Carl Philipp Emanuel Bach (1714 – 1788) Flötenkonzert d-Moll H 484.1 / Wq 22 Camille Quinton, Flöte Klasse Pirmin GrehlLudwig van Beethoven (1770 – 1827) Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61 1. Satz Allegro ma non troppo Mátyás Mézes, Violine Klasse Igor KarskoHenri Vieuxtemps (1820 – 1881) Violinkonzert Nr. 5 a-Moll op. 37 Marta Peño Arcenillas, Violine Klasse Daniel DoddsLudwig van Beethoven (1770 – 1827) Klavierkonzert Nr 5 Es Dur op. 73 1. Satz Allegro Denys Zhdanov, Klavier Klasse Konstantin LifschitzFelix Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847) Violinkonzert e-Moll op. 64 Inès Morin, Violine Klasse Igor KarskoFestival Strings Lucerne Daniel Dodds, Leitung
Camille Quinton, Flöte freut sich über den Applaus
Dieses Werk des sogenannten „Hamburger Bach“, er war zu Lebzeiten sogar berühmter als sein Vater Johann Sebastian, ist ein umgearbeitetes Cembalokonzert. Bach war damals einer der berühmtesten „Clavieristen“ Europas. Für das Cembalo – sein Lieblingsinstrument – hat er rund 150 Sonaten und über 50 konzertante Stücke geschrieben. Bei den Wiener Klassikern stand Bach in hohem Ansehen. So bekannte Joseph Haydn: „Wer mich gründlich kennt, der muss finden, dass ich dem Emanuel Bach sehr vieles verdanke, dass ich ihn verstanden und fleißig studiert habe.“ Von Mozart stammt der Ausspruch: „Er (Emanuel Bach) ist der Vater; wir sind die Bubn. Wer von uns was Rechts kann, hats von ihm gelernt.“ Ludwig van Beethoven schrieb in einem Brief an Breitkopf & Härtel immerhin: „Von Emanuel Bachs Klavierwerken habe ich nur einige Sachen, und doch müssen einige jedem wahren Künstler gewiss nicht allein zum hohen Genuss, sondern auch zum Studium dienen. Die junge französische Solistin hat während ihres Studiums schon Praktika beim Berner Sinfonieorchester und beim Sinfonie Orchester Biel Solothurn absolviert und nahm im Sommer 2018 an der Lucerne Festival Academy teil. Diese Erfahrungen des Zusammenspiels mit grossen Orchestern erleichterten ihr wesentlich, sich den „Festival Strings“ beizuordnen, sich bestens zu integrieren und die eingestreuten Soli mit einer gewissen Gelassenheit und Routine zu absolvieren. Sie reihte die jubilierenden Noten klar, präzis wie Perlen an die Schnur, setzte pointierte Triller, schöne Tremolo, haucht feine Vibrato in den Saal, supportiert von den gut aufgelegten „Strings“, die sich bei ihrem zweiten Auftritt im KKL Konzertsaal nach dem Re Start schon wieder routiniert zeigten wie eh und je im Zusammenspiel, als wär da nie ein viermonatiger Konzertstopp gewesen.
Ludwig van Beethoven Konzert für Violine und Orchester D-Dur 1. Satz Allegro ma non troppo Mátyás Mézes, Violine
Mátyás Mézes, Violine spielt Beethoven
Nun wurde das nicht mehr benötigte Cembalo zur Seite geschoben, dafür ergänzten einige Bläser*innen das Orchester. Aus Beethovens einzigem vollendetem Konzert dieser Gattung intonierte der ungarische Solist den ersten Satz. Der erste Satz entspricht der Sonatensatzform. Vier leise Paukenschläge, gefolgt von der Vorstellung des Hauptthemas durch die Holzbläser, leiten den Satz ein, dessen liedhaftes und doch majestätisches Hauptthema eine lyrische Stimmung verbreitet. Das Paukenmotiv kehrt an mehreren Stellen des Satzes wieder. Die Solovioline setzt erst nach der Vorstellung der beiden Hauptthemen und einer etwa dreiminütigen Orchesterpassage ein. Vertraute Töne, wird doch das 2. Thema aus dem 1. Satz des Konzerts für die akustische Senderkennung des ZDF verwendet. Finale mit filigranen Läufen dazu gesellen sich die Pizzicato der Streicher, die sanften Töne des Fagotts, bevor sich die ganze aufgestaute Spannung im Tutti Finale entlädt. Obwohl Mézes, laut Biografie, am meisten Erfahrung mit Orchesterauftritten von allen Solist*innen hat, wirkte er gehemmt, etwas verbissen, technisch zwar sehr gut, aber ohne das innere Feuer, das sich in Ausstrahlung transformieren würde. Oder legte er sich schlicht mit Beethovens Oeuvre die Messlatte „noch“ zu hoch?
Henri Vieuxtemps Violinkonzert Nr. 5 a-Moll Marta Peño Arcenillas, Violine
Marta Peño Arcenillas, Violine brilliert
Obwohl Mitte des 19. Jahrhunderts komponiert, tönt die Komposition sehr modern und man würde sie eher dem Aufbruch anfangs des 20. Jahrhunderts zuordnen, als Komponisten wie Igor Strawinsky, Béla Bartók etc. musikalisch in andere Welten aufbrachen. Beauftragt wurde das Werk vom befreundeten Geigenvirtuosen Hubert Léonard, der ein «pièce de concours» für die Abschlussprüfung seiner Violinklasse am Königlichen Konservatorium Brüssel suchte. Die drei Sätze des Werks sind so miteinander verknüpft, dass der Eindruck eines einzigen erweiterten Satzes entsteht. Der erste Satz beginnt mit einer Orchesterexposition, die drei kontrastierende Themen vorstellt; danach folgt der dramatische Einsatz der Solistin, der zu einem lyrischen Thema führt. Ein zweites Thema des Soloinstruments, in C-Dur, enthält weiteres lyrisches Material, das während seiner Wiederholung im Orchester vom Solisten begleitet wird. Die erweiterte Durchführung bietet Gelegenheit zu solistischer Virtuosität, bevor eine Kadenz erreicht wird. Eine kurze Moderato-Überleitung führt zu dem gesanglichen Andante mit seinem anrührenden a-Moll-Thema. Einer Modulation nach A-Dur folgt eine C-Dur-Melodie aus Grétrys Oper Lucile – eine Anspielung, der das Konzert seinen Beinamen (“Le Grètry”) verdankt. Ein kurzes Allegro con fuoco in a-Moll beschließt das Konzert. Die junge spanische Solistin fegte durch die anspruchsvolle Partitur mit einer, (für ihr Alter von grad mal 26 Jahren), Gelassenheit und Sicherheit, aber auch brennender Leidenschaft. die sonst nur sehr routinierte Solist*innen auszustrahlen vermögen.
Ludwig van Beethoven Klavierkonzert Nr. 5 2 und 3. Satz Denys Zhdanov, Klavier
Denis Zhdanov, Klavier interpretiert Beethoven
Hier wurde der erste Satz nicht gespielt, so war der Einstieg in das Werk doch sehr ungewohnt. Der ergreifende Mittelsatz ist in H-Dur gesetzt, einer mit Es-Dur enharmonisch verwechselt terzverwandten Tonart (eigentlich Ces-Dur), und erinnert in seiner Klanglichkeit bereits an die Klaviermusik von Chopin oder Liszt. Dabei handelt es sich um eine dreiteilige Adagio-Form mit der Gliederung in A B B‘ A‘ A“ sowie einer 3-taktigen Überleitung zum letzten Satz. Gedämpfte Streicher über einer gezupften Basslinie stellen zunächst das getragene, choralhafte Hauptthema (16 Takte) vor, ehe in T. 16 das Klavier übernimmt und ein zweites Thema (11 Takte) zur Begleitung des Orchesters vorträgt, welches in T. 26 in der Dominante Fis-Dur endet.
Leitung Daniel Dodds
Den Schlusssatz mit der Gliederung in A B A C A B A + Coda eröffnet das Klavier unbegleitet im donnernden Fortissimo. Das Hauptthema in Es-Dur, bestehend aus einem aufstrebenden Dreiklang und einem abwärts geführten Gegenmotiv, wirkt aufgrund seines ungewöhnlichen rhythmischen Profils, der kontrastreichen Gestaltung sowie seiner formalen Offenheit fast schon „zwanghaft“ freudig. Manch einer fühlt sich hier eher an ein manisches „Grinsen“ als an ein natürliches „Lächeln“ erinnert – und bildet somit einen deutlichen Kontrast zum Mittelsatz. Das Orchester wiederholt das Hauptthema in T. 17 und erweitert es diesmal zu einem in sich geschlossenen Themenkomplex. Der Solist trug die zwei Sätze mit einer gewissen Ironie und Schalkhaftigkeit vor, nie verbissen oder in „Beethovenscher Mürrigkeit“.
Felix Mendelssohn Bartholdy Violinkonzert e-Moll Inès Morin, Violine
Inès Morin, Violine nach dem Finale
Von der äußeren Form folgt das frühe Violinkonzert dem typischen Erscheinungsbild des Solokonzerts: schnelle Ecksätze und ein kantabler Mittelsatz. Es handelt sich bei dieser dreisätzigen Anlage um einen festen Gattungstypus, der im Wesentlichen auf die zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstandenen Solokonzerte von Antonio Vivaldi zurückzuführen ist. Bemerkenswert ist im ersten Satz die auffällige Folge von Tutti- und Solopassagen, die auf die in der Barockmusik verbreitete Ritornell Form hinweist. Ein kontrastierendes Thema erscheint erst im ersten Solo der Violine, während es im eröffnenden Tutti fehlt. Alles in allem imponiert der Kopfsatz als „Synthese aus Sonatensatzform und barockem Ritornellprinzip. Diese Bezugnahme auf ältere Konventionen ist geradezu typisch für Mendelssohn, vor dem Hintergrund dessen lebenslanger Beschäftigung mit dem Werk alter Meister. Die Werkentstehung war für Mendelssohn „mit ungeheurer Anstrengung verbunden und beanspruchte etwa sieben Jahre – 1838 – 1845 – von den ersten Anfängen bis zur Fertigstellung, Aufführung und Veröffentlichung“. Gekennzeichnet war dieser Prozess von zahllosen Überarbeitungen, die von erheblichen Selbstzweifeln begleitet wurden. Das Konzert ist während seiner Entstehung „häufiger Gesprächsgegenstand zwischen Mendelssohn und David [dem Solisten der Uraufführung] gewesen.“ Das Konzert folgt ebenfalls der dreisätzigen Anlage der Solokonzertform. Gegenüber dem frühen Violinkonzert befindet sich Mendelssohn hier auf der Höhe seiner Zeit, was am deutlichsten anhand des Kopfsatzes, der, mit Besonderheiten, der Sonatensatzform folgt, erkennbar ist. Diesem folgt ein kantabler zweiter Satz, während der dritte Satz, nach einer mäßig raschen Introduktion in e-Moll, wieder in einem raschen Tempo steht und ein Rondo bildet. Durch den Wechsel zu E-Dur nimmt das Rondo-Finale eine überaus heitere Grundstimmung an, in der das Konzert zu Ende geführt wird. Die junge Französin intoniert flüssig, elegant und mit betörender Souplesse zu dem das Orchester, wie den ganzen Konzert Abend hindurch, den ausserordentlich meisterhaften musikalischen Klangteppich legt.
Die Festival Strings Lucerne geniessen den verdienten Schlussapplaus
Alle Solisten und das Orchester erhielten stürmischen Applaus, die beiden Violinistinnen ernteten sogar einzelne Bravorufe an diesem, zum ersten Mal auf zwei Abende aufgeteilten Solistenkonzert.
Daniel Hope und das Zürcher Kammerorchester Foto Sandro Diener
Programm und Besetzung:
Edward Elgar Serenade für Streichorchester e-Moll op. 20 Johann Sebastian Bach Brandenburgisches Konzert Nr. 5 D-Dur BWV 1050 Antonio Vivaldi Der Sommer, aus: Vier Jahreszeiten op. 8 RV 315 Piotr Iljitsch Tschaikowsky 1. Satz aus Serenade für Streichorchester in C-Dur op. 48
Nach einem genussvollen Abendessen in äusserst angenehmer Begleitung in einem nahegelegenen Restaurant dislozierten wir gutgelaunt zur Tonhalle Maag, vor und in der nicht das sonst übliche Gedränge herrschte. Dank den Lockerungen im Corona Modus reichte es immerhin noch für das Saisonabschlusskonzert des Zürcher Kammerorchesters, Abschluss einer Saison, die eigentlich gar nicht stattgefunden hatte. Aufgrund der Beschränkung auf nur 300 Personen, inkl. Orchester, Platzanweiser*innen usw., die sich im Saal aufhalten durften, entschlossen sich die Verantwortlichen, das Konzert, in leicht gekürzter Form und ohne Pause, gleich zweimal nacheinander am gleichen Abend zu spielen. Somit kamen immerhin ca. 460 Personen in Genuss des Ohrenschmauses. Ein ungewohnter Anblick, die lichten Reihen in der Tonhalle Maag, die sonst bei Konzerten des ZKO meist prall gefüllt ist. Zur Corona Prävention wurden sogar Gesichtsmasken kostenlos an die Besucher abgegeben, aber nur von den wenigsten getragen. Es wurde ein unbeschwerter Konzertgenuss in eine neue Konzert Ära mit ungewohnter Ellbogenfreiheit. Das Klangerlebnis auch ungewohnt, viel weniger dumpf, mehr hallend, da weniger Zuhörer, auch weniger Schall schluckende Textilien (Kleider) im Saal waren. Das Programm wirkte etwas Liturgie lastig mit Werken von Elgar und Bach, beide streng gläubig und Vivaldi, der in jungen Jahren gar zum katholischen Priester geweiht wurde.
Edward Elgar – Serenade E minor, op. 20
Der Kopfsatz (Allegro piacevole) kann Elgars pastoralen Neigungen nicht verhehlen, der langsame Satz (Larghetto) trägt elegische Züge, das Finale (Allegretto) sorgt für einen heiteren Ausklang. Dass kurz vor Schluss der erste Satz noch einmal anklingt, hat Elgar der Serenade Opus 22 von Dvorak abgelauscht, unter dem er sogar eine zeitlang als Orchestermusiker tätig war. Das ca. 13minütige Werk, äusserst gefühlvoll und fast zurückhaltend interpretiert vom Orchester erwies sich als sehr passender Einstieg in den Re Start ins Konzertleben des ZKO und wurde vom Publikum mit dem entsprechenden Applaus gewürdigt.
J.S. Bach Brandenburgischen Konzert Nr. 5 D Dur
Naoki Kitaya Cembalo Foto Sandro Diener
Das Konzert für Solocembalo, Flöte, Violine und Streichorchester gehört zu den frühesten Beispielen eines solistischen Tasteninstruments mit Orchester. Innerhalb der aus Italien stammenden Konzertform spielt die sehr modern wirkende, ganz die Außenstimmen betonende Satzweise mit ihren ständigen Triolen deutlich auf den französischen Geschmack an. Auch die Verwendung der gerade aufkommenden Traversflöte weist in diese Richtung. Alle drei Sätze führen nach einiger Zeit eine durch Seufzer Motive geprägte Melodik ein, die ebenfalls auf Modelle französischer Komponisten verweist. So kann dieses Konzert als ein Beispiel für das Bestreben deutscher Komponisten des Hochbarock gelten, die Nationalstile Italiens und Frankreichs miteinander zu verbinden. Die Instrumente werden über weite Strecken recht gleichwertig eingesetzt; in der zweiten Hälfte des ersten und dritten Satzes treten dann aber zunehmend virtuose Partien für das Cembalo auf, die die anderen Instrumente stellenweise etwas in den Hintergrund drängen und im ersten Satz in ein umfangreiches Solo münden. Wegen der hier dominierenden Rolle des Cembalos wird das Konzert manchmal als das erste Cembalokonzert der Musikgeschichte gesehen. Nach dem Tutti-Ritornell führen sich die Solisten mit einem eigenen Thema ein und entwickelt aus diesem kontrastierenden Thema schnell eine durch Seufzer Motive geprägte Melodik. Umfangreiche Solopassagen werden strukturiert durch häufige Orchestereinsätze, Couplets, mit dem Ritornell Beginn.
Stéphane Réty Flöte Foto Sandro Diener
Nach einem kurzen Intro der Streicher bringt sich zuerst der gebürtige Franzose Stéphane Réty, Soloflötist des Zürcher Kammerorchesters und des Sinfonieorchesters Basel, ins Spiel, kurz darauf gefolgt von Naoki Kitaya am Cembalo. Der in Tokio geborene Solist war u.a. Schüler von Nikolaus Harnoncourt. Im dritten Satz übernimmt dann auch die erste Geige (Daniel Hope) eine immer gewichtigere Rolle und etabliert sich, nebst Flöte und Cembalo, als dritte Solostimme, immer eingebettet im Klangteppich des äusserst souveränen Orchesters.
Fugenartiger Schlusssatz
Der Schlusssatz beginnt wie eine Fuge – zunächst in den Soloinstrumenten, schließlich auch im Orchester –, doch wird die thematische Arbeit schnell aufgegeben. Dieser Satz ist deutlich dreiteilig, mit identischen Außenteilen und einem kontrastierenden Mittelteil doppelter Länge in der parallelen Molltonart. Auch dieser mittlere Satzabschnitt führt gleich zu Beginn ein ganz neues Thema ein, das durch seinen großen Bogen und gesanglichen Charakter einen deutlichen Gegensatz zum Bisherigen bildet und von Bach ausdrücklich als cantabile bezeichnet wurde. Nachdem jedes Soloinstrument es einmal gespielt hat, wird es auch von den Oberstimmen des Orchesters übernommen; die Grenzen zwischen Soloinstrument und Orchesterinstrument verschwimmen hier stellenweise in einem dichten Geflecht. Etwa ab der Mitte des Satzes wird dann das Cembalo wieder deutlich als Solist herausgestellt, dem Flöte und Violine einerseits und Orchesteroberstimmen andererseits als geschlossene Gruppen entgegentreten. Der Abschnitt endet in h-Moll, dann beginnt der Satz überleitungslos wieder von vorne, also mit der wörtlichen Wiederholung des ersten Abschnitts. Die drei Solisten agierten auf höchstem Niveau, das Orchester bot ihnen den soliden, anspruchsvollen Klangteppich, auf dem sie sich in Szene setzen konnten.
Antonio Vivaldi – Vier Jahreszeiten – Der Sommer
Daniel Hope (Music Director)
Das ist auch ein persönliches Statement des Geigers und Music Directors des Kammerorchesters: Kaum ein anderer Komponist hat ihn in seiner Karriere so sehr begleitet wie Vivaldi, dessen Ideenreichtum, dessen Mut und rhythmisches Genie Daniel Hope über alles verehrt. Das geeignete Terrain für den Meisterviolonisten, sein ganzes Können zu demonstrieren. Die matten, schleppenden Akkorde des Themas sind auch für den heutigen Hörer als Darstellung extremer Hitze nachvollziehbar und bauen eine Spannung auf, die sich urplötzlich in einem virtuosen Solo entlädt.
Deutliche Vogelstimmen extrahieren sich aus dem Motiv
Hier ist der Kuckuck zu hören, später dann auch Taube und Distelfink. Die liegende Harmonik verdeutlicht das endlose Warten der Natur auf etwas Kühlung. Da sind auf einmal leichte Winde zu spüren; sie kommen aber nur langsam in Gang, bis schlagartig der eisige Nordwind losbricht. Pianissimo nun noch einmal ein paar Takte des Anfangsritornells auf der Dominante, als sei die Hitze nun plötzlich weit entfernt, und wieder hören wir den Hirten über sein Schicksal klagen, bis der kalte Sturm wiederkommt und alles hinwegfegt. Der begnadete Geiger legte mit seinem Orchester einen stürmischen Sommer aufs Parkett und erntete ebensolchen Beifall vom begeisterten Publikum.
Tschaikowskys Abschiedstanz in die laue Frühsommernacht
Mit einem Tschaikowsky Walzer liess Musical Director Daniel Hope das Konzert austanzen, also dem 2., statt dem programmierten 1. Satz aus der Serenade für Streichorchester in C-Dur op. 48. Hope spielt auf der, von einer anonymen deutschen Familie zur Verfügung gestellten, 1742 “ex-Lipínski” Guarneri del Gesù und beflügelte mit dieser lichtdurchfluteten, luftigen Komposition die Stimmung des gutgelaunten Auditoriums zu einem stürmischen, langanhaltenden Schlussapplaus.
Ein in allen Belangen gelungener Start in die Konzertzukunft des ZKO.
Festival Strings Lucerne Back on stage mit Pianistin Claire Huangci Foto Fabrice Umiglia
Besetzung und Programm:
Festival Strings Lucerne, Claire Huangci, Klavier | Daniel Dodds, Leitung und Violine
Franz Schreker: Scherzo für Streichorchester (1900) Frédéric Chopin: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 f-Moll op. 21, Fassung für Streichorchester von Ilan Rogoff (2010) Robert Schumann: Bilder aus Osten op. 66 (1849), Fassung für Streichorchester von Friedrich Hermann (1884) Antonín Dvořák: Serenade für Streichorchester E-Dur op. 22 (1876)
Rezension:
Dass es ein sehr ungewöhnliches Konzert werden würde, war natürlich klar, für das Orchester, wie auch für die Besucher, deren Anzahl beschränkt war, durften sich doch, inklusive Musiker, total nur 300 Personen im Konzertsaal aufhalten. Unglücklicherweise wurden vom Bundesrat Veranstaltungen mit bis zu 1000 Personen erst ab dem Montag, also dem darauffolgenden Tag erlaubt. Das Konzert, ursprünglich als reines Studiokonzert gedacht, stand unter der Schirmherrschaft des Schweizer und des Deutschen Musikrates und wurde direkt von deren beiden Radiokanälen übertragen.
Wie hatten die Musiker*innen die lange Pause verarbeitet?
Festival Strings Lucerne Back on stage
Gespannt, wie die Musiker die Wochen ohne öffentliche Auftritte „verdaut“ haben, nahm man im ungewohnt lichtbevölkerten Konzertsaal Platz. Würde das Zusammenspiel so präzise sein, wie wir es vom Luzerner Renommierorchester gewohnt waren. Waren die einsamen Übungssessionen, die die Orchestermitglieder im „Home office“ für sich alleine absolvieren mussten, der Harmonie im Zusammenspiel mit ihren Mitmusikern abträglich?
Die Bedenken waren schon nach den ersten Takten verflogen, die „Strings“ lebten wie eh und je, fesselten die Zuhörer sofort mit ihrer Spielfreude, mit ihrer positiven akustischen Ausstrahlung und mit sichtlich zufriedenen, glücklichen Gesichtern und mit dem kurzen Amuse bouche, bzw. Amuse – oreille in der Form des Scherzo`s für Streichorchester von Franz Schreker auch das richtige Gespür in der Stückwahl für den Anfang des Konzertes.
Chopin in Reinkultur
Claire Huangci, Klavier Foto Mateusz Zahora
Die Solistin des Abends, die amerikanische Pianistin Claire Huangci, Gewinnerin des ersten Preises sowie des Mozartpreises beim Concours Géza Anda 2018, zieht ihr Publikum durch „glitzernde Virtuosität, gestalterische Souveränität, hellwache Interaktion und feinsinnige Klangdramaturgie in den Bann. Mit Chopins Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 f-Moll war auch ein ideales Werk programmiert, um ihre große Wandlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.
Chopin hat die Konzerte in erster Linie für sich selbst komponiert. Das Klavier steht ganz und gar im Zentrum, das Orchester begleitet dezent und dient vor allem dazu, Farben und Spannungsbögen zu unterstreichen – anders als etwa in den Konzerten von Mozart oder Beethoven, in denen Solist und Orchester gleichberechtigte Partner sind.
1. Maestoso
Chopin lässt uns zweieinhalb Minuten warten, bis er die Solistin ins Spiel des Orchesters mit einbezieht. Diese fügt sehr gefühlvoll zurückhaltend in das Ensemble ein, setzt perlende Läufe, um sich gleich wieder zurückzunehmen und das Thema weiter zu spinnen,
Ihr Spiel funkelte ab und zu wie der glitzernde Schmuck an ihrem Handgelenk.
2. Larghetto
Hier wirkte die Solistin ab und zu sehr theatralisch, offenbarte ihr grosses Potenzial als Showtalent. Ihr Spiel, wo lyrisch, poetisch und einfühlsam angesagt war, leider eine Spur zu schwelgerisch, fast leicht pomadig-süss.
3. Allegro vivace
Festival Strings Lucerne Back on stage mit Pianistin Claire Huangci
Das Finale des Konzertes ist ein Rondo in der Grundtonart f-Moll über einen polnischen Tanz. Dieser „Krakowiak“ erscheint im Dreivierteltakt und ist ebenfalls von lyrischem Charakter. Das Tempo des Tanzes ist recht schnell und wird in einzelnen Teilen des Krakowiaks (Mazur und Oberek) feurig gesteigert. Das Rondo wird dadurch zum als Ritornell wiederkehrenden Tanzthema. Diesem werden abwechselnd lyrische Solostellen und Mazurken-Teile gegenübergestellt. Eine ausdrucksstarke Coda beendet den Satz. Chopin behandelt die Form des Rondos in diesem Satz sehr frei und vermischt sie mit der Form des Allegro. So entsteht ein feuriger, träumerischer, phantasievoller und lebensfroher Tanz. Der Satz gilt als romantische Verwirklichung des polnischen Volkstanzes und bot der Solistin ausreichend Gelegenheit, in die Rolle einer Salonlöwin zu schlüpfen und ihr technisches Können zu demonstrieren, immer kongenial unterstützt vom bestens aufgelegten Orchester. In diesem Satz überzeugte die Amerikanerin chinesischer Abstammung mit fantastisch hingeworfenen Läufen, filigranen Zislierungen, mit kraftvoll energischen Staccati ebenso wie mit subtilen Tremolo. Wundervoll ausgespielt die großangelegten Figurationen kurz, unterbrochen durch einen düsteren, harmonisch interessanten Einwurf des Orchesters, den das Klavier in der Art eines Echos erwidert, bevor das Motiv wieder gefunden und das Finale mit dem poetischen Thema ausgespielt wird. Das Publikum honorierte die grandiose Darbietung der Musiker mit starkem Applaus und einigen Bravorufen für die Solistin. Da es in Coronazeiten ratsamer ist den Publikumsverkehr einzuschränken, gab es denn auch keine längere Pause, es blieben aber zehn Minuten, um, wenn nötig, das stille Örtchen aufzusuchen.
Schumanns Bilder aus dem Osten zum Start in den 2. Konzertteil
Schumann wurde dazu vom ‚Makamen‘ – einer Gattung arabischer gereimter Prosa, inspiriert und er schrieb es ursprünglich als Klavierstück für vier Hände. An diesem Abend interpretierten die „Strings“ die Komposition in der Fassung für Streichorchester von Friedrich Hermann. Unter der subtilen Aegide von Daniel Dodds, wie immer sitzend, waren die Musiker*innen in ihrem Element, der kammermusiklischen Formation als reine Streicher, einmal mehr eine Klasse für sich.
Slawische Klänge zum Abschluss
Die fünf Abschnitte, das Moderato, Tempo di Valse – Trio, Scherzo vivace, Larghetto und Finale: Allegro vivace, sind sehr unterschiedlich und doch eine Symbiose slawischer Lebensfreude, die sich als grosse Spielfreude auf die Musiker überträgt.
Daniel Dodds, Leitung und Violine
Die Musik des jungen Dvořák ist manchmal überbordend und neigt zu thematischem Wildwuchs, zeigt aber größtes Talent, ein Gespür fürs Volkstümliche und jugendliche Frische. Aus dem Fundus böhmisch inspirierter Volkslieder, extrahierte der Komponist die ihm geeignet erscheinenden Sequenzen für viele seiner Kompositionen. Ein Musikreigen, wie geschaffen für das Luzerner Ensemble von Weltruf, eine Inspiration für überbordende Spielfreude, gepaart mit solistischen Zwischenspielen auf höchstem Niveau, Musikgenuss pur. Das erlesene Publikum sah das auch so und belohnte die Künstler mit langanhaltendem Applaus, der den „Chef“ Daniel Dodds immer wieder auf die Bühne zurückrief, bis er sich dazu entschliessen konnte, uns doch noch eine Zugabe zu gewähren und so servierte man uns als „Bettmümpfeli“ noch Schumanns Abendlied in der Fassung von Johan Svensson.
Während einer Amerikareise verbrachte ich einige Tage bei neuen Bekannten in Cincinnati. Meine Landlady, Sally C., war kulturell sehr interessiert; wir führten lange Gespräche über die Welt im Allgemeinen und über die Literatur im Besonderen. Obwohl ich mich mit persönlichen Bekenntnissen zurückhielt, realisierte sie schnell, dass mein Hauptinteresse «dem sogenannten Bühnenautor William Shakespeare» galt und brachte mir am letzten Abend mit einer geheimnisvollen Miene einige Bücher aufs Zimmer.
Die Bemerkung, dass niemand diese Bände sehen durfte, vor allem ihr Ehemann nicht, weckte meine Neugier aufs Äusserste. Noch mehr die Mitteilung, dass sie mir damit ein Familiengeheimnis, nämlich die tragische Geschichte ihrer Ur-Ur-Urgrosstante anvertrauen wollte. Da mir vor der Abreise nur noch wenige Stunden zur Verfügung standen, fing ich gleich zu lesen an – und hörte bis zum Morgengrauen nicht auf. Was war das für eine Nacht!
Delia Bacon
Hier eine kurze Zusammenfassung der Lektüre, die mich über alle Massen aufgewühlt hatte. «Ein protestantischer Geistlicher zog 1811 mit Frau und Kindern in die wilden Wälder von Ohio, um Indianer zu bekehren. So kam die amerikanische Autorin Delia Bacon fernab jeglicher Zivilisation auf die Welt. Der Missionstätigkeit des Vaters war kein Glück beschieden, Hunger, Kälte, wilde Tiere und feindliche Eingeborene bedrohten ständig das Leben der kleinen Familie. Der gute Pastor musste unverrichteter Dinge – es heisst, ohne je einen Indianer getauft zu haben - und völlig verarmt nach Connecticut zurückkehren, wo er bald darauf starb.Weil seine Witwe für Delia keine höhere Schule bezahlen konnte, nahm die junge Dame die eigene Ausbildung selbst in die Hand; mit viel Disziplin und Ausdauer brachte sie es so weit, dass sie schon im Alter vom 15 Jahren gleichaltrige Mädchen unterrichten konnte. Ihr guter Ruf als Erzieherin verbreitete sich rasch – ihre grösste Leidenschaft galt jedoch der Literatur. Kaum zwanzig, gewann sie den ersten Preis in einem nationalen Wettbewerb, wo sie keinen geringeren als Edgar Alle Poe hinter sich liess! Sie schrieb auch ein erfolgreiches Theaterstück; der Bruder jedoch, inzwischen selbst ein Theologe, verbot ihr künftig solche unchristlichen Tätigkeiten. Sie gehorchte, obwohl sie sich inzwischen als Essayistin und Shakespeare-Kennerin einen Namen gemacht hatte; für die damalige Zeit eine erstaunliche Tatsache, weil die Literaturwissenschaft noch eine reine Männerdomäne war.Als Erzieherin hätte Delia Bacon eine glänzende Karriere einschlagen können, höhere Schulen für wohlhabende Mädchen waren damals rar. Eines Tages quittierte sie jedoch alle Verpflichtungen und widmete sich sechs Monate lang einer mörderischen Arbeit: dem Shakespeare-Kritizismus. Mit Akribie durchsuchte sie alle seine Werke, um Ungereimtheiten und versteckte Hinweise über Politik, die Umgebung und den Autor selbst zu finden. Sie kehrte mit der unerschütterlichen Überzeugung in die Öffentlichkeit zurück, dass der zweitrangige Schauspieler William Shakespeare vom Globe Theater nicht der Autor dieses Oeuvres sein kann! Er besass weder die Bildung noch das weltmännische Format, um solche grossartige Literatur zu schreiben. Ihr zufolge schuf eine Gruppe von Englands Elite die Bühnenwerke, deren zentrale Figur ein berühmter Philosoph und Staatsmann war:
Sir Francis Bacon
Lord Francis BaconDer gleiche Familienname war reiner Zufall, sie bildete sich keineswegs eine entfernte Verwandtschaft ein.Unglücklicherweise machte sie in dieser Zeit die Bekanntschaft mit Samuel Morse, dem Erfinder des Telegraphs, der gerade seine bahnbrechenden Chiffre-Methoden präsentierte. Er brachte der Bacon-Anhängerin bei, wie man Geheimcodes entziffern und in alten Schriften verborgenen Zahlen- und Buchstabenkombinationen ausfindig machen konnte.Dazu hätte sie jedoch alle Werke von Shakespeare erneut durchsuchen müssen! Für jeden Grund genug, das unmögliche Vorhaben aufzugeben – aber nicht für Miss Bacon. Nichts konnte sie von dieser Arbeit abhalten, weder Entbehrungen noch die Drohungen des Bruders oder die Empörung anderer Wissenschaftler. Sie arbeitete wie besessen – und brachte ihre Begründungen ausführlich zu Papier in der Überzeugung, dass die Welt nicht den Provinzler aus Stratford-upon-Avon, wohl aber das Genie Francis Bacon feiern sollte.Zuletzt machte sie sich mit ihren beschränkten finanziellen Mitteln auf den Weg nach England. Körperlich und psychisch angeschlagen irrte sie auf historischen Plätzen und Friedhöfen umher und wollte sogar Gräber öffnen lassen, um dort die letzten Beweise für ihre Theorie zu finden. In Stratford verbrachte sie in einer ärmlichen Stube mehrere Monate praktisch im Bett, weil sie die Heizung nicht bezahlen konnte – und schrieb und schrieb, trotz Fieber und Husten.Allmählich erregte sie öffentliches Mitleid und mit Hilfe einiger Landsleute wurde ihr grosses Werk über den wahren Autor der Shakespeare’schen Dramen verlegt.Kaum einer las es - und niemand verstand es.Nach diesem Misserfolg verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Der Bruder musste sie nach Amerika zurückholen und in einer Anstalt pflegen lassen. Die Werke von William Shakespeare und Lord Francis Bacon wurden jedoch endgültig aus ihrer Umgebung verbannt, die eigenen Schriften ebenso.1859 verstarb sie in geistiger Umnachtung.» Beim Abschied von meiner Gastgeberin war ich tief bewegt und bedankte mich mit zitternder Stimme für ihr Vertrauen. Zum Glück hatte die Lady die Ursache meines Gemütszustandes nicht verstanden und blühte regelrecht auf: Sie wollte mir sogar weitere Geheimnisse anvertrauen! So erfuhr ich, dass sie ein wichtiges Mitglied des Bacon-Vereins ist und dessen Arbeit jahrelang mit hohen Summen unterstützte. Eigentlich gab es schon seit dem Ableben von Delia Bacon eine weltumfassende Bewegung, von Literaten und Wissenschaftlern vorangetrieben, die felsenfest glaubten, dass die alte Jungfer recht hatte! Ein Heer von «Baconianern» der neuen Generation arbeitet auch heute unermüdlich daran, die Lügen über William Shakespeare zu entlarven. Sally flüsterte mir auch ihren grössten Kummer zu: Ihr Ehemann unterstütze sie gar nicht, in der Familie ist das Thema schon seit längerer Zeit verboten. Er hatte Angst, es könnte eventuell eine erbliche Veranlagung vorliegen, und verbannte jegliche Literatur über Delia Bacon aus dem Haus, die gesammelten Werke von Shakespeare und Francis Bacon inklusive. Dass sie ihr privates Vermögen insgeheim schon aufgebraucht hatte, um die Bewegung zu unterstützen, brachte bei ihm das Fass zum Überlaufen: Die jährliche Reise nach England wollte er nicht finanzieren und die Korrespondenz mit Gleichgesinnten wurde ihr verboten! Zum Glück konnte sie einige der kostbaren Bücher in einem Geheimfach verstecken und die Informationen des Vereins kämen an die Adresse einer Freundin. Ich versicherte ihr, dass sie das Geheimnis der richtigen Person anvertraute, weil ich selbst ebenso fest überzeugt war, den falschen Mann als Autor der unsterblichen Werke zu verehren. Eben darum sollten wir Kontakt halten und Neuigkeiten austauschen! Ihre Freude war unbeschreiblich. Wie Mitglieder eines Geheimbundes hatten wir Versprechungen gemacht, Adressen ausgetauscht und in euphorischem Zustand voneinander Abschied genommen. Ich jubelte innerlich und konnte mein Glück kaum fassen: Mir war es gelungen, zum harten Kern des feindlichen Lagers vorzudringen! Ich habe die späte Verwandte der verrückten Miss Bacon kennengelernt, die genau so verrückt zu sein scheint, wie ihre Ur-Ur-Urgrosstante, die diesen Unfug in die Welt gesetzt hatte. Der trockene Stubengelehrte Lord Francis Bacon als Dichter? Lächerlich. Ich nahm mir vor, meine Mitstreiter sofort über das Geschehene zu informieren, ihr Lob und ihre Anerkennung waren mir gewiss. Ich werde wie ein Spürhund auf der Fährte bleiben und von meiner neuen «Freundin» alles aus erster Hand erfahren, was die Baconianer im Schilde führten. Diese kriminelle Bande war nämlich zu allem fähig: Sie fälschten, stahlen Dokumente und vernichteten kostbare Beweise, die ihre Theorien gefährdeten. Und Sally faselte sogar etwas von einem Durchbruch! Nicht zu fassen – was haben sie wieder verdreht und gefälscht, um ihren Zielen näher zu kommen? Um es vorweg klarzustellen: Vor einem echten Durchbruch stehen nur WIR! Auch ich habe weder Geld noch Mühe gescheut, um der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen. Bald wird die staunende Welt von uns das bestgehütete Geheimnis der Literaturgeschichte erfahren, nämlich den Namen des wirklichen Autors der Shakespeare’schen Dramen:
Edward de Vere, the Seventeenth Earl of Oxford
Edward de Vere, the Seventeenth Earl of Oxford Edward de Vere, 17th Earl of Oxford[/caption] Er war das Genie, der seinem Freund, Will Shakespeare aus dem Theatermilieu bat, die Bühnenwerke als seine eigenen aufführen zu lassen. Nur er hatte die Ausbildung, das Talent, die philosophische Tiefe und die menschliche Erfahrung! Aber damals war es unter der Würde eines Aristokraten, als Autor von blutigen Dramen und frivolen Komödien aufzutreten. In Kürze können wir, «Oxfordianer», unsere Theorie mit authentischen Dokumenten beweisen, diesbezüglich habe ich in der letzten Zeit vielversprechendes gehört – jetzt werden unsere besten Köpfe die Forschungsergebnisse in Kürze öffentlich machen! Wir sind also bald am Ziel; leider habe ich inzwischen einige private Unannehmlichkeiten, die noch zu beseitigen wären. Mein Mann benimmt sich seit einiger Zeit merkwürdig. Als ihm zufällig ein Bankauszug von meinem privaten Konto in die Hände kam, sprach er tagelang nicht mit mir. Ja, das Geld, was ich von Mutti geerbt habe, ist alle. Na und? Die Nachforschungen kosten so viel, und wenn ich selbst nicht aktiv mithelfen kann, dann wenigstens mit Geld … Mein Mann sperrte sogar unser gemeinsames Konto und will mir die monatlichen Ausgaben lieber bar in die Hand geben. Ausserdem zwingen ihn Börsenverluste zum Sparen, und die Reise zu meiner «besten Freundin» in Oxford kann er auch nicht bezahlen. Oh weh, werde ich unseren grössten Triumph nicht hautnah miterleben können? Meine Tochter geht mir gleichwohl auf die Nerven, jeden Tag ruft sie zu unmöglichen Zeiten an. Ihr ständiges Gezeter lautet: Ich sollte mich in einer schönen Umgebung ausruhen! Wie wäre es in den Schweizer Bergen? Mein Sohn hingegen plädiert für eine Studienreise nach New Zealand, weit weg von europäischer Kultur. Sie spinnen doch alle. Solche teuren Reisen … sind wir jetzt pleite oder nicht? Und wo sind überhaupt meine Bücher?Text: www.annarybinski.chHomepages der andern Kolumnisten:www.gabrielabucher.chwww.leonardwuest.ch www.herberthuber.chwww.noemiefelber.ch/http://paul-lascaux.ch/