreuung am Wohnort durch Fachpersonal. Des Weiteren müssen die gesamten
komplexen Behandlungsfelder abgebildet werden, die bisher stationär
erfolgen. Bei onkologischen Erkrankungen beispielsweise schließt dies eine
qualifizierte psychoonkologische und psychosoziale Versorgung ein, die im
ambulanten Bereich derzeit nicht existiert. Ebenso muss eine zuverlässige,
sektorenübergreifende Qualitätssicherung etabliert werden. Zudem
befürchten die Fachvertretenden ein „Rosinenpicken“. Komplikationsarme
Operationen
könnten in den ambulanten Bereich verlagert werden, wobei komplexe
Operationen in der
Klinik verbleiben. Die Folge sei unter anderem eine Unterfinanzierung
durch eine verzerrte
Mischkalkulation von ambulanten Erlösen und Hybrid-DRGs. Des Weiteren ist
ein Verlust an Qualifikation und qualifiziertem Personal in den Kliniken
zu befürchten und eine Verknappung der ärztlichen Aus- und Weiterbildung,
die überwiegend im stationären Bereich erfolgt. Die Entscheidung über
ambulante oder stationäre Leistungserbringung soll mit Blick auf die
Patientinnensicherheit grundsätzlich durch die behandelnden Ärztinnen und
Ärzte erfolgen. So lautet eine fachliche Kernempfehlung. Notwendig seien
zudem Netzwerke und geregelte, barrierefreie Versorgungswege im Fall von
Komplikationen. Bis zu 6% der ambulanten Operationen in der Gynäkologie
werden aufgrund von unerwünschten Ereignissen in ein stationäres Setting
übergeleitet. Krankenhäuser sind hierfür ausgerüstet und müssen in diese
Netzwerke zwingend eingebunden sein.

„Ambulantisierung ist möglich und sinnvoll, wenn zuerst die nötigen
Strukturen geschaffen werden. Die aber existieren in Deutschland erst
rudimentär.“
- Prof. Anton J. Scharl, DGGG-Vizepräsident

Zentrenmodell als Antwort auf ungeordnete Kreißsaalschließungen

Mit Blick auf zukunftssichere Strukturen in der klinischen Geburtshilfe
stellten die Fachvertretenden der DGGG e.V. ein Zentrenmodell vor, das im
Rahmen regionaler Versorgungspläne angewendet werden kann. Das zugrunde
liegende Positionspapier (1) ist ein fachlich fundiertes Angebot, um
ungeordnete Kreißsaalschließungen zu verhindern. Das Modell ermöglicht
bundesweit eine selbstbestimmte individuelle Geburtshilfe bei maximaler
Sicherheit. Es schafft attraktive Arbeitsplätze für alle beteiligten
Berufsgruppen und vernetzt die Niedrig- und Hochrisikogeburtshilfe und
Betreuung von Schwangeren. Innerhalb der Zentren kann, so die DGGG-
Empfehlung, exzellente Geburtshilfe angeboten werden. Das reiche dann
unter einem Dach von primär hebammengeleiteter (low-risk) Geburtshilfe bis
zu primär ärztlich geleiteter (high-risk) Geburtshilfe. Mit Blick auf die
Sicherheit von Mutter und Kind sollte hebammengeleitete Geburtshilfe
ausschließlich mit direktem Übergang in eine perinatologische Versorgung
angeboten werden, lautete eine nachdrückliche Fachempfehlung. Nur in
diesem Setting können Notfälle gemanagt werden.

„Die Neustrukturierung der geburtshilflichen Versorgung ist dringend
erforderlich. Eine Zentralisierung mit Satellitenkliniken und
Versorgungszentren stellt einen adäquaten Lösungsansatz dar, um die
Sicherheit von Gebärenden und ihren Kindern bundesweit flächendeckend zu
gewährleisten.“
- Prof. Angela Köninger, DGGG-Vorstandsmitglied

Fertilitätserhalt vor einer Krebsbehandlung wird nicht für alle Menschen
erstattet

Hinsichtlich der Sicherstellung der Fertilität nach Therapie eines
Karzinoms, einer Stammzelltherapie oder Entfernung der Eierstöcke bzw.
Hoden machten die Fachvertretenden auf Defizite in der Kostenerstattung
aufmerksam. Für Patientinnen mit Hormonrezeptor positivem Brustkrebs, der
etwa 40% aller Fälle ausmacht, gebe es aktuell keine Erstattung durch die
Krankenkassen. Ebenfalls ausgeschlossen seien Kinder vor Einsetzen der
Pubertät und Patientinnen, die an Universitätskliniken behandelt werden.
Diese Lücke gelte es zeitnah zu schließen.

Ärztliche Aus- und Weiterbildung gefährdet

Die ärztliche Aus- und Weiterbildung ist die Voraussetzung für ein
nachhaltiges Gesundheitssystem. Aus- und Weiterbildung und entsprechende
Qualifizierung findet im operativen Bereich fast ausschließlich in den
Kliniken statt. Ein Mangel an Fachärzten und Spezialisten bedroht bereits
heute die medizinische Versorgung. Beispielsweise ist zu befürchten, dass
bereits in wenigen Jahren die Zahl hochqualifizierter Operateure nicht
mehr ausreicht, um die minimale Ausstattung zertifizierter onkologischer
Zentrumsstrukturen zu erfüllen. Das Problem ist, dass ärztliche Aus- und
Weiterbildung bei der Reformierung der Krankenhausstrukturen nicht
mitgedacht wird. Sie ist seit Jahren nicht finanziell abgebildet. Aus- und
Weiterbildung ist „kein Produkt der ärztlichen Tätigkeit“, sondern
bedeutet zeitlichen und finanziellen Aufwand. Dieser ist in der
Erlössystematik der Kliniken nicht ausreichend berücksichtigt. Auch bei
den derzeitigen Planungen der Krankenhaustrukturreform gehört sie nicht zu
den prioritär zu erfüllenden Bedarfen, sondern wird allenfalls im
Nebensatz als „auch noch relevant“ erwähnt. Aus Sicht der Fachvertretenden
der Frauenheilkunde muss die Nachwuchsgewinnung und die Aus- und
Weiterbildung aber bei jeder Reform des Gesundheitswesens primär
mitgedacht werden.

Endokrinologische Weiterbildung findet in Deutschland nur noch marginal
statt

Notwendig sei zudem die zeitnahe Schaffung neuer Lehrstühle und
Sektionsstrukturen an
Universitätsfrauenkliniken. Letzteres, weil die endokrinologische
Weiterbildung während der Facharztweiterbildung nur rudimentär
stattfindet. Die Arbeitsgemeinschaft Universitärer
Reproduktionsmedizinischer Zentren (AG URZ) fordert in ihrer von der DGGG
e.V. mitgetragenen Stellungnahme „Situationsbeschreibung, zukünftige
Herausforderungen und Vorschläge zur Stärkung der universitären
Gynäkologischen Endokrinologie und Reproduktionsmedizin – das Marburger
Manifest“2 einen Schulterschluss von Politik und Wissenschaft, um die
Schaffung neuer Lehrstühle und Sektionsstrukturen zur Aufhebung des
akademischen Defizits in der medizinischen Ausbildung zu Gynäkologischer
Endokrinologie und Reproduktionsmedizin zu beheben.

Literatur

1 https://www.dggg.de/stellungnahmen/fachempfehlung-modelle-zu-
versorgungsstrukturen-in-der-klinischen-geburtshilfe-in-deutschland

2 https://www.dggg.de/stellungnahmen/stellungnahme-marburger-manifest

Originalpublikation:
https://www.dggg.de/presse/pressemitteilungen-und-nachrichten
/fachvertretende-erlaeutern-draengende-themen-zur-frauengesundheit

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Welt-Parkinson-Tag am 11. April: Warum Schlaf vor Parkinson schützt – und welche neuen Therapien Betroffenen helfen

Die Parkinson-Forschung ist hochdynamisch und hat in den letzten Monaten
zu neuen Erkenntnissen geführt: Schlaf ist ein wichtiger Faktor für die
Parkinson-Prävention. Warum das so ist, zeigte eine Arbeit in der
renommierten Fachzeitschrift „Nature“. Auch zur Therapie gibt es Neues:
Eine Pumpentherapie wird die Versorgung von Parkinson-Kranken deutlich
verbessern. Zwar kann auch sie die Erkrankung nicht heilen, stellt aber
dennoch einen Durchbruch dar, weil sie Betroffenen mehr qualitative
Lebenszeit schenkt. Versagt die medikamentöse Therapie, kommt häufig die
sog. Tiefe Hirnstimulation zum Einsatz, auch mit guten Langzeiteffekten,
wie eine aktuelle Studie zeigt.

Schlaf ist aktive Parkinson-Prävention: Bei der Entstehung
neurodegenerativer Erkrankungen spielt die Ablagerung molekular
fehlgefalteter  Proteine eine Rolle (z. B. α-Synuclein bei M. Parkinson).
Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das erst vor ca. 10 Jahren
nachgewiesene gliale lymphatische System, ein  „Entsorgungssystem“ für
zelluläre Abfallprodukte. Über das glymphatische System werden
Metaboliten/Zellabfälle (meist lösliche Proteine) aus dem Gehirn
„gespült“. Bei verschiedenen neurodegenerativen Erkrankungen wird ein
Nachlassen dieser Reinigungsfunktion, die praktisch nur nachts während des
Non-REM-Schlafs aktiv ist, diskutiert. Wie genau diese Selbstreinigung
funktioniert, ist noch Gegenstand der Forschung; eine nun in „Nature“
publizierte Arbeit [1] konnte aber wichtige Fragen klären. Es wurde
gezeigt, dass neuronale Netze einzelne Aktionspotentiale (das sind
elektrische Signale) synchronisieren und bündeln, wodurch rhythmische,
sich selbst verstärkende hochenergetische Ionenwellen entstehen, die den
„reinigenden“ glymphatischen Fluss in Gang bringen. Die experimentelle
Störung dieser Wellen verhinderte im Experiment weitgehend die Reinigung
des Gehirnparenchyms. Umgekehrt konnte durch transkranielle Stimulation
(mit Optogenetik) die Wellenbewegung und der Fluss interstitieller
Flüssigkeit verstärkt werden. Aus den Ergebnissen könnten sich künftig
neue prophylaktische und therapeutische Ansatzpunkte ergeben. „Schlaf ist
ein wichtiger, aber oftmals unterschätzter Faktor, um Gehirn und Nerven
gesund zu halten. Durchschnittlich werden 7–8 Stunden Schlaf empfohlen –
und dieses Präventionspotenzial sollten wir nutzen“, erklärt Prof. Dr.
Peter Berlit.

Auch zur Therapie gibt es Neuigkeiten: Bei der medikamentösen Behandlung
des M. Parkinson mit Levodopa kommt es (nach ca. 5–8 Jahren) häufig zu
starken motorischen Fluktuationen, d. h. zu starken tageszeitlichen
Schwankungen zwischen Phasen guter Mobilität und Steifheit („On-
Off“-Phasen). Erklärt wird dies durch ein zunehmendes „end of
dose“-Phänomen: Die Wirkung des Medikaments lässt nach, Dopamin kann nicht
mehr ausreichend „gespeichert“ werden und irgendwann kann die Dosierung
nicht weiter erhöht werden, ohne dass es zu überschießenden Dopamin-
Konzentrationen kommt. Denn genauso schlimm wie die Steifheit in Folge von
zu wenig L-Dopa sind die unangenehmen Nebenwirkungen (z. B. störende
Dyskinesien) bei zu hohen Dosen. In dieser Situation kann eine
Pumpentherapie helfen. Sie führt zu konstanten Wirkspiegeln über den Tag
und damit verbesserter Lebensqualität durch weniger „Off“-Zeit.

Das wirksamste Parkinson-Medikament L-Dopa konnte für eine kontinuierliche
Gabe bislang nur über eine Sonde durch die Bauchdecke in den Magen gegeben
werden. Jetzt gibt es in Deutschland eine neue Option: Eine
multizentrische internationale Phase-3-Studie [2] untersuchte
randomisiert, doppelblind und kontrolliert die Wirksamkeit der
kontinuierlichen subkutanen Gabe (n=128) von Levodopa-Carbidopa (ND0612)
im Vergleich zur oralen Gabe (n=131) bei Parkinson-Betroffenen mit
motorischen Fluktuationen (mittlere „On“-Zeit 9,4 h/Tag und Off-Phasen
≥2,5 h/Tag). Die Therapieeinstellung wurde durch die Pumpe mit subkutanem
L-Dopa signifikant verbessert; es konnte gegenüber der oralen Behandlung
eine zusätzliche tägliche „On“-Zeit von 1,72 Stunden (p<0,0001) gewonnen
werden. Die Off-Phasen wurden vermindert (-1,40 h/Tag) und auch weitere
sekundäre Endpunkte (klinische Scores, z. B. MDS-UPDRS-II) verbesserten
sich – bei insgesamt günstigem Nebenwirkungsprofil. Eine nun folgende
Open-Label-Verlängerungsphase soll Daten zur langfristigen Wirksamkeit und
Sicherheit der subkutanen Gabe liefern.

Bei Versagen der medikamentösen Therapie ist die Tiefe Hirnstimulation ein
etabliertes invasives Behandlungsverfahren. Dafür erfolgt die Implantation
von Elektroden in bestimmte Gehirnareale. Von einem individuell
programmierten Impulsgenerator werden wie bei einem Herzschrittmacher
elektrische Stimuli abgegeben, was in Kombination mit Medikamenten die
Parkinson-Symptomatik sowie Lebensqualität deutlich verbessert. Eine
aktuelle, prospektive Studie an drei europäischen Zentren [3] zeigt
erstmals Langzeitergebnisse über mehr als drei Jahre. Sie verglich die
Tiefe Hirnstimulation plus Standardmedikation mit der alleinigen
Standardtherapie. Nach fünf Jahren hatte sich die Lebensqualität gemessen
am Parkinson-Fragebogen (PDQ-8) und die Aktivitäten des täglichen Lebens
(ADL) in der Vergleichsgruppe signifikant verschlechtert (PDQ-8: -10,9;
p=0,01 und ADL: -2,0; p=0,002), während sie in der Gruppe, die die Tiefe
Hirnstimulation erhalten hatte, stabil blieben (PDQ-8: -4,3; p=0,34 und
ADL: -0,8; p=0,38). Diese Unterschiede ergaben sich hauptsächlich durch
die bessere Wirkung der Tiefen Hirnstimulation auf die Mobilität. Die mit
der Tiefen Hirnstimulation Behandelten hatten außerdem weniger motorische
Komplikationen und einen geringeren täglichen Levodopa-Äquivalenzdosis-
Bedarf.

„Noch können wir die Parkinson-Erkrankung nicht heilen, aber die Forschung
trägt zusehends dazu bei, dass die Symptome der Erkrankung über eine lange
Zeit zurückgedrängt werden können“, so Prof. Dr. med. Lars Timmermann,
Mitautor der aktuellen Studie zur Tiefen Hirnstimulation [3] und Präsident
der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. „Am Welt-Parkinson-Tag liegt
uns aber vor allem die Prävention am Herzen. Die Deutsche Hirnstiftung ist
hier ein wichtiger Partner der DGN. Hier finden Betroffene und
Interessierte umfassende Informationen zu einem gesundheitsbewussten
Lebensstil, mit dem sich neurodegenerative Krankheiten wie M. Parkinson
vorbeugen lässt.“


[1] Jiang-Xie LF, Drieu A, Bhasiin K, Quintero D, Smirnov I, Kipnis J.
Neuronal dynamics direct cerebrospinal fluid perfusion and brain
clearance. Nature. 2024 Mar;627(8002):157-164. doi:
10.1038/s41586-024-07108-6. Epub 2024 Feb 28. PMID: 38418877.
[2] Espay AJ, Stocchi F, Pahwa R et al. Safety and efficacy of continuous
subcutaneous levodopa–carbidopa infusion (ND0612) for Parkinson's disease
with motor fluctuations (BouNDless): a phase 3, randomised, double-blind,
double-dummy, multicentre trial. The Lancet Neurology, Published: March
15, 2024
[3] Jost ST, Aloui S, Evans J, Ashkan K, Sauerbier A, Rizos A, Petry-
Schmelzer JN, Gronostay A, Fink GR, Visser-Vandewalle V, Antonini A,
Silverdale M, Timmermann L, Martinez-Martin P, Chaudhuri KR, Dafsari HS;
International Parkinson and Movement Disorders Society Non-Motor
Parkinson’s Disease Study Group and EUROPAR. Neurostimulation for Advanced
Parkinson Disease and Quality of Life at 5 Years: A Nonrandomized
Controlled Trial. JAMA Netw Open. 2024 Jan 2;7(1):e2352177. doi:
10.1001/jamanetworkopen.2023.52177. PMID: 38236600; PMCID: PMC10797423.

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Neue Medikamentenpumpe mindert Parkinson-Symptome

Parkinson-Spezialambulanz versorgt am Uniklinikum jährlich mehr als 2.000
Patientinnen und Patienten. // Die Klinik für Neurologie ist
deutschlandweit eine von zwei zertifizierten Parkinson-Spezialkliniken an
einem Universitätsklinikum. // Neuartige Therapien verbessern
Lebensqualität von Parkinson-Patientinnen und -Patienten.

Mindestens 200.000 Menschen in Deutschland leiden unter der
neurodegenerativen Erkrankung Parkinson – Tendenz deutlich steigend.
Bewegungsstörungen wie Zittern und Muskelsteifheit zählen zu den
häufigsten Symptomen, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen.
Am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden werden pro Jahr mehr als
2.000 Patientinnen und Patienten aufgrund einer Parkinsonerkrankung
behandelt. Die Klinik und Poliklinik für Neurologie wurde nun als
Parkinson-Spezialklinik geprüft und zertifiziert. Damit ist Dresden nach
Hamburg deutschlandweit der zweite Uniklinikum-Standort mit dem Zertifikat
des Patientenverbandes Deutsche Parkinson-Vereinigung. Forschung und
Patientenversorgung greifen in der Spezialambulanz eng ineinander. Studien
untersuchen neuartige neuroprotektive und symptomatische Therapien.
„Erneut haben wir für eine unserer Einrichtungen mit der Zertifizierung
Wertschätzung und Anerkennung einer optimalen Versorgung erfahren. Das
macht uns stolz und zeigt uns zudem, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Zertifizierungen sind auch für Patientinnen und Patienten der Schlüssel
dafür, wenn es um die Wahl der für sie richtigen Einrichtung geht“, sagt
Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand am Uniklinikum.

Die Ursachen für die Entwicklung einer Parkinson-Erkrankung sind bis heute
nicht bekannt. Es wird jedoch vermutet, dass äußerliche und genetische
Faktoren eine Rolle spielen. Erforscht ist indes, dass bei Betroffenen ein
Mangel an Dopamin, das nicht mehr ausreichend im Gehirn produziert wird,
im Wesentlichen den Kontrollverlust über die eigenen Bewegungen
verursacht. Was mit einem leichten Tremor der Hand oder Unsicherheit beim
Gehen beginnt, mündet bei immer mehr Patientinnen und Patienten in der
Diagnose Parkinson. In den meisten Fällen ist die Erkrankung nicht erblich
bedingt. In der Spezialambulanz für Parkinson-Syndrome der Klinik und
Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Dresden werden Therapien
getestet, die es ermöglichen, dass die Betroffenen ihre Bewegungen wieder
besser kontrollieren können.

Pumpe gibt Medikament kontinuierlich unter die Haut

„Seit Januar dieses Jahres testen wir gemeinsam mit unseren Patientinnen
und Patienten subkutane Levodopa-Pumpen aus“, sagt Prof. Björn
Falkenburger, Leiter der Parkinson-Spezialambulanz. Die Pumpe wird
ergänzend zu weiteren Therapien wie etwa der seit 20 Jahren bewährten
Tiefenhirnstimulation eingesetzt. „Die neue Technik funktioniert wie eine
Insulinpumpe: Dem Körper wird das Medikament über die Levodopa-Pumpe in
gleichbleibender Dosis zugeführt, wodurch das Medikament – anders als bei
einer oralen Einnahme – kontinuierlich auf eine bessere Bewegungsfähigkeit
abzielt.“ So können typische Parkinson-Symptome wie Tremor, Restless-Legs-
Syndrom, aber auch Steifheit abgeschwächt werden. „Für die Patientinnen
und Patienten ist das eine große Erleichterung und bringt ihnen im Alltag
eine gewisse Selbstständigkeit zurück“, sagt Prof. Falkenburger.
Deutschlandweit ist das Uniklinikum Dresden einer der ersten
Klinikstandorte, an denen die Levodopa-Pumpe in der Praxis eingesetzt
wird.

Der Selbsthilfeverband Deutsche Parkinsonvereinigung bescheinigt der
Parkinson-Ambulanz am Uniklinikum das hohe Niveau und die große Expertise
in der Versorgung von Parkinson-Patientinnen und -Patienten. „Die
Zertifizierung sagt aus, dass wir unsere Patientinnen und Patienten
mindestens genauso gut wie Reha-Kliniken versorgen, die in diesem Bereich
spezialisiert sind.“ Neben dem Uniklinikum Hamburg ist das Uniklinikum
Dresden erst das zweite deutsche Uniklinikum mit dieser Zertifizierung.
Die Anforderungen sind hoch: In mehreren Gutachten werden vor Ort die
Angebote und Strukturen der Parkinson-Ambulanz geprüft und bewertet. Für
Betroffene und ihre Angehörigen sind umfassende Informationen zu
Sturzprophylaxe und Pumpeneinstellungen eine große Unterstützung. Ein
Parkinson-Treff bietet immer mittwochs die Möglichkeit zum Austausch,
Sporttherapien zeigen Betroffenen auf, wie sie sich im Alltag beweglich
halten. Auch die Expertise und Fortbildungsmöglichkeiten des
pflegerischen, medizinischen und therapeutischen Personals sind Kriterien,
die bei der Zertifizierung bewertet werden. „Das Gutachten belegt
außerdem, dass nicht nur die Versorgung der Patientinnen und Patienten,
sondern auch die Forschung auf sehr hohem Niveau stattfinden“, sagt Prof.
Falkenburger. „Für unser gesamtes Team ist dies eine Bestätigung für die
hervorragende Arbeit.“ Jährlich werden mehr als 2.000 Patientinnen und
Patienten mit Parkinson-Syndromen am Uniklinikum ambulant und stationär
versorgt.

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