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Besetzung und Programm:
Rezension:
Auch bei diesem Konzert wurde sehr auf die Sicherheit der Besucher/innen Wert gelegt, die Sicherheitsmassnahmen daher strikt eingehalten, inkl. personalisierter Tickets für eine allfällige Nachverfolgung bei Infektionsvorkommen. Sogar die Streicher des Orchesters trugen Maske, was zusätzlich ein Gefühl der Sicherheit vermittelte.
Mit den sprichwörtlichen Pauken und Trompeten startete das Residenzorchester des KKL Luzern dann in die Konzertsaison 20/21, die auch grad die letzte von Chefdirigent James Gaffigan ist, der das Zepter über das Luzerner Sinfonieorchester nach zwölfjähriger, erfolgreicher Tätigkeit Ende Saison an seinen Nachfolger Michael Sanderling übergeben wird.
«Fanfare For The Common Man».
Kurz, rhythmisch und laut ist das Werk des US-amerikanischen Komponisten Aaron Copland. 1942 für den Dirigenten Eugène Aynsley Goossens geschrieben war es von der Rede des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, Henry A. Wallace, inspiriert, in der dieser das „Jahrhundert des Normalbürgers“ ausrief. Eine perfekte Komposition, bei der sich die Schlagwerker mal so richtig austoben und auf die reellen Pauke hauen durften, was auch dem Auditorium gefiel.1977 wurde Coplands Fanfare gar von der britischen Band Emerson, Lake and Palmer auf dem Album Works Volume 1 interpretiert. Der Titel wurde zu einem der größten Hits der Band, als eine bearbeitete Version als Single veröffentlicht wurde.
Anschliessend begrüsste Intendant Numa Bischof Ullmann das Publikum und dankte für die Treue gegenüber dem Orchester, das unter Chefdirigent James Gaffigan dessen Abschiedssaison amerikanisch eröffnet hatte. Das Konzert, ergänzte er auf Englisch, würde auch live gestreamt, da man das vorgesehene Gastspiel mit dem gleichen Programm im Konserthuset Stockholm in zwei Wochen, aufgrund Corona, nicht wahrnehmen könne.
Traumreise
Die Sopranistin Lisa Larsson liess eine Auswahl von Berwalds Klavierliedern von Landsmann Rolf Martinsson orchestrieren. Zitat Lisa Larsson: Mir war daran gelegen, Berwalds Lieder einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Gemeinsam mit Rolf Martinsson konnte ich die verschiedenen Stimmungen der Lieder in neue Orchesterfarben umwandeln. Mit der Orchesterfassung können wir den Liedern neues Leben einhauchen! Es handelt sich keinesfalls nur um ein ‹Lieder-Bouquet›. Ich habe insgesamt neun Lieder von Berwald ausgewählt, deren letztes – «Traum» – dem Zyklus den Titel gab: «Traumreise».
Die Sopranistin, optisch dem vorgefassten Bild einer „typischen“ Schwedin entsprechend: blond, schlank mittelgross, trug die meist romantischen Lieder aber nicht etwa nordisch kühl, sondern mit kräftigem Sopran, viel Gefühl und Sensibilität vor. Dies erst noch dreisprachig, auf Schwedisch, Französisch und Deutsch, entsprechend dem, was sie zuvor erklärt hatte, geht diese Traumreise von Stockholm im hohen Norden, über Paris bis schlussendlich nach Luzern. Wechselnd von Melancholik zu Überschwang und lupfiger Erzählweise, modellierte und phrasierte sie die, von ihr mitüberarbeitete Partitur. Das Auditorium genoss und verdankte ihr das mit viel Applaus und Bravorufen.
Johannes Brahms (1833 – 1897) Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98
Der erste Satz folgt dem konventionellen Schema der Sonatensatzform, ist geprägt von einer Folge absteigender Terzen die im Verlauf der gesamten Sinfonie mehrfach variiert werden.
Auch der zweite Satz beginnt ungewöhnlich. Zuerst ein archaisch anmutendes Bläserthema, später dann eine warme, schier unendlich scheinende Kantilene der Celli. Das Intro der Hörner zu Beginn des zweiten Satzes gemahnt mich immer an das „Munotsglöckchen“, ein Motiv, das vom gesamten Ensemble in diversen Variationen übernommen und schlussendlich im Finale von den Bässen akzentuiert wird, bevor die Streicher das Ganze weich ausfliessen lassen, das von der Querflöte noch veredelt wird.
Resoluter, kontrastreicher 3. Satz
Sehr resolut der dritte Satz, der größtmögliche Kontrast: ein lärmendes, fast burleskes „Allegro giocoso“. Einwürfe von Piccolo Flöte, Kontrafagott und Triangel geben dem Ganzen einen schon fast grotesk wirkenden Charakter. eine gewollte Heiterkeit, die etwas Drohendes hat. Abrupt geht es in einer Trubel artigen C-Dur-Stimmung weiter, ebenso in einer, für Brahms, eher ungewöhnlichen Instrumentierung, mit zusätzlicher Piccolo flöte, Triangel sowie C-Klarinetten. Gegen Ende des Satzes klingt das Hauptthema des Finalsatzes an, bevor der lärmende Trubel sein Ende findet.
Beeindruckender finaler Satz
Der finale Satz startet mit schönen Hornklängen, unterstützt vom Paukisten, der von den Trompeten unterstützt wird, bevor das ganze Orchester wieder zu einer Einheit findet. Zum Ende duellieren sich die Streicher mit der Pauke, bevor sich die Querflöte und peu a peu die andern Bläser dazugesellen, über alles erheben sich die Blechbläser, die ihrerseits von den Streichern wieder etwas zurückgebunden werden, bevor sich alle zum furiosen Ausklang wieder vereinen. Die Sinfonie, zum Kernrepertoire der Luzerner gehörend, vermochte das Publikum zu begeistern und wurde von diesem auch mit einem stürmischen, langanhaltenden Schlussapplaus honoriert.
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Produktionsteam und Besetzung:
Komposition und musikalische Leitung: Christov Rolla Text und Inszenierung: Max Christian Graeff Kostüm: Zoé Brandenberg Dramaturgie: Julia Jordà Stoppelhaar Einstudierung Chor: Mark Daver
Christov Rolla (Jacques, ein Offenbach) Max Christian Graeff (Béla, ein Bartok) Marc Unternährer (Tuba) Damenchor des LT
Rezension:
Das Luzerner Chanson-Duo «Canaille Du Jour» mit Theatermusiker und Komponist Christov Rolla und Autor Max Christian Graeff er überarbeitete zusammen mit den Damen des Chors des Luzerner Theater die Geschichte des Frauenmörders Herzog Blaubart und versetzt sie in die Gegenwart – also in Zeiten von Corona.
Schon mal so viel: An der Premiere von «Blaubarts Frauen» letzten Sonntag durfte wieder angestossen werden, nur im kleinem Rahmen zwar, dafür im Theatersaal: Im Foyer kann man sich sein Getränk holen und begibt sich damit direkt in den Theatersaal. Dort gibt es kleine Tischchen neben den Sitzen, welche auch gleich als «Abstandshalter» dienen. Eine clevere Idee, die gut ankam bei den Besuchern und ein ganz klein wenig «Premierenfeeling» verbreitete.
Strass und Rüschen
So konnte man, Prosecco-schlürfend, die Szenerie studieren, in welche «Canaille du Jour» ihre Produktion setzt. Ein leicht chaotisch anmutender Proberaum, rechts und links Tische mit altmodischen Lämpchen, alles am Bühnenrand und vor dem eisernen Vorhang, mit leicht verstaubtem, brockenstubenhaften Touch. Acht Frauen, aus dem Fundus des Theaters ausgegrabene Chordamen, werden in einer Art Gepäckwagen auf die Bühne gekarrt. Sie setzen sich – selbstverständlich mit Masken – an die Tische. Ihnen folgen Béla (Bartok) alias Max Christian Graeff und Jacques (Offenbach), alias Christov Rolla, beide in schwarzen Fräcken, Béla mit dicken Strassringen an den Fingern à la Harald Glööckler, Jacques mit rosa Rüschenhemd.
Zwei Männer gegen acht Frauen
Die beiden haben vom Luzerner Theater den Auftrag erhalten, «etwas mit acht Frauen zu machen» im Stil der Operette «Barbe-Bleue» von Offenbach. Und es wird «gemacht» mit den Frauen. Während sie auf ihre Auftritte warten, sollen sie schon mal Masken nähen, sich bei Bedarf aufstellen und singen, husch husch, dazwischen werden sie ruhig gestellt mit Magazinen wie «Meine Wahrheit», «Meine Sehnsucht», «Wahre Gefühle». Auch sonst herrscht ein ziemlich frauenverachtender Ton: «Seit wann haben die Frauen eigentlich das Impfrecht» und «gelten eigentlich jene Frauen, welche man haben wollte, auch als gehabt?» sind Fragen, die sich die beiden Machos unter vielen anderen stellen.
Philosophische Exkurse
Es wird viel diskutiert, debattiert und deklamiert (Texte Max Christian Graeff), aktuellste Themen werden kurz angeschnitten, Greta gehört genau so dazu wie Epstein, der Bachelor, Loredana, das Dschungelcamp und Bizet, der gerade die «Carmen» für die Corona-Zeit umschreibt. Mal spielt Béla den blutrünstigen Blaubart, mal versteigt er sich in hochphilosophische Exkurse und verdreht Sprichwörter. Christov Rolla als Offenbach zeichnet für die Musik und spielt sie auch gleich an Klavier und Gitarre, begleitet von Igor (Marc Unternährer) an der Tuba. Einige Melodien Offenbachs wurden beibehalten und umgeschrieben, dazu kommen die Beatles, Eugen Egner, «Volare», Bizets Habanera, Kurt Weill sowie eigene Kompositionen. Während Béla immer wieder ins Philosophieren gerät, versucht Jacques, die Dinge voranzutreiben, denn viel Zeit bleibt nicht mehr bis zur Première.
Grossartiger Frauenchor
Die acht Frauen, jede mit einem eigenen Kostüm (Zoé Brandenberg) – vom Retro-Kleidchen über Lederhose bis zum rosa Abendkleid mit Pelzstola – machen lange mit, proben dann aber doch den Aufstand. Der 8-köpfige Frauenchor überzeugt restlos, jede einzelne der Sängerinnen könnte als Solistin bestehen, das sind ganz grosse Momente des Stücks. Daneben kann viel gelacht werden ob den utopisch-skurrilen Aussagen von Béla und Jacques und den verschnittenen, neu interpretierten Musikstücken.
Nachdem das Licht ausgegangen ist, räumen Béla und Christoph die Bühne auf, desinfizieren alles und beschliessen, noch um die Ecke auf ein Kölsch zu gehen. «Ob das was wird?» fragt der eine den anderen. Nun, das Publikum hat sich amüsiert, er war ein vergnüglicher Abend mit einer Fülle von in den Raum gestellten Themen und Fragen, mit denen sich jede und jeder nach der Aufführung selber auseinandersetzen kann.
Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Hoehn:
Text: www.gabrielabucher.ch Fotos: Ingo Hoehn luzernertheater.ch
Besetzung und Programm:
Bayerisches Staatsorchester
Vladimir Jurowski (Dirigent)
Frank Peter Zimmermann (Violine)
Rezension:
Alles wie vor Corona war es dann doch nicht. Zwar dürften jetzt wieder alle 1898 Plätze des Konzertsaales im KKL Luzern wieder belegt werden, aber Maske tragen ist im ganzen Haus, auch im Konzertsaal, obligatorisch und die Konzerte werden ohne Pause durchgespielt. Doch, so der Projektverantwortliche Mirko Vaiz: Die Migros Classics beschränken die Besucherzahl weiterhin auf 1000. Wir sind der Meinung, dass es besser ist, beim Start in die Saison noch etwas Vorsicht walten zu lassen. Das Schutzkonzept im KKL ist äusserst effizient, dennoch relativ einfach in der Anwendung. Man registriert sich mittels einer App beim Einlass, so werden alle Besucher Sitzplatz genau erfasst. Die Daten werden nach 14 Tagen wieder gelöscht.
Der Intendant des Migros-Kulturprozent-Classics, Mischa Damev, hiess die Besucher persönlich willkommen und zeigte sich erleichtert, dass alle Musiker einreisen durften und so auch vollzählig anwesend waren. Man wolle, den Widerwärtigkeiten der aktuellen Situation trotzend, dem eigenen Anspruch, hochwertige Klassik zu bieten, treu bleiben und keine Abstriche machen. Er zeigte sich erleichtert, dass die Saison 2020/21 endlich starte und erfreut, dass doch so viele Interessierte, den Weg ins KKL trotz den erschwerten Umständen, auf sich genommen hätten. Damev erwähnte noch, dass das ursprüngliche Programm mit Alban Bergs Violinkonzert ersetzt werden musste, weil dessen Grossbesetzung in München nicht erlaubt war und dass dies der erste Auftritt des Bayerischen Staatsorchesters ausserhalb Münchens unter dem künftigen Chefdirigenten sei.
Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36
Diese Sinfonie macht gute Laune und zeigt Beethoven als entschlossenen Modernisierer. Optimismus klingt aus dem ersten Sinfoniesatz mit seinem strahlenden Motiv in D-Dur heraus, der zweite Satz lädt mit seiner volksliedhaften Melodie zum Träumen ein, und im Scherzo poltert das etwas grobe Thema lustig vor sich hin.
Doch staunt man etwas, wenn man das Entstehungsjahr liest: 1802, das gleiche Jahr, in dem Beethoven das Heiligenstädter Testament verfasst und seine Verzweiflung angesichts seiner Ertaubung und der damit einhergehenden Isolation schildert.
Zitat Ludwig van Beethoven: „Oh ihr Menschen dir ihr mich für feindselig störrisch und misanthropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir (….) musste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen (…) wie ein Verbannter muß ich leben (…) es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben (…).“
Die zeitliche Nähe zwischen dem düsteren Selbstzeugnis und der zweiten Sinfonie macht neugierig: Verbirgt sich hinter dem freundlichen Gesicht dieser Sinfonie eine dunkle Seite? Beethovens Zeitgenossen nehmen das Werk jedenfalls keinesfalls als heiter, sondern als dramatisch wahr.
Die Leipziger „Allgemeine Musikalische Zeitung“ erkennt in der Komposition „viel Originalität, Reichtum (…) mitunter aber auch Bizarrerie“ und spricht vom „gewaltigen Feuergeist, der in diesem kolossalen Produkt wehet“. Vollkommen fassungslos beschreibt ein Rezensent 1804 seinen Höreindruck von der Sinfonie:
„Sie glich einem Ungeheuer, das sich beinahe eine volle Stunde in Verrenkungen abquälte und mit dem Schweif um sich schlägt, man weiß nicht warum? (…) Was will die Bestie?“ Zitat Johann Gottlieb Spazier in „Zeitung für die elegante Welt“
Erhaben und extrem
Die Modulationen zu grell, das Finale zu wild: Das Publikum zu Beethovens Zeit sieht in dieser Sinfonie ein Werk der Extreme, dabei neuartig und ungewöhnlich. Und damit entspricht sie auch den damaligen Erwartungen an die Sinfonie als erhabene Gattung, die gar nicht freundlich und angenehm daherkommen soll.
Und so ist es wohl eine Frage der Perspektive, was man heute aus dem Werk heraushört: Die Drastik, mit der Beethoven auch sein Heilgenstädter Testament formulierte, oder eine positive schöpferische Kraft? Der Musik wohnt gewiss beides inne.
Die herrlichen Bläsersoli in den ersten Takten von Beethovens 2. Sinfonie waren gleichsam ein Versprechen, welches die Protagonisten auch einhielten.
Das bayerische Renommierorchester unter souveräner, Leitung seines designierten neuen Chefdirigenten Vladimir Jurowski schöpfte aus dem vollen, überzeugte mit satten Klängen ebenso wie mit sanften Tönen, der gebürtige Moskowiter führte straff, wo geboten, liess auch mal die Zügel etwas lockerer wenn notwendig, aber immer mit der ihm eigenen, wenn auch nicht sturen Ernsthaftigkeit mit eleganten Bewegungen.
Nach vier Minuten Aufbruch in eine neue Ära der Klassik
Knapp vier Minuten braucht Beethoven, um das vorher übliche höfische Menuett mit seinem Scherzo in die Rumpelkammer der Musikgeschichte zu befördern. In übermütiger Stimmung – allegro vivace! – kommt der dritte Satz mit seinen Paukenschlägen und Flötentupfern daher (obwohl Beethoven bereits um seine Ertaubung wusste), und wenn Schluss ist, ist – wie immer bei Beethoven – auch richtig Schluss. Schön!
Stürmischer, langanhaltender Applaus war der verdiente Lohn für die gut aufgelegten Musiker.
Eine Liebe fürs Leben Frank Peter Zimmermann und die „Lady Inchiquin“
Launische Diva und bester Freund – der Musiker und sein Instrument (Quelle: Deutschlandfunk)
Frank Peter Zimmermann über sein Instrument: Die Liebe meines Lebens ist aus Holz und über 300 Jahre alt: Die Stradivari „Lady Inchiquin“ ist die Stimme des Star-Geigers. Doch zwei Jahre musste er auf das 6-Millionen-Instrument durch die Insolvenz der Eigentümerin, der West-LB, verzichten.
Frank Peter Zimmermann: „Ich habe auf dieser Geige, die mal Fritz Kreisler gehört hat, eine Stradivari von 1711, die Möglichkeit, wirklich ausdrucksmäßig unglaubliche Dinge herauszuholen. Das erfordert wahnsinnig viel Aufwand, weil diese Geige eigentlich nicht gefordert werden will, sondern weil sie eher verlangt, dass der Spieler so spielt, wie sie das gerne möchte.“
Jahre hat Zimmermann gebraucht, um die Geheimnisse der „Lady“ zu ergründen und all ihr Nuancen auszuloten, ihre Farben, ihre Süße, ihre Wärme. Eine Liebe fürs Leben nennt Zimmermann gern seine Beziehung zu dieser Geige.
Frank Peter Zimmermann: „Die Geige ist, wie alle „Strads“, eine ziemliche Primadonna, sie ist nicht einfach zu spielen. Und man will doch irgendwie das Allerbeste aus ihr herausholen, und sie wirklich spüren lassen, dass sie sich wohl fühlt, dass ich möchte, dass sie sich wohl fühlt.“
Doch im Februar 2015 droht der Liebesbeziehung das Aus: Die Bank soll wegen eigener finanzieller Engpässe das Instrument zu Geld machen, sogar Zimmermann selbst bietet mit. Doch die Preis-Forderungen sind illusorisch hoch. Niemand will die geforderte Summe auf den Tisch legen. Trotzdem muss die Geige ihre Heimat verlassen – drei Tage vor Zimmermanns 50. Geburtstag – und landet schließlich in einem dunklen Tresor. Der Geiger steht plötzlich ohne Instrument da, und das kurz vor einer Aufnahme mit Konzerten von Mozart. Er leiht sich kurzfristig eine andere Stradivari – ein Instrument, das früher, um die Wende zum 19. Jahrhundert, dem berühmten Virtuosen Giovanni Battista Viotti gehört hat. Frank Peter Zimmermann: „Die hatte einen Bodenstimmriss, und sie klang vor dem Mikrophon wunderbar. Also sie hatte auch diese Süße, sie war von 1712, also auch beste Zeit. Fürs Mikrophon eine gute Geige – aber fürs Konzert, für die großen Säle, ist ihr Klang zu schwach. Zimmermann sucht also weiter, doch vergeblich.
Ein Dreivierteljahr später, Dezember 2015: Während einer China-Tournee stellt sich, eine Stunde vor einem Konzert in Shanghai, ein Mann mit einem Geigenkoffer vor und fragt, ob Zimmermann einmal sein neu erworbenes Instrument anspielen wolle. Zimmermann erkennt sofort, wem es zuvor einmal gehört hat: dem großen belgischen Geiger Arthur Grumiaux. Seit 2016 also spielt Zimmermann auf der „Général Dupont“. Das Instrument im Eigentum der Yu-Kunststiftung wurde zuvor auch von Arthur Grumiaux gespielt. Nachdem Nordrhein-Westfalen 297 Kulturgüter von der WestLB-Nachfolgerin Portigon AG zurückgekauft hatte, wird die „Lady Inchiquin“ nach Aussage der Landeskulturministerin Christina Kampmann dem Violinisten künftig wieder zur Verfügung gestellt.
Ludwig van Beethoven – Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61
Vier leise Paukenschläge, gefolgt von der Vorstellung des Hauptthemas durch die Holzbläser, leiten den Satz ein, dessen liedhaftes und doch majestätisches Hauptthema eine lyrische Stimmung verbreitet. Die Solovioline setzt erst nach der Vorstellung der beiden Hauptthemen und einer etwa dreiminütigen Orchesterpassage ein. Der schlaksige Dirigent leitet mittels viel Mimik und sparsamer, aber aussagekräftiger Gestik.
Trotz viel Ernst wirkt alles leicht
Besonders markant ist das einleitende, pochende Paukenmotiv (es erklingt insgesamt mehr als 70 Mal), aber auch das von den Holzbläsern vorgetragene Hauptthema, das mit seinem lyrischen Gestus den Charakter des gesamten Satzes bestimmt. Kürzer gefasst ist das als Romanze angelegte Larghetto, während Beethoven das Finale als ein Rondo im munteren 6/8-Takt gestaltet und ansatzweise die Ausdruckswelt seiner nur wenig später niedergeschriebenen Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68, der „Pastorale“, vorwegnimmt.
Zimmermann geht mit viel Ernst zur Sache, aber alles wirkt um vieles leichter als seine Mimik ausdrückt, quasi dem Himmel näher, tief in die Musiksubstanz aus Artikulation, Tongebung und Phrasierung dringt er ein und ist damit bedingungslos virtuos. Sein Können stellt er ganz in den Dienst von Beethovens wundervollem Bewegungsdrang, heißblütig spielend und präzis kalkulierend. Das Orchester, in der Größe ideal besetzt und ausbalanciert, hält ohne Mühe mit, fängt Zimmermann nach seinen solistischen Höhenflügen auf und bettet ihn gleichsam sanft wieder in den Schoss des Klangkörpers.
Im Rondo, dem Schlusssatz, der mit seinem 6/8-Thema an ein Jagdthema erinnert, rufen die Waldhörner alle wieder zusammen, worauf sich die Solovioline noch ein letztes Mal darüber hinaus schwingt und das Motiv virtuos kadenzierend modelliert.
Jedes Detail dieser Interpretation war perfekt, von den Triolen, Staccato und Vibrato des Solisten über die präzisen Pizzicato der Celli bis zu den Bläsereinwürfen floss alles ineinander zu einem Gesamtkunstwerk.
Das Auditorium war begeistert und steigerte sich über stürmischen Applaus bis zu einer stehenden Ovation, die solange anhielt bis die Musiker noch das Adagio aus Mozarts – Violin Concerto No. 3 als Zugabe gewährten
Text: www.leonardwuest.ch
Fotos: http://www.migros-kulturprozent-classics.ch/
Homepages der andern Kolumnisten: annarybinski.ch https://noemiefelber.ch/
www.gabrielabucher.ch www.herberthuber.ch http://paul-lascaux.ch/
Produktion und Besetzung:
Produktion: Musikalische Leitung: Alexander Sinan Binder Inszenierung: Martin G. Berger Bühne: Jakob Brossmann Kostüme: Sarah-Katharina Karl Licht: David Hedinger-Wohnlich Dramaturgie: Rebekka Meyer
Besetzung: Hyojong Kim (Graf Almaviva) Eungkwang Lee (Figaro) Flurin Caduff (Bartolo) Diana Schnürpel (Rosina) Vuyani Mlinde (Don Basilio) Robert Maszl (Fiorillo) Camila Meneses (Berta) Marco Bappert (Offizier) Herrenchor des LT Luzerner Sinfonieorchester
Rezension:
Trotz der sehr ungewöhnlichen Umständen infolge des „Corona Zeitalters“ und dem unsäglichen Hick – Hack mit den diversen Amtsstellen, Denkmalämtern usw. um die Renovation/den eventuellen Neubau des Luzerner Theaters wird gespielt, und wie, einfach nur vor den erlaubten 320, statt den üblichen 480 Zuschauern. Nicht nur bei Luzern Tourismus spielen Asiaten eine Hauptrolle, auch am Luzerner stehen mit Eungkwang Lee und Hyojong Kim zwei Südkoreaner in tragenden Rollen auf der Bühne, zudem agieren noch einige im Chor.
Die eigentliche Handlung von Gioachino Rossinis Opern-Evergreen «Il Barbiere di Siviglia» ist schnell skizziert: «Ein verliebter Alter will morgen sein Mündel heiraten; ein junger Liebender mit mehr Geschick kommt ihm zuvor», fasste der französische Komödiendichter Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, der mit seinem gleichnamigen Stück die Vorlage geliefert hatte, das Geschehen zusammen.
Die Luzerner präsentieren Bartolo nicht als lüsternen, alten Bock, sondern machen sich die aktuelle Weltlage zunutze und positionieren ihn als überbesorgten Virologen im Kampf gegen die sich immer mehr einschleichende Sorg- und Gedankenlosigkeit seiner Mitmenschen.
Seit über 200 Jahren ein Bestseller
Die Geschichte wird schon seit 204 Jahren auf vielen Bühnen weltweit musikalisch erzählt, vermag aber, trotz Durchfall bei der Uraufführung am 20. Februar 1816 im Teatro Argentina in Rom, immer wieder zu fesseln, so auch aktuell am Luzerner Theater. Diesmal aber wird, aufgrund der Hygienevorschriften, ohne Pause gespielt, wofür das Werk, durch Bearbeitung von Dramaturgin Rebekka Meyer, von fast drei Stunden auf 1 Stunden 50 Minuten gestrafft werden musste. Da aus den gleichen Gründen nur eine Kleinformation von 14 Musikern inkl. Dirigent mitmachen durften, war auch Rossinis Musik davon betroffen, die von einem unabhängigen, externen Komponisten, in enger Zusammenarbeit mit dem musikalischen Leiter Alexander Sinan Binder, neu arrangiert wurde und zwar so raffiniert, dass man trotzdem ein volles Klangerlebnis genoss und gar nicht explizit mitbekam, was denn weggelassen oder umgeschrieben wurde.
Aequitas, Hygienitas und Veritas
Diese Worte stehen auf der Leinwand, die zu Beginn die später im Spiel benötigte grosse Wendeltreppe verhüllt. Links und rechts davon posiert je ein Soldat, die sich später als „Seuchenpolizisten“ entpuppen. Im Hintergrund, im Halbrund aufgereiht, das dünn besetzte Luzerner Sinfonieorchester unter Leitung von Alexander Sinan Binder. Im Vorspann, auf die Leinwand projiziert ein paar Eckdaten der Entwicklungsgeschichte, u.a.: 1814 Komposition des Barbiere, 1783 erster bemannter Heißluftballon 1825 fuhr 1. Eisenbahn, 1886 1. Patent für Automobil, 1931 1. Fernsehsendung, 1945 Abwurf der 1. Atombombe1957 1. Satellit, 2007 1.Phone, 2020 Covid 19. Fiorello (grossartiger Robert Mazl) als Erzähler führt durch den Plot, erläutert die Geschehnisse.
Wenn der „Goldene Käfig“ aus metallenen, grauen Gitterstäben besteht
Eine grosse drehbare, vergitterte metallene Wendeltreppe, sinnbildlich für das Haus von Doktor Bartolo, steht mitten im Globe und dient als eine Art Bühne, wo sich das meiste abspielt. Darin, wohlbehütet von ihrem Vormund Bartolo, sitzt dessen Mündel im sprichwörtlichen goldenen Käfig. Regisseur Martin G. Berger versetzt das Geschehen in die aktuelle Zeit der Pandemie, steckt Bartolo in die Rolle eines übervorsichtigen Virologen. Dieser ist um die Gesundheit aller ihn umgebenden Personen, aber besonders um die eigene und um die seines Mündels, äusserst besorgt und agiert deshalb sehr vorsichtig penibel und er duldet nichts und niemand in nächster Nähe, der nicht garantiert getestet „unverseucht“ ist. Über das ganze Geschehen wacht eine strenge Hygienepolizei (Männerchor des LT in Tiefseetaucher ähnlichem Outfit inkl. Gasmaske und Desinfektionsmittelzerstäubern).
Ignoranten und Verneiner formieren sich
Ein pink – Strumpfband – gewandeter Figaro und sein Kumpane Fiorello foutieren sich mehr oder weniger um die Anordnungen und erlassenen Vorschriften der Behörden und zuständigen Gesundheitsämtern, animieren gar andere, sich ebenso zu verhalten, bewegen sich in der Nähe von Verschwörungstheoretikern und entschliessen sich, um mehr politisches Gewicht und grösseren Widerstand zu generieren, zur Gründung des LBU (Lustvoller Berührungs Untergrund).
All dies tun sie lustvoll und nicht humorlos. Vor allem, um den sturen Bartolo zu ärgern, schmieden sie ein Komplott um, unter Mithilfe des Grafen Almaviva, Rosina zu verführen und aus den Fängen des pingeligen Despoten zu befreien. Es ist Figaro, der Barbier von Sevilla, der sich als lebensfroher und einfallsreicher Geselle entpuppt, der seinen Beruf liebt und voller Begeisterung ausübte, inzwischen aber, aufgrund des Lockdowns, pleite ist. Figaro erklärt dem Grafen, dass er bestens über Rosina informiert ist.
Ensemble agiert auf allerhöchstem Level
Als Rosina, ähnlich Rapunzel ihre Haare, einen langen pinken Schal vom obersten Treppenabsatz zu ihren Verehrern hinunterlässt, bekommt die Szenerie einen märchenhaft- komödiantischen Touch. Beim ersten Annäherungsversuch tarnt sich der Graf als angetrunkener Soldat, bleibt aber erfolglos. Als er sich beim zweiten Mal als Musiklehrer einschleicht, klappt die Verführung beim Gesangsunterricht und Rosinas Flucht kann vorbereitet und ausgeführt werden. Die Interpreten überzeugen durch Ihre schauspielerische und sängerische Leistungen. Eungkwang Lee gibt einen sehr extrovertierten, dennoch etwas blassen Figaro. Diana Schnürpel ist eine aufgestellte, selbstbewusste Rosina, figürlich in Richtung blond-pinkhaarfarbige Barbie Puppe angelegt. Ihr Sopran ist angenehm, wenn auch etwas zu schreierisch bei den Spitzentönen. Hyojong Kim ist der perfekte Graf Almaviva/Lindoro mit schöner, lyrischer Tenorstimme. Flurin Caduff überzeugt als ernster, sturer Don Bartolo und mit seiner temperiert, differenzierten Stimme. Auf der Bühne wird umarmt, sich abgeküsst, als ob es keine Bedrohung durch das unsichtbare Virus gäbe und alles so wäre, wie es schon immer war. Beim Zwischenabspann werden schmusende, küssende, kopulierende Paare auf die grosse Leinwand projiziert, also alle bei nicht „seuchengerechten“ Tätigkeiten und Fiorello stellt voreilig befriedigt fest: Es ist alles wie vorher.
Die Seuche hinterlässt Spuren, fordert Opfer
Zum Schluss fordert die Seuche halt dann doch noch ihr Opfer, fatalerweise aber nicht einen der aufrührerischen, besserwisserischen Widerständler, sondern ausgerechnet den übervorsichtigen, pflichtbewussten Virologen Bartolo.
Der Regisseur zeichnet das Gesellschaftsbild etwas zu überspitzt clichéhaft im Laufe der Geschichte, sodass leider die Ironie schon fast zur Parodie verkommt.
Nichtdestotrotz begeisterte ein glänzend aufgelegtes Ensemble das Premierenpublikum und wurde dafür mit einem entsprechend langen Schlussapplaus belohnt.
Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Hoehn:
Text: : www.leonardwuest.ch Fotos: Ingo Hoehn luzernertheater.ch