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SUTTER THE SWISS, eine historische Geschichte von Anna Rybinski 3. Teil, Die Welt im Rausch

Coloma California Sutter Mill Replica
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»Gold! Gold! Wir haben Gold gefunden!« Der kleine Junge tauchte plötzlich vor meinem Wagen auf, tanzte und schrie wie verrückt. Die Pferde bäumten sich und die Ladung kippte auf die Strasse. Ich sprang wütend vom Bock herunter und versohlte ihm den Hintern. »Rotzjunge, mach es nicht noch einmal, sonst breche ich dir alle Knochen!«

Im Jahr 1848 fuhr ich jede zweite Woche zum Amerikanerfluss hinauf, um die Leute bei der Baustelle mit Fleisch, Brot und Werkzeugen zu versorgen. Oben entstand inzwischen eine kleine Siedlung, ganze Familien, darunter viele Mormonen mussten wegen der neuen Sägemühle dauernd am Ort wohnen. Meine Pferde waren vom mühsamen Weg schon erschöpft genug, und der dumme Bubenstreich machte sie noch störrischer.

Ich las die schweren Säcke und Körbe fluchend vom Boden auf, als die wütende Mutter des Jungen, eine Mormonenfrau, vor mir erschien und lauthals gegen die Misshandlung ihres Sohnes protestierte.

»Ach was, hab lieber acht, dass er nicht vor einen Wagen springt und anständigen Menschen keine Lügengeschichten erzählt!«, wollte ich sie beschwichtigen. Die Frau wurde noch wütender. »Mein Junge lügt nie! Was hältst du für eine Lüge?« »Dass ihr Gold gefunden habt.«

Goldrausch in California 1849
Goldrausch in California 1849

Sie wurde plötzlich ganz still, anscheinend kämpfte sie mit sich selbst. Endlich kam ihre Antwort zögernd: « Unsere Religion verbietet das Lügen. Ja, es ist wahr. Im Flussbecken haben die Männer Gold gefunden.« Ich blickte sie ungläubig an. Als Beweis holte sie rasch ein gefaltetes Tuch aus dem Haus, öffnete es vorsichtig und hielt es mir vor die Nase. »Jetzt staunst du, was? Merke dir, mein Junge lügt nie!« Es wurde mir schwindlig: Auf dem Leinen verstreut lagen in goldigem Staub hie und da Körnchen, sogar Klumpen von unbeschreiblich schönem Glanz.

»Sutter weiss es schon seit zwei Wochen. Es gibt sogar richtige Goldadern, nicht nur Schwemmgold. Aber wir durften es niemandem erzählen, Gold verdirbt die Menschen, meint der Patron. Ich habe nichts gesagt, verstanden? Wenn Gott uns hilft, sind wir bald alle steinreich!« Ich war verdutzt. Die Frau – ganz zufrieden mit der Wirkung ihrer Worte – drückte mir zum Abschied einige Körnchen in die Hand. Ich weiss nicht, wie ich nach Hause kam; in meinem Kopf jagten sich die Gedanken: Gold! Sutter wird reich, sehr reich sogar, die Wirtschaft wird hier auf Goldgewinnung umgestellt und er kann seine treuen Mitarbeiter endlich gut bezahlen. Und wenn …, wenn wir selbst Gold finden?

Wie vom Teufel geritten

Das Museum Sutters Fort
Das Museum Sutters Fort

Leider muss ich jetzt meine unrühmliche Rolle in der Geschichte erzählen. Ich ging im Fort gleich in die Schenke und bestellte grossmäulig den besten Branntwein, den der Wirt auf Lager hatte. »Nono, ist heute Zahltag?« fragte der Alte misstrauisch. »Nei … hm … « Ich verschluckte mich in der Aufregung. »Ich zahle mit Gold.« Verdammt, es war ausgerutscht! Es gab kein Zurück mehr, weil alle Anwesenden in schallendes Gelächter ausbrachen und sich über mich lustig machten. Das konnte ich doch nicht auf mir sitzen lassen – und zog selbstbewusst die Goldkörner aus der Tasche!

Die Mäuler wurden still, die Köpfe beugten sich über meine Hand. Der Wirt machte die Zahnprobe, die Köchin holte irgendwoher Scheidewasser. Die ungehobelten Kerle standen in Ehrfurcht herum wie sonst nur ehrliche Christen vor dem Altar. Zuletzt kam der Schmied schweren Schrittes herbei und machte sich mit dem Hammer an die Arbeit: Aus einem Körnchen, klein wie ein Stecknadelkopf, wurde ein hauchdünnes Blatt, gross wie eine Münze. Er hielt es hoch und das Licht schimmerte durch.

Der Mann – der Wichtigkeit seiner Aussage bewusst – sprach nach reiflicher Überlegung: »Es ist Gold … feinsten Grades.« Und ich musste in meiner Dummheit noch nachdoppeln! »Ja, oben beim Amerikanerfluss liegt Gold, man muss es nur auflesen!« Der Bann war gewichen. Die Leute schrien wie verrückt und sprangen in die Luft, einer hatte sogar eine Schusswaffe abgefeuert.

»Gold, Gold, Gold!«

Der Lärm holte Sutter und andere Männer aus dem Kontor. Als er alles erfuhr, sagte er beschwichtigend: »Ja es ist wahr. Ich sehe, dass mein Geheimnis nun doch heraus ist. Lasst uns hoffen, dass wir alle reich werden. Aber wir müssen es für uns behalten, sonst ist der Berg von Goldsuchern überlaufen – dann ist alles zum Deifel.« Sein Lieblingsspruch war typische Basler Mundart. Sogar im Englischen sagte er oft: »Gone to the dyfel.«

Den Wahnsinn konnte niemand mehr aufhalten

Gold nuggets
Gold nuggets

Das Fieber packte zuerst die Arbeiter bei der Sägemühle: Die Männer suchten sonntags im Gebirge nach Gold. Bei der nächsten Fuhre merkte ich, dass die Leute schon während der Woche mit selbstgebastelten Werkzeugen beim Schürfen waren, sodass die Arbeit bei dem Bau nicht vonstattenging. Jeder hatte etwas gefunden, um damit zu prahlen oder sogar die Arbeit ganz zu quittieren. Die Nachrichten über Goldfunde vermehrten sich, aber alles wurde masslos übertrieben. Eines Tages rannten sogar die Mormonen bei Sutter die Tür ein und verlangten nach ihrer Entlassung: Auch sie konnten der Versuchung nicht widerstehen und wollten so schnell wie möglich reich werden.

Andere, die nicht so gottesfürchtig waren, verschwanden einfach über Nacht, ohne sich abzumelden. Das Gebiet war riesig und überall konnte man Gold finden: auf Sandbänken, zwischen Felsspalten, oder im ausgegrabenen Flussbett. Auch die Menschen aus Yerba Buena versuchten bald ihr Glück. Väter hatten ihre Familien verlassen, Arbeiter ihre Arbeit, Seeleute ihre Schiffe – sogar Schulen wurden geschlossen, weil Lehrer und Schüler zusammen in die Berge gingen.

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, es tauchten immer mehr Fremde auf und die Zeitungen schürten die Gier mit Schlagzeilen, wie:

Gold, Gold, Gold, wie viel ihr wollt!

Sutter's Mill National Register of   Historic Places
Sutter's Mill National Register of Historic Places

Schürfanlagen und Minen wurden hergerichtet. Aus ganz Amerika und sogar aus Europa strömten die Menschen herbei. In den ersten Wochen kamen ungefähr 80 Fremde, im nächsten Monat 800, bis Jahresende einige Tausend, im Jahre 1849 eine Horde von 100.000.

Wir selbst waren nicht gescheit genug, um etwas vom gefundenen Gold zu behalten, alles wurde gleich verjubelt. Das Beste kommt ja noch, dachten wir immer. So lebten wir tagaus tagein in einem Rausch, geblendet von schönsten Zukunftsträumen.

 

 

Sutters Dummheit übertraf uns alle

San Francisco during the Gold   Rush
San Francisco during the Gold Rush

Anfangs genoss er das plötzliche Interesse für seine Siedlung – im Mittelpunkt zu stehen war ja seine Lieblingsrolle. Er liess seine vergessene Schweizer Familie zu sich holen, um das Imperium mit den Söhnen besser verwalten zu können. Er gab wieder kostspielige Feste für seine Freunde und Bewirtung für alle, die es sich gut gehen lassen wollten – Gott ist Zeuge, wie viele Schmarotzer wir wochenlang verpflegen mussten. Er benahm sich wie ein König: Für jede Kleinigkeit bedankte er sich stilvoll mit Goldklümpchen. Mit jenen wohlgemerkt, die ihn noch erreichten – bald stahl aber ein jeder für sich selbst, und Sutters Tasche war letztendlich so leer wie zuvor.

Major General J. A. Sutter   1854
Major General J. A. Sutter 1854

Agenten und Abenteurer aller Art belagerten uns. Sie wollten neue Anlagen bauen, versprachen grosse Gewinne und Sutter glaubte ihnen aufs Wort. Doch sie alle waren Betrüger, die nur in die eigene Tasche wirtschafteten. Sutters Familie konnte die Lage auch nicht mehr retten. Schliesslich kam es zum offenen Bruch: Der älteste Sohn gab den Kampf mit der Gutgläubigkeit seines Vaters auf und verschwand nach Mexiko. Das alles mitzuerleben war bedrückend genug und Frau Sutter – halb taub, erbittert und frühzeitig gealtert – machte uns den Alltag im Fort noch schwieriger.

Das Schlimmste aber war, dass die Wirtschaft langsam zugrunde ging. Sutter musste wohl Höllenqualen erleiden, während er die Verwüstung in seinem Reich beobachtete: Die Ernte wurde gestohlen, der Acker zertrampelt, die Bauarbeiten eingestellt. In der Weberei standen die Webstühle still und die Gerber liessen die unfertigen Felle verderben. Wir hatten wenigstens das Fort als Versorgungsposten für die Goldwäscher eingerichtet und verkauften ihnen Werkzeuge und Proviant. Bald kamen aber Unternehmer neuer Art, die die Bedürfnisse dieses Lumpenpacks besser erkannt hatten: Saloons, Spielhöllen und Bordelle schossen aus dem Boden.

Niemand fragte, wem das Land gehört, denn es gab kein Gesetz mehr. Man baute und schürfte, wo es einem beliebte.

Sutter's Saw Mill Replica Gedenktafel
Sutter's Saw Mill Replica Gedenktafel

Sutter hatte kaum noch Mitarbeiter, nur einige Indianer und wir, die ›grundehrlichen Schweizer‹ hielten ihm die Treue. Tief enttäuscht von den Menschen zog er sich mit dem Rest seiner Familie und mit uns Schweizern auf eine höher gelegene Farm zurück. Es ist aus mit ihm, dachten wir alle. Er war aber mit seiner Weisheit noch nicht am Ende. Anstelle von Weizen und Biberfellen beschäftigte er sich mit etwas Neuem: Blühende Obstgärten und Rebberge machten aus seinem letzten kalifornischen Wohnsitz ein kleines Paradies.

Fortsetzung folgt:  Das Ende von New Helvetia

Kleine Fotodiashow zum Artikel:

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Text: www.annarybinski.ch

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Link auf den ersten Teil der SUTTER Story von Anna Rybinski:

SUTTER THE SWISS Eine historische Geschichte 1. Teil von Anna Rybinski

 

Link auf den zweiten Teil der SUTTER Story von Anna Rybinski:

SUTTER THE SWISS Eine historische Geschichte von Anna Rybinski 2. Teil Sutter gründet ein Reich

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SUTTER THE SWISS Eine historische Geschichte 1. Teil von Anna Rybinski

United States 1834-1836
United States 1834-1836

Nach vielen Abenteuern und Lebensstürmen bin ich nun in der alten Heimat angekommen. Das Kleinliche, Begrenzte dieser Welt ärgert mich nicht mehr, hier möchte ich fortan leben und in Ruhe sterben.Bevor das Alter jedoch die Erinnerungen aus meinem Gedächtnis tilgt, will ich diese eine Geschichte erzählen – für meine Kinder und Kindeskinder, für alle, die sie lesen wollen. Mein schreibkundiger Sohn wird sie geordnet aufs Papier bringen.

Johann August Sutter  Schweizerisches Nationalmuseum
Johann August Sutter Schweizerisches Nationalmuseum
Joseph Nieriker Burgdorf  19.  Jahrhundert
Joseph Nieriker Burgdorf 19. Jahrhundert

Seit meiner Rückkehr aus der Neuen Welt bin ich ja ein gefragter Mann: Nachbarn und Bekannte klopfen immer wieder an meiner Tür, sie fragen, staunen, sehen sich die vergilbten Dokumente, Landkarten und die sonderbaren Schmuckstücke der Indianer an. Sie möchten aber vor allem über unseren berühmten Landsmann – seinen märchenhaften Aufstieg und traurigen Niedergang – alles hören. Wie unsere Wege sich auf wunderbare Weise kreuzten und wie ich Augenzeuge der Weltgeschichte wurde. Der Mann, dem der junge amerikanische Staat so viel zu verdanken hatte und dessen Entdeckung die Welt in eine Raserei versetzte, war der König von Sacramento und der Gründer von Neu-Helvetien gewesen:

Sutter der Schweizer Auf nach Amerika

Auswandererschiff 19.  Jahrhundert
Auswandererschiff 19. Jahrhundert

Ich heisse Jakob Wittmer und komme aus dem Solothurnischen. Alle meine Vorfahren waren Bauern und Fuhrleute in diesem Kanton, stark an die Heimat gebunden; ich war der Einzige, der wegwollte. Andere Länder kennenlernen, das Meer sehen: Das waren meine Wünsche von Kindesbeinen an, obwohl ich über die Auswanderer viel Schlechtes hörte. Die Leute sagten:

»Nur jemand, der Bankrott macht oder auf andere Weise Mist baut, sucht sein Glück am Ende der Welt. Hier müsste er ins Schuldengefängnis. Wer will das schon?

Sutter wollte es auch nicht; darüber später mehr.

Ich dagegen, unbescholten und von gutem Leumund, reiste mit meinem Ersparten aus freien Stücken durch Europa, schiffte mich in Le Havre ein und landete einen Monat später in Neu-York! Das geschah im Jahre 1834.

Einwanderer in New York 19.  Jahrhundert
Einwanderer in New York 19. Jahrhundert

Die hässliche Stadt, ständig im Wachsen, stets in Bewegung, konnte mich nicht fesseln. Ich wollte mit unerschrockenen Männern ins unbekannte Indianerland ziehen, mit den Einheimischen Handel treiben oder sogar eine neue Kolonie gründen. Ich nahm auch die erste Gelegenheit wahr, mit einer Gruppe von Abenteurern gegen Abend aufzubrechen und bis zu den deutschen Siedlungen in Missouri zu reisen. Das war damals die Grenze von Amerika. Dahinter lag feindliches Indianergebiet, und noch weiter, hinter den Prärien, Wüsten und unbegehbaren Bergen, lockte in unermesslicher Ferne Kalifornien, die mexikanische Provinz.

Die Deutschsprachigen sammelten sich in St. Louis – Verfolgte, Enttäuschte, oder neugierige Burschen wie ich – und hielten unentwegt Besprechungen, wie sie sich für die Weiterreise vorbereiten würden. Mein Erspartes war inzwischen aufgezehrt und ich nahm jede Arbeit an, die sich bot, meistens in den Lagerhäusern. Der Handel mit Biberfellen war das übliche Geschäft damals, aber einsteigen konnte man nur mit Kapital. Ich hatte schnell erfahren, dass ich auch in Amerika bei dem gemeinen Fussvolk bleibe.

Im Jahre 1834 kam allerdings Einer, der ohne Geld und Empfehlungen gleich oben beginnen konnte.

Johann August Sutter, Bürger von Rünenberg

New York, Manhattan     Getty  Images
New York, Manhattan Getty Images

Ich hatte den Neuankömmling kennengelernt, als ich im Hotel Schwyzerland seine vornehmen Reisetruhen ablieferte. Meine Mundart zu hören hatte ihm viel Freude bereitet. Er war elegant, gepflegt, voller Höflichkeit und Güte; kurzum ein nobler Herr. Sofort erzählte er den Deutschsprachigen, dass er mit Handelsreisen Gewinne erzielen will, um mit dem Geld eine neue Kolonie zu gründen. Ich war auch herzlich eingeladen, mitzumachen. So viel Entschlossenheit machte einen grossen Eindruck auf mich und ich dachte mit Bewunderung:

Er wird seine Pläne verwirklichen! Auf solche Menschen wartet die neue Welt, nicht auf Tagediebe, Schwätzer und ewige Zögerer wie wir alle.

Der übliche Handelsweg ging damals nach Santa Fé. Die Stadt gehörte zwar zu Mexico, aber war vom üblichen Staatsgebiet so weit entfernt, dass man ihre Bewohner leichter aus Amerika mit Waren versorgen konnte. Leichter, aber immer noch sehr beschwerlich! Ein Weg dauerte circa zwei Monate und man musste durch eine endlose Prärie ziehen, wo bloss Karrenspuren die Richtung zeigten. Keine Ortschaften, keine Werkstätten, keine Stützpunkte. Nichts.

Sutter machte mit seiner gewinnenden Art schnell Bekanntschaften und konnte für den nächsten Handelszug wohlhabende Männer begeistern. So was sprach sich schnell herum und zog die Leute magisch an. Während langen Besprechungen wurden Informationen ausgetauscht und Massnahmen besprochen, wie man sich für die Begegnungen mit feindlichen Indianern, gegen wilde Tiere und fürchterliche Tornados vorbereiten sollte. Bald wurden die Listen der Handelskarawane zusammengestellt sowie Waren, Werkzeuge und Tiere eingekauft.

Als Knecht wollte ich nicht mitgehen und zum Investieren hatte ich kein Geld. Aber ein Deutscher aus Westfalen, Laufkötter geheissen, erzählte mir Interessantes über das Unternehmen: »Sutter hat genau so viel Geld wie du … nämlich gar keins!«

Das Leben im Hotel, die Abendgesellschaften, die Werbetouren für seine Handelsreise: alles wurde mit Kredit finanziert. Sein liebenswürdiges Wesen, mit viel Selbstbewusstsein gepaart, öffneten ihm scheinbar alle Türen. Die Herren, die mit Geld gekommen waren, wollten ja noch mehr Geld machen, was ohne Investitionen nicht ging. Sie warteten nur auf einen, der sie überzeugen und begeistern konnte; und weiss der Teufel wie, aber Sutter war Meister darin!

Ein junger Mann aus dem Aargau, Samuel Kyburz sein Name, wusste gar Peinliches aus seiner Vergangenheit zu berichten:

Zuletzt hatte Sutter in Burgdorf eine Tuch- und Kurzwarenhandlung, die ihm 50.000 Franken Schulden einbrachte – eine zu grosse Summe für einen kleinen Laden. Er besorgte sich auf dunklen Wegen einen Reisepass und flüchtete nach Amerika. Seine arme Frau blieb mit fünf Kindern  und einem Schuldenberg zurück. Kurz darauf machte sie eine Erbschaft, die wurde aber als Pfand für Sutters Schulden mit Beschlag belegt. Die Familie musste demzufolge in einem «Asyl der Schande» ausserhalb der Stadtmauern leben.

Mein helvetischer Kamerad versicherte: Er war ein Arbeitersohn wie wir beide, mit ein wenig Ausbildung in Handelsgeschäften.

Ich konnte es kaum glauben. Ein richtig nobler Herr, belesen, sprachgewandt – kann man so etwas vortäuschen? Ich, armer Teufel, hätte mich niemals für einen Herren ausgeben können, nicht einmal mit reicher Garderobe. Dazu muss man geboren sein!

Laufkötter, der Bursche aus Westfalen war nichtsdestotrotz voller Begeisterung und wollte sich am Unternehmen beteiligen. Kurzerhand verkaufte er seine Anteile in einem bescheidenen Laden und bestellte Waren: Tuch, Schuhe, Baumwollstoffe und Galanterieware, wofür die Mexikaner gern hohe Preise zahlten. Er hoffte natürlich, mit grossem Gewinn zurückzukehren.

Die Vorbereitungen für die Reise dauerten lange und wir Eidgenossen schwiegen über die Gerüchte, die uns aus der Heimat erreichten. Wie hätten wir es gewagt, vor den Herren solche Verleumdungen auszusprechen? Wer hätte überhaupt auf uns gehört? Vielleicht war ja alles erlogen.

LLandkarte Amerika  1834-1836
LLandkarte Amerika 1834-1836

Laufkötter zeigte uns einmal stolz die Namen der Expeditions-Teilnehmer: Wahrhaft eine vornehme Gesellschaft!. Der wichtigste Mann der Truppe setzte seine Unterschrift zuletzt: Captain John A. Sutter »Was heisst Captain auf Deutsch?« fragte ich; damals verstand ich kaum Englisch. Laufkötter wusste es: »Hauptmann«. »Dann … dann war er ein Offizier!« rief ich überrascht. »Wo denn?« »Natürlich in der schweizerischen Armee, wo sonst?« rügte mich der Deutsche für meine Dummheit und fügte hinzu: »Sutter genoss die Ausbildung in der Militärakademie von Bern und war auch Offizier in der Königlichen-Französischen Schweizergarde von Karl X.!« Ich stammelte etwas und liess es dabei bewenden. Aber als ich später mit dem Aargauer zusammen war, hatten wir die Geschichten von Sutter lauthals und aufgeregt als Lügen entlarvt: »Schweizer Armee? Die gibt es nicht. Nur die kantonale Miliztruppen, wo wir auch dienen mussten!« »Eine Militärakademie in Bern gab es noch nie!« »Die Offiziersposten sind für die Herren vorbehalten, nicht für die Untertanen!« Die Basel-Landschaft, woher Sutter kam, war nämlich nur Untertanenland von Basel-Stadt; ohne Rechte, nur mit vielen Abgaben belastet. Wir schüttelten die Köpfe ob solcher Verwegenheit. »Wie geht es weiter, wohin wird es noch führen?« Insgeheim bewunderten wir aber den kleinen eleganten Herrn, der so viel wagte. Letztendlich startete die Expedition, alle waren begeistert und guten Mutes. Einige Dutzend Kaufleute, Soldaten, Handwerker und Ärzte machten sich auf den Weg, mit 80 von Ochsen und Maultieren gezogenen Wagen.

Die Handelsreise wurde ein Fiasko!

Ursachen gab es viele: beschwerliche Wege, Überflutungen, verendete Ochsen, zerbrochene Wagen, kaputtgegangene Werkzeuge. Sie konnten zwar die Waren für einen guten Preis absetzen, die Mexikaner aber zahlten mit Wildpferden; diese Tiere waren lebensgefährlich in Umgang, schon unterwegs liefen viele davon. Sutter hatte von seinen 80 Pferden kaum einige nach Hause gebracht. Auch waren sie für nichts gut, weder für die Arbeit noch fürs Reiten.

Die meisten hatten fast alles verloren, Laufkötter war auf einen Schlag so arm wie ich. Aber niemand hatte Sutter beschuldigt; die Umstände waren einfach schlecht, sagten alle. Er verschwand gleich aus der Stadt, wahrscheinlich schämte er sich ob des Misserfolges, und seine Schulden zurückzahlen konnte er auch nicht. Westport wurde sein neues Domizil; dort lebte er, wie wir hörten, wieder auf grossem Fuss und wollte sogar ein Hotel bauen!

Aber woher hatte er wieder Geld?

Wie es sich später herausstellte, war alles wie gewohnt auf Kredit. Und als die Zurückzahlung fällig wurde, erreichte uns ein neues Gerücht: Sutter will nach Kalifornien auswandern.

Naja. Wir alle hörten, dass man dort so viel Land geschenkt bekommt wie man will und dass im paradiesischen Klima fast alles von selbst wächst.

Aber wie erreicht man dieses gelobte Land? Santa Fé war schon eine mühsame Reise, aber im Vergleich zu Kalifornien eine Spazierfahrt. Die unüberwindbaren Berge, die Rocky Mountains schreckten bisher jeden Abenteurer zurück und auf dem Seeweg hätte man fast die halbe Welt umsegeln müssen. Wir zuckten mit den Schultern und hatten uns von Sutter in Gedanken auf Nimmerwiedersehen verabschiedet.

Das alles geschah im Jahre 1838.

Text: www.annarybinski.ch

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Fortsetzung folgt:

    Sutter gründet ein Reich

Link auf den zweiten Teil der Geschichte:

SUTTER THE SWISS Eine historische Geschichte von Anna Rybinski 2. Teil Sutter gründet ein Reich

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Hoffnung auf bessere Zeiten hat Herbert Huber

Mahlzeitenkarte
Mahlzeitenkarte

Es ist schlimm, was wir momentan alles „durchstehen“ müssen. Auf Gewohntes verzichten und uns staatlich verordnet einschränken. Und es ist das plagende Ungewisse, wann dieser Virus Spuk je ein Ende haben wird. Durchaus nachvollziehbar, wenn vielen Jungen die Decke auf den Kopf zu fallen droht. Für uns ältere Menschen mag das Verzichten (vielleicht) etwas einfacher sein. Eigentlich die Gelegenheit, das Rad der Zeit um 80 Jahre zurück zu drehen.

Das war einmal

Aufruf zur Anbauschlacht Schweiz
Aufruf zur Anbauschlacht Schweiz

Was uns die Eltern berichteten über Ängste, Sorgen und Nöten, damals, als der zweite Weltkrieg tobte und die Schweiz auf sich alleine angewiesen war. Die Männer im Militär, die Frauen zu Hause – alleine. Ich, als Kind 1941 geboren, habe eigentlich  erst gegen Ende dieses Wahnsinns so richtig realisiert, wie unsere Eltern gefordert waren. Mit sparen und verzichten, mit teilen und verteilen. Denn die Lebensmittel waren knapp. Und es war die ständige Angst der kleinen Schweiz, von den Nazis „einverleibt“ zu werden. Diese Angst hing wie das Schwert des Damokles über dem Schweizervolk.

Notrecht der Landesregierung – Plan Wahlen 

Feldanbau auf dem Sechseläutenplatz
Feldanbau auf dem Sechseläutenplatz

So war auch unsere Landesregierung mehr als nur gefordert. Mit der geschichtsträchtigen „Kartoffelanbauschlacht“ (Kartoffeln konnten ja nicht importiert werden), wurden in Blumenbeeten, auf Fussballfeldern, auf der Sechseläutenwiese und sogar direkt neben dem Bundeshaus Kartoffeln angepflanzt. Die Produktion dieses Grundnahrungsmittel wurde damit verdreifacht. Und das Fleisch? Und die anderen notwendigen Lebensmittel? Im Notrecht verordnete unsere Obrigkeit drastische Massnahmen.

Bereits ein Jahr vor der Einführung der Fleischrationierung, im Frühjahr 1941 wurde die Einschränkung des Fleischkonsums vor allem im Gastgewerbe, durch fleischlose Tage angestrebt. Anfänglich waren Mittwoch und Freitag fleischlose Tage; später kam noch der Montag hinzu. Für die Privaten dann im Frühjahr 1942 mit der Einführung der Fleischrationierung – Mittwoch und Freitag. In Nidwalden gab  es gemäss Regierungsratsprotokollen keine Schliessungen der Restaurants.

Interessant ist ein Hinweis zur Polizeistunde: Nach Kriegsausbruch 1939 beschloss der Regierungsrat, dass die Polizeistunde nicht vorverschoben werde, sondern weiterhin um 23.30h sei.

Durchhaltewillen

Anbauschlacht im Berner Oberland 1939 bis 1945
Anbauschlacht im Berner Oberland 1939 bis 1945

Im April 1941 wurde in der Schweiz zusätzlich das Mahlzeitencoupon-System eingeführt. In Restaurants und Hotels war nichts mehr gegen Geld zu kriegen, nur  gegen die Abgabe von Coupons. Für jede Hauptmahlzeit mussten davon zwei bezahlt werden. Die Konsumenten konnten sich diese Coupons durch Umtausch von ganzen oder von Teilen der Lebensmittelkarten beschaffen. So fand ein lebhafter Handel mit Karten und Coupons statt. Eines weiss ich noch: Auswärts gegessen wurde bei Hubers erst ab 1947!

Einkaufen mit den Lebensmittelkarten

Lebensmitteökarte 1943
Lebensmitteökarte 1943

Und wie funktionierte das mit den Lebensmittelkarten? Ein Beispiel: Lebensmittelkarten zum Bezug von rationierten Nahrungsmitteln gültig vom 1. Juni bis 5. Juli 1943. Solche Karten wurden während des Zweiten Weltkriegs in der ganzen Schweiz an die Bevölkerung verteilt – auf der Rückseite fand sich der identische Text in französischer Sprache. Die einzelnen Rationierungs-Coupons waren perforiert und mussten beim Bezahlen der Waren in den Lebensmittelgeschäften abgegeben werden. So wurde verhindert, dass besser gestellte Familien die Geschäfte mit Hamsterkäufen leer räumten, während für Menschen in einfachen Verhältnissen nichts übrig blieb. Die Karte war als „Monatsration“ für eine erwachsene Person gedacht. Vorgesehen waren unter anderem 4 Eier, ein Pfund Käse, etwa 850 g Fleisch (je nach Sorte) und 100 g Schokolade.

Ein eindrückliches Bild von den Einschränkungen geben auch die Durchhalte Slogans und die guten Ratschläge, die zwischen den Coupons aufgedruckt waren: “I der Not gits kei härts Brot!” –  “Verteilt die Einkäufe auf den ganzen Monat!”, –  „1/4-fetter Käse ist nahrhaft, billiger als Vollfettkäse und braucht weniger Coupons!” Überdies fanden sich auch Tipps zur Eigenproduktion von Konfitüre, Erbsenmus und Quark-Käse-Mischung als günstigen Brotaufstrich.

Bei uns zu Hause

Anbauschlacht auf dem Gebiet des Flughafens Zürich
Anbauschlacht auf dem Gebiet des Flughafens Zürich

Ich erinnere mich, wie meine Mutter ein vom Rabattsparverein Luzern zur Verfügung gestelltes Haushaltbuch führte. Der Gasmann monatlich den Gasverbrauch ablas. In der Wohnung ein Öfeli stand, wo mit Holz geheizt wurde. Drauf ein „Caldor“ zum wärmen des Wassers. Und es gab nur das dunkle Brot, welches nicht jünger als 48 Stunden sein durfte (ein 2 kg. Laib kostete 72 Rappen). Wenn ich mit meiner Mutter beim „Allgemeinen Konsumverein“ oder im Quartierlädeli einkaufen ging, wurde alles in mitgebrachte Säckli abgefüllt oder in Zeitungspapier gewickelt. Plastigg Säcke und Tupperware gab es noch nicht.

Ab 1947 ging’s wieder aufwärts mit der Wirtschaft. Mein Vater machte sich selbständig und es gab fleissiger Fleisch auf dem Teller. Kutteln, Kalbskopf, Voressen. Luxusfleischstücke erst in den 50iger Jahren. Und wer dann in diesem Jahrzehnt geboren durfte sich glücklich schätzen.

Auch unsere Nachbarländer erholten sich zusehends und profitierten vom aufkommenden „Wirtschaftswunder“.

Epilog

Trutz der Not durch Schweizer Brot
Trutz der Not durch Schweizer Brot

Mit diesem Rückblick in die Vergangenheit möchte ich vergleichen, dass das, was wir heute erleben, wohl schlimm ist. Sehr sogar. Was jedoch von 1939 bis in die 50iger Jahre  die Menschen ausstehen mussten, war um einiges heftiger. Angst und Verzicht gehörten zur Tagesordnung. In eine gute Zeit „hineingeboren zu werden“ kann auch zum Nachteil sein. Weil alles zur Selbstverständlichkeit wird. Verzichten muss offensichtlich wieder gelernt werden. Und wir tun gut daran, uns bewusst wieder Zeit zu nehmen. Wir müssen wieder lernen, sein zu können – statt tun zu müssen!

Kleine Fotodiashow:

http://fotodiashows.wordpress.com/2021/02/06/hoffnung-auf-bessere-zeiten-hat-herbert-huber/

Text: www.herberthuber.ch

Fotos: www.-pixelio.de

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Feschi-Fandand-Boschole-Dool, degustiert und kommentiert von Herbert Huber

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